Texas Falscher Bissspurbeweis brachte Mann 28 Jahre ins Gefängnis

Ein Zahnarzt hat 1989 ausgesagt, an einem Mordopfer Bissspuren von Steven Mark Chaney gefunden zu haben - Chaney wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie sich nun herausstellt, waren die Beweise damals fragwürdig. Jetzt ist der 59-Jährige frei.


Ein Gericht in Texas hat angeordnet, Steven Mark Chaney nach 28 Jahren in Haft aus dem Gefängnis zu entlassen - weil der Schuldspruch gegen den Mann auf einem fehlerhaften Beweismittel basierte. 1987 waren Sally und John Sweek in ihrem Haus niedergestochen worden. Zwei Jahre später wurde Chaney dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Es hieß, er habe den Doppelmord begangen, um Schulden bei Drogendealer Sweek nicht begleichen zu müssen.

Zentrales Beweismittel war die Aussage eines Zahnarztes zu Bissspuren auf John Sweeks Arm. Der Mediziner war der Überzeugung, die Chancen, dass die Bisse nicht von Chaney stammten, stünden bei eins zu einer Million. Mindestens eine Jurorin hatte damals explizit gesagt, die Aussage des Mediziners habe sie von Chaneys Schuld überzeugt. Doch nun hat sich der Zahnarzt korrigiert. Inzwischen habe sich herausgestellt, dass der Bissspuren-Abgleich "wissenschaftlich nicht stichhaltig" sei.

Daraufhin ordnete Richterin Dominique Collins an, Chaney freizulassen. Für diese Entscheidung hatten sich Staatsanwaltschaft, Pflichtverteidiger und die Gefangenen-Hilfsorganisation The Innocence Project eingesetzt. Ein Appellationsgericht muss der Entscheidung noch zustimmen. Dies gilt jedoch als Formalie.

"Ich könnte hier sitzen und alles aufzählen, was falsch gelaufen ist", sagte Chaney, ein ehemaliger Bauarbeiter. "Aber dies ist eine Zeit, um sich zu freuen und nicht, um aufzurechnen."

Bereits 2009 war ein Bericht der Nationalen Akademie der Wissenschaften zu dem Ergebnis gekommen, die wissenschaftliche Basis zum Abgleich von Bissspuren sei unzureichend. In Texas werden inzwischen Fälle überprüft, bei denen eine Biss-Analyse zu Verurteilungen beitrug.

Die Jury hatte die Bissspuren-Analyse überzeugender gefunden als die Aussage von neun Zeugen. Sie gaben an, zum Tatzeitpunkt habe Chaney Zeit mit ihnen verbracht und könne deshalb nicht im Haus der Sweeks gewesen sein. Chaneys Verteidiger werfen der Staatsanwaltschaft zudem vor, wissentlich falsche Beweise vorgebracht zu haben. So habe die Anklage behauptet, unter Chaneys Schuh sei Blut gewesen. Es sei aber verschwiegen worden, dass ein Gutachter zu gegenteiligem Ergebnis gekommen war.

Chaneys Anwälte wollen nun, dass seine Unschuld formal festgestellt wird. Die Staatsanwaltschaft hat sich dazu bislang nicht geäußert und lediglich mitgeteilt, es sei klar, dass der 59-Jährige kein faires Verfahren hatte. Vom Büro der Pflichtverteidiger im Bezirk Dallas hieß es, man sei davon überzeugt, dass auch die Staatsanwaltschaft nach einer Prüfung der Beweismittel von Chaneys Unschuld überzeugt sein werde.

Laut der Zeitung "Dallas Morning News" wurden im Bezirk Dallas bislang mehr als 30 Personen rehabilitiert, nachdem sie für Verbrechen verurteilt worden waren, die sie nicht begangen hatten. Meistens hätten DNA-Analysen die Unschuld erwiesen.

ulz/AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.