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Texas: Todeskandidat wegen pünktlichen Feierabends hingerichtet

"Wir schließen um 17 Uhr": Weil eine Richterin sich weigerte, die Öffnungszeiten des Gerichts um 20 Minuten zu verlängern, um das Aufschubgesuch eines Todeskandidaten in Empfang zu nehmen, musste der Mann sterben.

Washington - Am Abend des 25. September 2007 sollte Michael Richards im US-Bundesstaat Texas hingerichtet werden. Gerade hatte das Oberste US-Gericht einen Einspruch gegen die Verfassungsmäßigkeit der Giftspritze angenommen, jetzt versuchten Richards Anwälte in letzter Minute, beim Obersten Strafgerichtshof von Texas einen Aufschub der Hinrichtung zu erwirken.

Als sie nach einer Computerpanne gegen 16.50 Uhr beim Gericht anriefen und darum baten, die Schließung um 20 Minuten zu verzögern, antwortete ihnen der Gerichtsschreiber auf Anweisung von Richterin Sharon Keller: "Wir schließen um 17 Uhr." Ein Eilantrag beim Obersten US-Gericht schlug dann fehl, weil die Stellungnahme des zuständigen Richters vor Ort fehlte. Richards wurde noch am selben Abend hingerichtet - der 48-Jährige war der letzte Todeskandidat vor einem siebenmonatigen Moratorium, dessen Urteil vollstreckt wurde.

Seit Montag läuft nun ein Disziplinarverfahren gegen Richterin Keller, welche den Aufschub der Hinrichtung so hartherzig verhindert haben soll. Sie muss sich vor dem Gericht in San Antonio wegen Amtsvergehens verantworten.

Bei der ersten Anhörung stellten beide Seiten ihre Version des Hergangs dar. Kellers Anwalt versicherte laut Angaben lokaler Medien, die Richterin habe lediglich auf die Schließungszeiten der Büros hingewiesen, damit aber nicht gemeint, dass danach kein Antrag auf Aufschub mehr gestellt werden könne. Dagegen bekräftigten Richards Anwälte ihre Auffassung, Keller habe eine Verlängerung der Öffnungszeiten abgelehnt, obwohl dies im Fall von Todesurteilen allgemeine Praxis sei.

Richterin Keller ist für ihr kompromisslose Haltung bekannt, von Gegnern der Todesstrafe wird die Republikanerin "Sharon Killer" genannt. Im Falle eines Schuldspruchs droht ihr nun die Entlassung.

ala/AFP

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