Amoklauf in Texas Amerikas wahres Problem

Erst kommt das Massaker, dann der Streit um schärfere Waffenkontrollen. Das Ritual zeigt, wie tief die Spaltung der US-Gesellschaft ist - und sie könnte noch tiefer werden.

Blumen am Tatort in Sutherland Springs
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Blumen am Tatort in Sutherland Springs

Ein Kommentar von , Washington


Alte, Väter, Mütter, Kinder wurden niedergemetzelt. Wieder einmal, muss man leider sagen. Der Täter von Sutherland Springs nutzte ein halbautomatisches Gewehr, in Texas kann man eine solche Waffe für ein paar Hundert Dollar in fast jedem Ort kaufen. Natürlich beginnt jetzt wieder die alte Debatte über schärfere Waffengesetze. Tatsächlich geht es bei diesem Streit in Wahrheit längst um viel mehr als nur um die Waffen.

Wie in einem Brennglas zeigt sich an diesem Konflikt das eigentliche Problem des heutigen Amerika. Das Land ist unfähig zum politischen Kompromiss, es ist hochgradig polarisiert, es fehlen Menschen, die Brücken zwischen den Lagern bauen, die auch in der Lage sind, die andere Seite zu verstehen.

Es gibt diesen tiefen kulturellen Konflikt zwischen Stadt und Land. Zwischen den Metropolen und der Provinz. Auf der einen Seite stehen die urbanen, global denkenden Eliten, die ihren Lebensstil für den allein selig machenden halten. Sie brauchen keine Waffen, und sie wollen keine Waffen. Sie verstehen unter Freiheit das Recht, dorthin reisen zu können, wo man gerade sein möchte, und lieben zu dürfen, wen man will.

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Texas: Schüsse während der Andacht

Auf der anderen Seite stehen die Menschen aus dem ländlichen Amerika, aus den kleineren Städten des Südens und der Mitte. Ihr Verständnis von Freiheit ist geprägt von der Erfahrung ihrer Vorväter und -mütter. Es waren die Siedler, die Waffen hatten, um sich in der Einsamkeit gegen Banden und Bären zu verteidigen. Und sie wollten eine Waffe, um sich gegen eine allzu übergriffige Staatsmacht zu wehren. Freiheit, das bedeutete für diese Menschen, auf dem eigenen Stück Land tun und machen zu dürfen, was man will - und zum Beispiel die Früchte der eigenen Arbeit möglichst nur mit jenen zu teilen, die man selbst dafür aussucht.

Wer jemals durch Texas oder New Mexiko gereist ist, versteht, dass diese kulturelle Tradition in Teilen des Landes fortlebt. Man wird sie genauso wenig auslöschen können wie zum Beispiel die Leidenschaft vieler Bayern für Bier und Lederhosen.

Natürlich gibt es unter den Waffenkritikern Leute, die diese kulturelle Kluft verstehen und bereit wären, mit den Waffenfreunden einen Kompromiss zu finden. Und sicherlich wird man auch einige Waffenfans finden, die nachvollziehen können, dass es einen Versuch wert wäre, die Ausgabe von Waffen viel strenger zu kontrollieren oder endlich den Verkauf von halbautomatischen Armeegewehren oder Apparaturen zu verbieten, damit ein Mensch nicht innerhalb von wenigen Minuten 58 andere Menschen töten kann, wie in Las Vegas geschehen. Das Problem ist nur: Von den Amerikanern, die bereit wären, in aller Ruhe und Vernunft den Kompromiss zu suchen, gibt es in diesen Tagen schlicht zu wenige. Es ist viel zu viel Hass und Verachtung da, auf beiden Seiten.

Donald Trump, der Präsident, macht alles nur noch schlimmer: Seine Aufgabe wäre es eigentlich, den Ausgleich der Interessen zu organisieren. Er müsste ein Präsident für alle Amerikaner sein. Stattdessen treibt er die Lager mit kruden Thesen und populistischen Tönen nur noch weiter auseinander. Tragödien wie der Fall in Texas oder die Attacke in Manhattan werden von ihm politisch instrumentalisiert, um die eigenen Anhänger aufzuhetzen. Den Angreifer von Sutherland Springs nennt er einen "Geisteskranken" und tut so, als wäre die Frage, wie so ein Mensch an Waffen kommt, gar kein großes Problem. Die Sorgen des anderen Amerika werden von ihm so schlicht ignoriert.

Das Traurige ist: Weil Donald Trump mit seiner Polarisierungsstrategie bei der Präsidentschaftswahl so viel Erfolg hatte, schafft er immer neue Nachahmer: Schon jetzt zeigt sich, dass bei den anstehenden Gouverneurs- und bei den Kongresswahlen im kommenden Jahr etliche Kandidaten antreten, die die Lager mit scharfen Tönen zu Waffen oder Migranten gegeneinander aufhetzen. Überall im Land könnten so schon bald viele neue kleine Trumps an die Schalthebel der Macht kommen. Eine Lösung des Waffenproblems würde es dann wohl auf absehbare Zeit erst recht nicht geben.

Einmal mehr haben es deshalb die Wähler in der Hand: Belohnen sie die Polarisierer oder die Brückenbauer? Wollen sie Kompromisse oder noch mehr Hass und Wut? Wird es endlich besser oder nur noch schlimmer? Amerika steht vor entscheidenden Monaten.

Der Tatort


insgesamt 53 Beiträge
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rgw_ch 07.11.2017
1. Nur in Amerika
Ist diese zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die Unfähigkeit zum Kompromiss, der Unwille, die andere Seite zu verstehen, denn nur ein Problem in Amerika? Ist nicht auch bei uns der Begriff "Versteher" zum Schimpfwort geworden? Wieso ist es so leicht, den Splitter im Auge der Anderen zu sehen, den Balken im eigenen Auge aber nicht?
fsteinha 07.11.2017
2. Schlimmer geht immer
Amerika war schon immer ein Land der Extreme. Nur haben sie es im letzten Jahrhundert verstanden daraus ihren Vorteil zu ziehen. Es war Platz für alle da und trotzdem war es ein Nation. Dafür braucht es die Kompromisse, wie der Artikel beschreibt. Und Alternativen. Vital Gore hat die beiden Parteien Mal als zwei rechte Flügel einer Partei beschrieben. Ich denke es wird eher schlimmer. Trump ist ein Zeichen des Niedergangs, ein Produkt der Orientierungslosigkeit und des fehlenden Kompromisses. Hoffen wir das der Fall der USA nicht so abrupt wird, wie der der Sowjetunion.
vokö¶ 07.11.2017
3. Danke...
...für diesen sehr ausgewogenen und hilfreichen Kommentar. Das Beste, was ich zu diesem Thema seit langem gelesen habe. In Deutschland neigen wir bei dem Thema sonst ja eher zum Kopfschütteln und Abwerten. Dabei haben wir ein ganz ähnliches Problem - wenn auch in kleiner Ausprägung.
andreasjary 07.11.2017
4. Medienpräsenz
Endlich mal ein Artikel, der den Nagel auf den Kopf trifft. Allerdings muss ich hier mal die Bedeutung der Medien ansprechen. Im Gegensatz zu einer Zeit vor ca. 20 Jahren wo solche Taten maximal in 1-2 Tage in den Nachrichten liefen, wird hier die Sau wochenlang durchs Dorf getrieben. Das schafft dem Täter postum maximale Aufmerksamkeit und Berühmtheit und sorgt für Nachahmer. Anstatt nur seine Schwiegermutter umzubringen, was wohl das Ziel sein sollte, nimmt er gleich die halbe Gemeinde mit und sorgt Dank Medienrummel für einen sensationellen "Abgang". Wer den Verlauf solcher Taten zurückverfolgt, wird ein Schema erkennen. Jeder Täter versucht seinen Vorgänger zu übertrumpfen um einen maximalen Schock und Medienpräsenz zu erreichen. Tipp an die Medien, auch wenn es schwerfällt, die Sache wenn überhaupt, auf kleiner Flamme kochen. Wenn solche Taten kein Medieninteresse erzeugen, verlieren auch die irren Täter das Interesse daran.
peter.gruebl 07.11.2017
5. Freiheit und Sicherheit
Wie bei allen anderen Dingen auch muss es einen Ausgleich zwischen Freiheit und Sicherheit geben. Und mit Freiheit ist nicht nur die eigene sondern auch immer die Freiheit des anderen gemeint. Es wäre kein schlechter Weg eine Waffenerwerbserlaubnis in den USA einzuführen, die bei jedem Waffenverkauf vom Verkäufer geprüft wird. Als potentieller Verkäufer hätte ich ein wesentlich besseres Gefühl dabei, wenn ich das mir mögliche getan hätte meine Waffen nicht an einen Gewalttäter zu verkaufen.
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