Neonazi-Untersuchungsausschuss: Umstrittener Verfassungsschützer wehrt sich gegen Kritik

Er gab sich harsch und knurrig: Thüringens Ex-Verfassungsschutzchef Roewer wies alle Vorwürfe zurück, sein Amt habe V-Leute in Neonazigruppen vor Razzien gewarnt. Allerdings bescheinigte er der Behörde Arbeitsunfähigkeit. Mitarbeiter wiederum beschwerten sich über seinen Führungsstil.

Von 1994 bis 2000 Chef des Thüringer Verfassungsschutzes: Helmut Roewer in Erfurt Zur Großansicht
dapd

Von 1994 bis 2000 Chef des Thüringer Verfassungsschutzes: Helmut Roewer in Erfurt

Erfurt - Fehler bei Kommunikation und Ermittlungsarbeit, aber keine absichtliche Vertuschung: Thüringens früherer Verfassungsschutz-Präsident Roewer hat vor dem Neonazi-Untersuchungsausschuss in Erfurt die Vorwürfe zurückgewiesen, dass der Geheimdienst V-Leute vor Polizeimaßnahmen gewarnt habe.

Von dem ehemaligen Geheimdienstchef hatten sich die Gremiumsmitglieder vor allem Informationen über die Zeit erhofft, bevor die drei Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt untertauchten. Roewer war von 1994 bis 2000 Chef der Behörde. Im Jahr 1998 waren die Mitglieder des späteren Terrortrios von der Bildfläche verschwunden.

Polizisten hatten den Geheimdienstlern zuvor Fehler im Umgang mit rechtsextremen Informanten vorgeworfen. In einem Fall habe ein Verdächtiger, der sich später als V-Mann entpuppte, die Beamten um 6.00 Uhr morgens erwartet. Die Festplatte seines Computers war ausgebaut. Mehrere Beamte hatten zudem generelle Kritik an der Informationspolitik der Behörde geäußert.

Roewer wies die Vorwürfe harsch zurück: Nein, das Amt habe V-Leute nicht vor bevorstehenden Polizeirazzien gewarnt. Nein, die Information zwischen Verfassungsschutz und Polizei sei keine Einbahnstraße in Richtung Nachrichtendienst gewesen. Es seien auch keine geheimen Informationen an V-Leute weitergegeben worden.

Er habe sich nicht in die Arbeit des für die V-Mann-Abschöpfung zuständigen Referats eingemischt: "Ich kann nicht einmal die genaue Anzahl an V-Leuten sagen", so Roewer.

Verfassungsschützer forderten Verbot des "Thüringer Heimatschutzes"

Die Gefahr, die von den Rechtsextremen in Thüringen ausging, war der Behörde aber laut Roewer bewusst: Die Szene habe sich nach 1994 stark radikalisiert: "Die ursprüngliche Hypothese, nur doof und stark und arbeitslos, stimmte spätestens ab 1996 nicht mehr", sagte Roewer. Auf dem Bereich habe der Schwerpunkt der Arbeit des Geheimdienstes gelegen.

Im Jahr 2000 schlug der Geheimdienst laut Roewer vor, das Neonazi-Netzwerk "Thüringer Heimatschutz" zu verbieten. Ein vorformulierter Entwurf für eine entsprechende Verfügung sei im Mai an das Thüringer Innenministerium gegangen, sagte Roewer. Zum "Thüringer Heimatschutz" gehörte auch die "Kameradschaft Jena", in der die drei Mitglieder der späteren NSU-Terrorzelle organisiert waren.

Die Organisation stand im Zentrum der umstrittenen Geheimdienstoperation "Rennsteig". Im Rahmen des Einsatzes hatten mehrere Nachrichtendienste unter Führung des Bundesamtes mindestens acht V-Männer in Thüringen geworben, um Informationen über das Neonazi-Netzwerk zu gewinnen. Vor kurzem war bekannt geworden, dass ein Verfassungsschützer Akten über den Einsatz vernichtet hatte.

Roewer will jedoch nichts von der Operation "Rennsteig" gewusst haben. Auch der in dieser Zeit für die Anwerbung von V-Leuten zuständige Beamte sagte aus, nie etwas davon gehört zu haben - kritisierte jedoch, dass Informationen über Quellen "in Kaffeerunden" ausgetauscht worden seien.

Zerrüttete Arbeitsatmosphäre

Mehrere der Befragten beschrieben die zerrüttete Arbeitsatmosphäre innerhalb des Geheimdienstes. Der frühere Referatsleiter Rechtsextremismus, Karl Friedrich Schrader, kritisierte Roewers Verhalten im Umgang mit Mitarbeitern als "schäbig". Zudem monierte er Auftritte Roewers mit nackten Füßen im Amt.

Der Ex-Geheimdienstchef seinerseits äußerte sich kritisch über die Ermittlungsarbeit seiner früheren Behörde "Der Dienst war bei meinem Amtsantritt arbeitsunfähig", sagte er, "es war überhaupt nichts vorhanden." Niemand habe eine entsprechende Ausbildung gehabt, "außer ich", so Roewer weiter. "Einige Mitarbeiter wurden fortgebildet, einige gingen, die Dummen hielten sich im Amt."

usp/dpa/AFP/Reuters

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1. ...
Jabba56 10.07.2012
Zitat von sysop... Niemand habe eine entsprechende Ausbildung gehabt, "außer ich", so Roewer weiter. "Einige Mitarbeiter wurden fortgebildet, einige gingen, die Dummen hielten sich im Amt."...
Was für'n A....loch!
2. Ein typischer Psychopath, nicht zu greifen -
tsitsinotis 10.07.2012
ich wünschte mir, ein paar Untersuchungsausschüsser schnuppern mal, wenn es die Akten erlauben, bei Robert D. Hare: "Psychopathen unter uns".
3. Scheinheilig
mikjall 10.07.2012
Zitat von sysopEr gab sich harsch und knurrig: Thüringens Ex-Verfassungsschutzchef Roewer wies alle Vorwürfe zurück, sein Amt habe V-Leute in Neonazigruppen vor Razzien gewarnt. Allerdings bescheinigte er der Behörde Arbeitsunfähigkeit. Mitarbeiter wiederum beschwerten sich über seinen Führungsstil. Thüringens Ex-Geheimdienstchef Roewer weist Vorwürfe zurück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,843473,00.html)
Dass Rechtsradikalismus in Deutschland, und vor allem in Ostdeutschland, gerne als Kavaliersdelikt gesehen wird, ist doch ein offenes Geheimnis. Was wuerde die Partei unserer Frau Merkel machen, wenn ihre rechten Waehler ploetzlich wegfallen wuerden?
4. Abschaffen.
tabvlarasa 10.07.2012
Den gesamten Verfassungsschutz. Ersatzlos.
5. Dranbleiben!
altmannn 10.07.2012
Zitat von sysopEr gab sich harsch und knurrig: Thüringens Ex-Verfassungsschutzchef Roewer wies alle Vorwürfe zurück, sein Amt habe V-Leute in Neonazigruppen vor Razzien gewarnt. Allerdings bescheinigte er der Behörde Arbeitsunfähigkeit. Mitarbeiter wiederum beschwerten sich über seinen Führungsstil. Thüringens Ex-Geheimdienstchef Roewer weist Vorwürfe zurück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,843473,00.html)
Die interessanteste Aussage ist m.E. der Verbotsvorschlag an das Innenministerium. Wer hat das dort weiter bearbeitet? Welches Ergebnis mit welcher Begründung??? Ziemlich nebulös..
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  • Montag, 09.07.2012 – 22:43 Uhr
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Neonazi-Mordserie
9. September 2000 - Enver S.
Das erste Opfer war der Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.
13. Juni 2001 - Abdurrahim Ö.
Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
27. Juni 2001 - Süleyman T.
Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 27. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen.
29. August 2001 - Habil K.
Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
25. Februar 2004 - Yunus T.
Am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
9. Juni 2005 - Ismail Y.
Am 9. Juni 2005 wurde Ismail Y., 50, mit gezielten Schüssen in seinem Dönerstand an der Scharrerstraße in Nürnberg getötet. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Das Duo wurde nie gefunden.
15. Juni 2005 - Theodorus B.
Am 15. Juni 2005 erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte.
4. April 2006 - Mehmet K.
Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
6. April 2006 - Halit Y.
Bei der vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl sich dort mindestens drei Gäste aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.