Rechtsextreme Szene: Thüringer Polizei bezahlte Neonazi als Spitzel
Neonazis als Vertrauenspersonen? Seit der Enttarnung der NSU-Terrorzelle widersprach das Thüringer Innenministerium solchen Unterstellungen vehement. Doch jetzt kommt heraus: Die Polizei hat in der rechtsextremen Szene Informanten geführt - und bezahlt.
Ralf K. hat nicht lange gespitzelt, aber er hat - und genau das ist das Problem. Die Thüringer Polizei hat in der rechtsextremen Szene Informanten geführt. Nach Informationen von MDR Thüringen wurde in Jena ein Rechtsextremist als so genannte Vertrauensperson (VP) angeworben - und bezahlt.
Eine Vertrauensperson gehört keiner Strafverfolgungsbehörde an. Sie unterstützt diese aber vertraulich bei der Aufklärung von Straftaten auf längere Zeit. Die Identität der Vertrauensperson wird grundsätzlich geheim gehalten.
Doch das Thüringer Innenministerium hat die Führung von Vertrauenspersonen in der rechten Szene bislang bestritten. Nach Informationen von MDR Thüringen ist es jedoch bereits seit Anfang 2012 im Bilde. Erst im Mai 2012 hatte die Behörde auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion erklärt, dass die Polizei seit 2001 keine V-Personen in der rechtsextremistischen Szene führe. Auch die SPD hatte diesbezüglich Nachforschungen angestellt und im Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss im September 2012 einen Beweisantrag gestellt.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war Ralf K. Spitzel Nummer 0206. Wenn auch nur kurz. Der 43-Jährige soll im September 2005 angeworben und von Mai bis September 2006 als Vertrauensperson geführt worden sein. Er soll seinem VP-Führer berichtet haben, dass die rechte Szene eine Art Sicherheitsdienst plane und dass es für die rechte Szene kein Problem sei, illegal an Waffen zu kommen. Unklar ist, wie oft und welche Informationen er lieferte und in welcher Höhe diese honoriert wurden.
Auch VP-Führer der Kriminalpolizei Erfurt interessierten sich für Ralf K. als Vertrauensperson, er wurde in die zentrale V-Personen-Datei des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) aufgenommen, wie MDR Thüringen berichtet. Demnach wurde der Rechtsextremist als einfacher Informant für den Staatsschutz in Jena geführt und auch für seine Dienste bezahlt.
350 Euro für Informationen aus der Szene
Es soll bereits während der Fahndung nach dem untergetauchten Neonazi-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Pläne gegeben haben, Vertrauenspersonen aus dem Kreis des "Thüringer Heimatschutzes" (THS) anzuwerben oder gar verdeckte Ermittler in den THS einzuschleusen. Das berichtet MDR Thüringen mit Verweis auf vertrauliche Akten aus dem Jahr 2000, wonach in der damaligen Sonderkommission "Rechte Gewalt" (Soko ReGe) dringend nach Material gesucht wurde, um ein Verbotsverfahren gegen den THS durchzusetzen. Unter den Begriff des "Verdeckten Ermittlers" fallen Beamte des Polizeidienstes, die unter einer falschen Identität ermitteln.
Der THS war bis 2001 das mitgliedsstärkste, militanteste, dichteste Neonazi-Netzwerk in Thüringen. Es brauchte nur wenige Anrufe, und die Mitglieder des THS liefen innerhalb weniger Stunden mit mehr als hundert Mann auf. In Hochzeiten gehörten zwischen 140 und 160 Neonazis der Organisation an - darunter die Rechtsterroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe. THS-Chef war Tino Brandt, der im Mai 2001 als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes enttarnt wurde, was bundesweit für Aufsehen sorgte.
Vertrauensperson Ralf K. soll in engem Kontakt mit Brandt, aber auch mit Martin R. und dessen ehemaliger Lebensgefährtin Sandra Z. gestanden haben. Martin R. war einst Leiter des Thüringer NPD-Ordnungsdienstes in Weimar und angeblich Mitglied der "Garde 81", einer Unterstützergruppe der Hells Angels. Ein überzeugter und mehrfach vorbestrafter Nationalsozialist, der bereits mit 17 Jahren einen vietnamesischen Obsthändler mit einem Messer attackiert haben soll. Laut dem Verfassungsschutzbericht von 2007 ist Martin R. eine der Führungspersonen der "Braunen Aktionsfront Thüringen". Bei einer Hausdurchsuchung 2004 fanden die Polizeibeamten bei ihm Waffen.
Das Thüringer Innenministerium räumt inzwischen ein, dass "eine Person im Jahre 2005 in einem kurzen Zeitraum als Hinweisgeber - nicht als Informant oder als Vertrauensperson - Informationen über beabsichtigte Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene im Mittelthüringer Raum an die Polizei in Weimar weitergegeben und dafür 350 Euro erhalten hat". Im Juni 2006 habe die Polizei diese Person, die laut Innenministerium Kontakte ins Drogenmilieu hatte, als Vertrauensperson im Bereich der Betäubungsmittelkriminalität eingesetzt. Die Zusammenarbeit sei beendet worden, "weil sie sich als unzuverlässig erwiesen" habe. "Im Zeitraum der Zusammenarbeit mit der Person kam es zu keinem Einsatz als Vertrauensperson."
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- Sonntag, 17.03.2013 – 10:59 Uhr
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Beate Zschäpe
Anklage: Mittäterschaft bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen; Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung; versuchter Mord; besonders schwere Brandstiftung
Untersuchungshaft: seit 8. November 2011
Verbindung zum NSU: Zschäpe, Jahrgang 1975, gilt als Gründungsmitglied der Terrorzelle NSU. Laut Bundesanwaltschaft war sie neben den verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eines von drei gleichberechtigten Mitgliedern der Gruppe. Sie soll selbst keine Morde verübt haben, aber für den NSU unverzichtbar gewesen sein. Laut Anklage sollte Zschäpe der Terrorzelle den Anschein von Normalität geben, war für die Logistik zuständig, verwaltete das Geld, mietete Fahrzeuge an, archivierte Artikel über die Taten der Terroristen, soll an der Beschaffung einer Waffe und gefälschter Papiere beteiligt gewesen sein. Schließlich soll die 37-Jährige das letzte NSU-Versteck in Zwickau in Brand gesetzt und DVDs verschickt haben, in denen sich der NSU zu seinen Taten bekannte.
RALF WOHLLEBEN
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: seit 29. November 2011
Verbindung zum NSU: Wohlleben, Jahrgang 1975, soll dem Terrortrio 1998 beim Untertauchen finanziell geholfen und dem NSU auch später Geld beschafft haben. Ende 1999 oder Anfang 2000 soll der frühere NPD-Funktionär dem NSU mit Hilfe eines Kuriers eine Pistole vom Typ Ceska 83 und Munition besorgt haben - die Tatwaffe für die Morde an neun Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund.
Holger G.
Anklage wegen: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen
Untersuchungshaft: 13. November 2011 bis 25. Mai 2012
Verbindung zum NSU: G., Jahrgang 1974, soll seit dem Ende der neunziger Jahre Kontakt mit dem Terrortrio gehabt haben. Dem NSU soll er seinen Führerschein, eine Krankenversichertenkarte und einen Reisepass überlassen haben. So soll er der Zelle ermöglicht haben, verborgen zu agieren und rechtsextreme Gewalttaten zu verüben. Zudem transportierte er für die Terroristen eine Waffe. G. hat gegenüber den Ermittlern ein umfassendes Geständnis abgelegt.
Carsten S.
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: 1. Februar bis 29. Mai 2012
Verbindung zum NSU: S. kaufte - angeblich mit dem Geld Ralf Wohllebens - die Waffe, mit der neun Kleinunternehmer erschossen wurden. Zudem lieferte der 32-Jährige die Pistole an die Terrorzelle nach Chemnitz. S. hat gegenüber der Bundesanwaltschaft ausgesagt und ein umfassendes Geständnis abgelegt.
André E.
Anklage: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag, Beihilfe zum Raub
Untersuchungshaft: 23. November 2011 bis 14. Juni 2012
Verbindung zum NSU: Der gelernte Maurer soll der Terrorzelle seit den neunziger Jahren geholfen haben, etwa bei der Anmietung von Fahrzeugen und einer Wohnung. Der 33-Jährige und seine Frau sollen die NSU-Mitglieder regelmäßig besucht haben. Zudem gab er 2006 Beate Zschäpe als seine Ehefrau aus.
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