Tierschutz vs. Kunst Kaninchenmeucheln im Monsterkeller

Von Uta Falck

2. Teil: "Kaninchen an Apricot" - wieso die Tötung dem Verspeisen gedient haben soll


Dagegen pochten Richwien-Verteidiger Mirco Röder und N.s Verteidiger Herbert Hedrich auf die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Röder zitierte zum Auftakt der zweistündigen Verhandlung den Kunstbegriff nach Carl Andre: "Kunst ist das, was ein Künstler Kunst nennt, was ein Kritiker Kunst nennt, was ein Künstler macht, was dem Künstler Geld einbringt. Kunst ist nichts von dem, etwas von dem, alles von dem." Kunst ist also ein dehnbarer Begriff. N.s Verteidiger Herbert Hedrich führt an, die Tötung der Kaninchen habe sehr wohl dem Verspeisen gedient.

Eine Woche später fand in der Galerie der zweite Teil der Performance unter dem Titel "Kaninchen an Apricot" statt. Die Tiere seien also entgegen der Vorwürfe der Staatsanwaltschaft nicht sinnlos getötet worden. Ob es sich bei dem Essen allerdings wirklich um die Performance-Kaninchen handelte, wurde im Gerichtssaal in Zweifel gezogen. Schließlich hatte Richwien nicht nur Ärger mit der Justiz, sondern auch noch mit den amtlichen Lebensmittelkontrolleuren. Die wollten vor dem inszenierten Essen eine Quittung über den Kauf von frischen Kaninchen sehen.

Hedrich führte weiter aus, auf dem Lande würde man Kaninchen sogar in Anwesenheit von Kindern auf diese Art schlachten. Er habe in einem Gespräch mit der Staatsanwaltschaft den Eindruck gewonnen, dass die Tierschützer mächtig Druck auf die Ermittler ausüben. Nur deshalb sei sein Mandant überhaupt angeklagt worden. Im Übrigen gebe es prominente Künstler des "Wiener Aktionismus", die in den sechziger und siebziger Jahren ebenfalls im Namen der Kunst Tiere geschlachtet haben.

Er versäumt zu erwähnen, dass sich auch diese Künstler Ärger dafür einhandelten. Staatsanwalt Tobias Lübbert zitierte Beispiele, so ein Verfahren wegen eines Huhnes, dem während eines Theaterstückes der Kopf abgehackt wurde. In einem anderen Fall verursachte ein auf der Bühne liegender toter Hirsch Ärger. Er erinnerte daran, dass im Juli 2002 der Tierschutz ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Jener Paragraf 20a besagt, dass der Staat die Tiere im Rahmen der verfassungsgemäßen Ordnung durch die Gesetzgebung zu schützen hat.

Keine Verantwortung für das Kaninchen als Mitgeschöpf?

Für ihn ist das Verhalten der Angeklagten strafbar. Er forderte für Richwien 50 Tagessätze á 100 Euro (5000 Euro), für N. 50 Tagessätze á 20 Euro (1000 Euro) und für Peggy B. 30 Tagessätze á 30 Euro(900 Euro). Richter Richard Steinicke ging in seiner Urteilsbegründung noch weiter: "Kunstfreiheit ist nicht schrankenlos und findet seine Grenzen, wenn Dritte verletzt werden." Er stellte nicht in Frage, dass schon vor Richwien weitaus berühmtere Künstler Tiere für Kunstaktionen getötet hätten.

"Das mag so gewesen sein, damals hatten wir noch nicht den Paragrafen 20a des Grundgesetzes. Unsere Einstellung gegenüber Tieren habe sich geändert." Mit dem neu ins Grundgesetz aufgenommenen Paragrafen habe man "solche Sachen wie hier verhindern wollen", so Steinicke. Seiner Meinung nach stand das Verspeisen der Tiere im Hintergrund der Tat, deshalb seien die Tiere sinnlos getötet worden. "Es waren zwei kleine Kaninchen, die besonders schutzlos waren", führte der Jurist leicht rührselig aus. Richwien und seine Helfer hätten die Tiere getötet "aus Klamauk und um Schauern zu erregen".

Die Angeklagten hätten keine Verantwortung für das Kaninchen als Mitgeschöpf übernommen, sie waren Mittel zum Zweck. Steinicke sprach von einer "Scheinveranstaltung." Natürlich habe er sich, als er Kenntnis von dem Verfahren bekam, schon gefragt, ob die Aufregung über den Tod der Tiere nicht etwas überzogen sei. Steinicke bezeichnet das Verfahren als einen Grenzfall. "Wir alle leben davon, dass Tiere getötet werden." Aber es sei ein Unterschied, ob die Kaninchen im Schlachthof sterben oder ob man mit ihrem Tod den Ekel von Zuschauern erzeugen wolle. Der Richter verurteilte Falk Richwien zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen á 30 Euro (2400 Euro), den Fleischermeister zu 50 Tagessätzen á 20 Euro (1000 Euro) und Peggy B. zu 20 Tagessätzen á 30 Euro (600 Euro).

Steinicke allerdings hat Zweifel, dass das Urteil rechtskräftig wird. Die Verurteilten zögen sicherlich in die nächste Instanz.



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