Tipps aus der Unterwelt: Was Manager von der Mafia lernen können
Louis Ferrante war Handlanger des Top-Mafioso John Gotti, achteinhalb Jahre verbrachte er im Knast. Seit der Entlassung schreibt er sich die dunkle Vergangenheit von der Seele - sein jüngstes Werk erscheint nun in Deutschland: Mafia-Ratschläge für ehrbare Unternehmer.
Es gab Zeiten, da war Louis Ferrante kein Mann, mit dem man zu tun haben wollte. "Ich war ein harter Kerl", sagt er. "Ich war ein gewalttätiger Kerl." Ganz zu schweigen von dem Rivalen, der irgendwie mal angeschossen wurde. "Aber darüber will ich nicht sprechen."
Denn sie sind längst vorbei, diese Zeiten. Heute ist Ferrante ein gewandelter Mensch, sagt er zumindest. Einer, der an Gott glaubt und an das Gute in anderen und sich selbst. Weshalb er auch mitten im Lunch aufsteht, um draußen die abgelaufene Parkuhr nachzufüllen: "Ich achte das Gesetz", sagt er ganz ohne Ironie.
Das war nicht immer so. Mafiosi mögen Parkuhren nachfüllen, aber sonst hält sich ihr Respekt vor der Justiz in Grenzen - bis es sie erwischt. Achteinhalb Jahre hat Ferrante gesessen, als Handlanger von John Gotti, dem legendären Gambino-Paten. Raubüberfall, Körperverletzung, Erpressung, Betrug: "Alles außer Mord", sagt er. "Das konnte ich nicht."
Ferrante, 42, hockt in einem Coffeeshop in Manhattan. Er hat ein Grilled-Cheese-Sandwich mit Tomate vor sich und ein schlichtes Glas Wasser. "Nein, danke", sagt er höflich zum Kellner, der ihm etwas Prickelnderes offeriert.
"Tough guy" von einst bleibt unverkennbar
Er achtet betont auf seine Manieren und sieht aus wie der nette Junge von nebenan: tailliertes Sommerhemd, Schnallenschuhe, Gel im Haar. Doch der "tough guy" von einst bleibt unverkennbar, trotz aller Kosmetik, schon dank des Akzents (Queens) und der Gestik (Italien). Und wenn ihm etwas besonders am Herzen liegt, wird er so laut, dass die anderen Gäste aufhorchen. Etwa, als er vom "Ehrenkodex" der Mafia spricht oder davon, wie er im Knast die Biografie Napoleon Bonapartes zu lieben lernte.
Wie der ist er nicht gerade groß, aber kräftig. "Short and bossy", hänselten sie ihn. Auf einem Zeitungsfoto, das ihn bei seiner Verhaftung zeigt, grinst er herausfordernd in die Kamera.
So grinst er immer noch, aber dahinter steckt nun eine Menge Lebenserfahrung, die er seither gesammelt hat, nicht unbedingt freiwillig. Im Gefängnis fand er den Herrn und seine Mission: Abbitte leisten, indem er anderen hilft. "Ich will Gutes tun", sagt der Ex-Mobster allen Ernstes.
Dazu musste er sich aber, nachdem er wieder freigekommen war, erst mal die Vergangenheit von der Seele schreiben. "Unlocked" nannte er seine schonungslosen Memoiren - entriegelt, entbürdet, was auch für sein Gewissen galt. Er hielt Vorträge vor Jugendlichen, Studenten, Häftlingen. Und dann widmete er sich der eher praktischen Verwertung seiner Mafia-Kenntnis.
Die "besseren Seiten" der Mafia
"Von der Mafia lernen: Die Management-Geheimnisse der ehrenwerten Gesellschaft" heißt sein jüngstes Buch, das nun auch in Deutschland erschienen ist. Darin versucht Ferrante, die Führungsprinzipien der Cosa Nostra - minus der blutrünstigen Aspekte - in Erfolgsrezepte für jedermann zu verwandeln.
Das soll keine Rechtfertigung sein für sein altes Leben, mitnichten. Doch die Mafia, sagt Ferrante, habe bei allem Mord- und Totschlag auch "bessere Seiten" - allem voran einen ausgeprägten Geschäftssinn, den "sich alle Menschen zu eigen machen können". Warum leugnen, was seit Generationen funktioniert? "Lernen Sie von der Mafia, wenden Sie die Lektionen an, und der Erfolg ist Ihnen sicher."
Diese Lektionen wirken auf den ersten Blick banal, dürften dieser Tage aber auch der Wall Street gut zupass kommen. Respektiere die Befehlskette. Vertrau nicht jedem. Mach deinen Standpunkt unmissverständlich klar. Liebe, was du tust. Vermeide Gier. Beherrsche Netzwerke. Krempel die Ärmel hoch, "aber lass die Hose an".
Ein schwieriges Unterfangen, nicht nur moralisch - zwischen Killern und Kleinunternehmern liegen Welten. Das weiß auch Ferrante, der seine Untaten kaum verherrlicht, sondern nicht müde wird, ihre Verwerflichkeit zu betonen. Aber so unbescholten sei die "gesetzestreue Welt" nun auch nicht, wie er nach seiner Haftentlassung feststellte: "Schon bald traf ich in der honorigen Gesellschaft auf Arschlöcher, die weitaus schlimmer waren als viele Mafiosi, die ich kannte - die reinsten Wölfe im Schafspelz."
Mit zwölf begann er zu stehlen
Mit zwölf begann Ferrante zu stehlen, als Teenager betrieb er in Queens eine Autowerkstatt, in der er gestohlene Wagen ausweidete. Wenig später überfiel er seinen ersten Transporter, mit Anfang zwanzig führte er seine eigene Truppe innerhalb der Gambino-Familie: sechs, sieben Mann, die meisten Schläger und älter als er.
Die Mafia hatte ihn schnell angeworben, weil er als zuverlässig und verschwiegen galt - Werte, die auch einem unbescholtenen Geschäftsmann guttäten. Bald hatte Ferrante eine Crew, "meine Rohlinge". Sie klauten teure Lkw-Ladungen, schlugen Lokale zu Schrott, deren Besitzer aufmuckten, und landeten Raubüberfälle, von denen die Szene heute noch schwärmt.
Es war ein verqueres Leben, ein verqueres Denken, das sieht er inzwischen ein. Der "Ehrenkodex" der Mafia leuchtete ihm damals ein, gab ihm Halt in einer Gesellschaft, in der sich keiner um den anderen zu scheren schien.
Und dann verpfiff ihn der Onkel eines Freundes. "Uncle Jimmy" nennt Ferrante ihn in seinen Memoiren, doch sein wahrer Name war Billy, und Billy ist seitdem natürlich untergetaucht, Zeugenschutzprogramm. "Wir wussten nicht, dass er eine Ratte war." Wider Willen, das FBI hatte ihn unter Druck gesetzt: Entweder du oder Louis.
"Lieber Tod als Schmach"
Auch Ferrante bekam diesen Deal angeboten: Verrate uns deine Männer, sonst drohen dir 125 Jahre, lebenslang, ein Todesurteil also. Er blieb stumm und treu: "Lieber Tod als Schmach."
So landete er als Häftling Nr. 42365053 im Metropolitan Detention Center in Brooklyn, von wo aus er eine lange Odyssee durch einige der schlimmsten US-Haftanstalten antrat. Anfangs war das alles spaßig, "wir kamen uns vor wie Kriegsgefangene, die den Frieden abwarteten". Erst langsam wurde ihm der Ernst bewusst.
In seiner Verzweiflung begann er zu lesen. Besser gesagt: Er lernte zu lesen. Wort für Wort, Satz für Satz erweiterte er sein Vokabular, das zuvor nur aus einsilbigen Drohungen bestanden hatte. Sein Freund "Fat George" DiBello, die "gute Seele" von John Gottis einstigem Gesellschaftsklub in Queens, schickte ihm das erste Paket Bücher: Cäsars "Gallischer Krieg", Dostojewskis "Schuld und Sühne" und, ja, das ist kein Witz - Hitlers "Mein Kampf".
Dann begann er selbst zu schreiben, Tagebuch, einen historischen Roman. Bücher waren seine Ausflucht - im wahrsten Sinne. Ferrante las sich Jura-Kenntnisse an und schaffte es schließlich, eines seiner Urteile erfolgreich anzufechten und die Bewährungskommission gnädig zu stimmen.
Amüsant, authentisch und gelegentlich aufschlussreich
Draußen konvertierte er zum Judentum, weil "die Juden einen so starken Moralkodex haben". Auch zog er so weit wie möglich weg von den alten Kumpels, in ein Dorf im Norden des US-Bundesstaates New York, wo er heute mit seiner Freundin Gabriella lebt, einer gebürtigen Hamburgerin, und weiter schreibt und schreibt.
"Von der Mafia lernen" lebt vom "Mobster"-Slang - es liest sich, wie Ferrante spricht. Das Buch bekam viel Lob in den USA, im Deutschen klingt es mitunter hölzern, etwa wenn Ferrante von "abzocken" und "bescheißen" spricht und dann immer wieder Zitate seiner literarischen Vorbilder einbaut. Trotzdem ist es amüsant, authentisch und gelegentlich aufschlussreich.
Für Ferrante funktionieren die Erfolgsregeln auf jeden Fall. Die Rundfunkgesellschaft CBS will aus seinem Leben eine TV-Serie machen, eine Reality-Show ist ebenfalls in der Mache, aber darüber will er noch nicht viel verraten. Auch verlangt er pro Redeauftritt 5000 Dollar. "Ist das zu wenig?", fragt er mit leutseligem Grinsen.
Dann schaut er auf die Uhr. Sorry, er muss leider weg, die Parkzeit ist erneut abgelaufen. "Du sollst nicht stehlen", sagt er und grinst.
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- Montag, 22.08.2011 – 11:43 Uhr
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- Von der Mafia lernen
Redline
Louis Ferrante.Die Management-Geheimnisse der ehrenwerten Gesellschaft.
Redline Verlag, 272 Seiten; 19,99 Euro.
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