Tod eines G-8-Polizisten "Ich weiß nicht, wie mein Junge gestorben ist"

Es sollte der sicherste Ort der Welt sein: 18.000 Polizisten schützten im Sommer 2007 den G-8-Gipfel von Heiligendamm, einer von ihnen starb. Noch immer ringen die Hinterbliebenen des Beamten um eine Aufklärung des Unglücks - demnächst wieder vor Gericht.

Verstorbener Polizist Brekau: Anzeigen, Beweisanträge, Widersprüche

Verstorbener Polizist Brekau: Anzeigen, Beweisanträge, Widersprüche

Von , Dortmund


Dreieinhalb Kilometer sind es bis zu "Benni", Ingo Meyer geht sie täglich. Er spaziert durch die engen, kurvigen Straßen der Dortmunder Vorstadt, mit jedem Schritt ein Stückchen tiefer versinkend in seinen Erinnerungen an den ältesten Sohn, den Lausbuben und Eishockeyspieler, den großen Bruder und Beschützer, den Ehemann und Polizisten. Am Ende seiner allabendlichen Gänge steht Meyer vor Bennis Grab.

Der Polizeiobermeister Benjamin Brekau starb vor drei Jahren am letzten Tag des G-8-Gipfels in Heiligendamm, kurz vor Dienstschluss: Der 27-Jährige fiel aus einem anfahrenden Transporter, schlug auf die Straße und erlag drei Tage später in einem Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen.

Und obschon mit ihm zusammen noch vier weitere Beamte der 3. Bereitschaftspolizei Einsatzhundertschaft aus Dortmund in dem Ford Transit gesessen hatten, ist bislang ungeklärt, wie es zu dem Unglück kommen konnte.

Klarheit, Wahrheit, Trost

Noch immer ringen die Angehörigen des Toten um Klarheit, Wahrheit und auch um Trost. An ihnen nagt das hartnäckige Gefühl, dass ihnen etwas vorenthalten wird, dass sie nicht die ganze Geschichte erfahren sollen und dass vielleicht doch nicht alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein könnten, jedenfalls nicht, wenn man das Gesetz nicht dazu zwingt.

Das zuständige Amtsgericht in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) versuchte sich im Dezember 2007 zwar an einer Aufarbeitung des Geschehens, doch die vermeintliche Rekonstruktion geriet zu einem wenig überzeugenden Eventuell-Möglicherweise-Vielleicht-Reigen, aus dessen Verlauf der Richter etwas trotzig folgerte: "Das war für mich ein tragischer Unfall."

Wer nämlich geglaubt hatte, aus einem Auto mit fünf Polizisten könne man nicht herauskippen, ohne dass hinterher zumindest einer der Beamten das Unfallgeschehen schlüssig zu schildern vermag, sah sich enttäuscht. "Das kann ich nicht sagen." - "Eine gute Frage." - "Daran kann ich mich nicht erinnern." - "Darauf habe ich nicht geachtet." - "Das weiß ich nicht." So lauteten die meisten Antworten der damals als Zeugen geladenen Gesetzeshüter.

Tod nach dem Abendessen

Fest stand anschließend bloß: Der Polizeiobermeister Brekau hatte am 8. Juni 2007 mit seinen Kollegen im Speisesaal eines Hotels in Linstow zu Abend gegessen, als die Einheit gegen 21 Uhr in ihr Ferienhaus zurückkehren sollte. Die fünf Beamten stiegen in den Mannschaftswagen. Ans Steuer setzte sich die damals 26 Jahre alte Polizeikommissarin Kristin K., neben ihr auf dem Beifahrersitz nahm Gruppenführer Michael R., 33, Platz.

Hinten im Wagen, mit dem Rücken zu seinem Vorgesetzten und der linken Schulter zur Schiebetür, saß Benjamin Brekau, ihm unmittelbar gegenüber hockte ein Kollege, ein anderer rechts neben ihm.

Vor Gericht sagten die Beamten später aus, dass Brekau dem Gruppenführer R. seine benutzten und wohl übel riechenden Ellbogenschoner entgegengestreckt habe. Gleichzeitig und obschon die Schiebetür des Transporters noch nicht geschlossen war, sei Kristin K. angefahren. Dann passierte das Unerklärliche.

"Vieles erscheint uns rätselhaft"

Brekau, ein gut trainierter Eishockeyspieler, fiel - ohne sich halten zu können - aus dem etwa 20 Stundenkilometer schnellen Auto und schlug - wiederum ohne sich abzustützen - mit dem Hinterkopf auf den Asphalt.

"Vieles erscheint uns nach wie vor rätselhaft", sagt Brekaus Vater, Ingo Meyer, selbst Polizist in Dortmund. Der Kriminalhauptkommissar und langjährige Drogenfahnder hat den Unfall an einem baugleichen Fahrzeug nachgestellt: "Es war mir immer möglich, mich festzuhalten. Egal auf welche Weise ich es versucht habe, ich bin nie aus dem Wagen gefallen."

Auch in den Gutachten des Gerichtsmediziners und des Unfallsachverständigen will Meyer Unstimmigkeiten ausgemacht haben. So seien bei der Obduktion Schürfwunden im Gesicht seines Sohnes festgestellt worden, die nicht durch den Sturz oder ein Mitschleifen des Körpers hätten verursacht werden können. Auch gebe es einen auffälligen Abrieb an Benjamins Stiefelspitze. "Wir wollen wissen, was wirklich passiert ist", sagt Meyer.

Anzeigen, Beweisanträge, Dienstaufsichtsbeschwerden

Und deshalb findet sich der trauernde Vater nicht ab, sondern kämpft "in der ihm eigenen peniblen Polizistenart", wie er selbst über sein Engagement sagt, um Aufklärung, was vor allem bedeutet, dass er seit Jahren abends und nachts ellenlange Schriftstücke verfasst: Anzeigen, Beweisanträge, Dienstaufsichtsbeschwerden, Widersprüche, Eingaben.

So verdächtigt er den Vorgesetzten seines Sohnes der fahrlässigen Tötung und der falschen uneidlichen Aussage. Michael R. könnte demnach mit einer heftigen Drehbewegung die ihm hingehaltenen Ellbogenschoner abgewehrt und dadurch Brekaus Sturz verursacht haben. R. bestritt das vor dem Amtsgericht Güstrow.

Außerdem soll der Gruppenführer das Anfahren des Transits angeordnet haben, obschon er wusste, dass die hintere Seitentür noch offenstand. Die Staatsanwaltschaft Rostock konnte darin jedoch keinerlei "strafrechtlich relevantes Handeln des Beschuldigten" erkennen und stellte die Verfahren ein.

Ebenso ergebnislos verliefen auch die Ermittlungen gegen den Polizeioberrat Frank K. Der hohe Beamte soll nach dem Unglück in Linstow die übrigen vier Insassen des Transporters von den Unfall aufnehmenden Beamten ferngehalten haben. Die Befragung dieser wichtigen Zeugen konnte erst zwei Wochen später stattfinden.

Dennoch erkannte die Rostocker Staatsanwaltschaft in dem ungewöhnlichen Vorgehen keinen Anfangsverdacht einer Strafvereitelung im Amt - wogegen Meyer inzwischen wiederum Beschwerde einlegte.

Karriere in der Polizei

Die beiden Polizisten machten trotzdem Karriere: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurden sowohl Gruppenführer R. als auch Abteilungsführer K. trotz der gegen sie gerichteten Ermittlungsverfahren befördert - ein ungewöhnlicher Schritt, wenngleich rechtlich zulässig. K. kam nun auch bei dem Love-Parade-Unglück eine entscheidende Rolle zu, er hatte das Kommando über den sensiblen Einsatzabschnitt "Schutz der Veranstaltung".

Den Vater des Verstorbenen hingegen, der sich mit seinem Eifer offenbar in den eigenen Reihen unbeliebt gemacht hat, wollte man zwischenzeitlich sogar wieder Streife gehen lassen - was er verhindern konnte.

Am 26. August soll nun vor dem Rostocker Landgericht das Berufungsverfahren in dem ungeklärten Todesfall Benjamin Brekau beginnen - mehr als drei Jahre nach dem Unglück. Die Eltern setzen große Hoffnungen in den Prozess: "Vielleicht kommen wir der Wahrheit endlich etwas näher", sagt Meyer. "Ich weiß immer noch nicht, wie mein Junge gestorben ist. Das werde ich niemals hinnehmen."

insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Beobachter!, 20.08.2010
1. Es ist das erst Mal, dass ich mitbekomme, dass...
...ein Polizist selbst Opfer der "Unter-der-Decke-halten-Strategie" der Polizei wird. Ich wünsche dem Vater, dass er herausfindet, was passiert ist. Die Chancen stehen denkbar schlecht für ihn.
kdshp 20.08.2010
2. aw
Zitat von sysopEs sollte der sicherste Ort der Welt sein: 18.000 Polizisten schützten im Sommer 2007 den G-8-Gipfel von Heiligendamm, einer von ihnen starb. Noch immer ringen die Hinterbliebenen des Beamten um eine Aufklärung des Unglücks - demnächst wieder vor Gericht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,711656,00.html
Außerdem soll der Gruppenführer das Anfahren des Transits angeordnet haben, obschon er wusste, dass die hintere Seitentür noch offenstand. Die Staatsanwaltschaft Rostock konnte darin jedoch keinerlei "strafrechtlich relevantes Handeln des Beschuldigten" erkennen und stellte die Verfahren ein. (aus dem artikel) Hallo, was soll denn das? Zeigt mir das es für die Polizei sonder bonus gibt und he in einem TV bericht wo man mit polizisten mitfährt hat ein polizist genau das mal wem gesagt das man VOR fahrantritt die türe zu schließen hätte.
hook123 20.08.2010
3. Tja,...
...der Vater des Toten müßte es als Polizeibeamter eigentlich am besten wissen, dass er keine Chance hat jemals die Wahrheit zu erfahren. Das liegt daran, dass innerhalb der Polizei in Deutschland ein Netz gewoben ist, welches die Aufkärung unmöglich macht. Das unsichtbare Netz des Korpsgeistes. Vertuschen, abwiegeln, dementieren und decken. Wie soll da jemals die Wahrheit ans Licht kommen?
frodo68 20.08.2010
4. ...
Aus dem Bericht:"Karriere in der Polizei Die beiden Polizisten machten trotzdem Karriere: Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurden sowohl Gruppenführer R. als auch Abteilungsführer K. trotz der gegen sie gerichteten Ermittlungsverfahren befördert - ein ungewöhnlicher Schritt, wenngleich rechtlich zulässig. K. kam nun auch bei dem Love-Parade-Unglück eine entscheidende Rolle zu, er hatte das Kommando über den sensiblen Einsatzabschnitt "Schutz der Veranstaltung". Den Vater des Verstorbenen hingegen, der sich mit seinem Eifer offenbar in den eigenen Reihen unbeliebt gemacht hat, wollte man zwischenzeitlich sogar wieder Streife gehen lassen - was er verhindern konnte." Das ist doch absolut krank!
Feder&Schwert 20.08.2010
5. Schlimmer als die Dritte Welt
Diese Erfahrungen mache ich in meinem Beruf seit Jahren! In 10 Jahren als Organ der rechtspflege habe ich viele Fälle erlebt, in denen Polizeibeamte verfolgt wurden. Nicht einmal kam es zum Spruch oder zu Konsequenzen. Schlimmstes Beispiel: Ein Polizeibeamter verursacht nach Dienst mit 0,7% eine Verkehrsunfall mit Personenschaden. Den Führerschein aber darf er behalten, da nicht davon auszugehen ist, das die Trunkenheit unfallursächlich war... Gehts noch?!? Auch amnesty international hat ja endlich einmal herausgefunden, wie es um die Verfolgung krimineller Polizeibeamter in der BRD steht, nämlich äußerst dürftig. Es wird vertuscht, was das Zeug hält. Warum eigentlich zeigen wir auf die Koruption in der 3. Welt, wenn wir genug Dreck bei unseren eigene Beamten finden. Es handelt sich bei diesen nicht um bessere Menschen als dort. Nur ist der Betrag höher und die Übergabe geschickter. Das eigentliche Problem ist, das sich die Kontrolleure selbst kontrollieren. Das kann niemals gut gehen. Zudem kommt noch dazu, wenn man sich subjektiv die meisten Uniformierten anschaut, weiß man, die würden auch ganz gut auf die andere Seite passen. Meistens macht man den Bock zum Gärtner, denn wer betreibt denn das Auswahlverfahren??? Es tut mir Leid um den Jungen. Gut aber ist, dass ein Angehöriger dieser äußerst fragwürdigen Berufsgruppe jetzt selbst einmal zu spüren bekommt, wie unbefriedigend es sein kann, wenn vertuscht wird. Wir sind alle gleich, aber manche sind gleicher... (George Orwell - animal farm)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.