Tod eines Jungen im Supermarkt "Die Träume dieser Familie sind zerstört worden"

Der vierjährige Jonathan starb wohl an einem Stromschlag, nachdem er ein Geländer an der Kasse eines Supermarkts angefasst hatte. Im Prozess fordert die Verteidigung nun den Freispruch der Marktchefs.

Verteidiger vor Gericht
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Im Prozess um den Tod eines kleinen Jungen an der Kasse eines Supermarkts im Hamburger Stadtteil Harburg forderte die Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Die Ermittler werfen den Supermarktbetreibern, einem 44-jährigen und seiner 48 Jahre alten Schwester, fahrlässige Tötung vor. Der vierjährige Jonathan hatte am 31. Mai 2016 an ein Geländer nahe der Kasse gegriffen und war erstarrt. Einen Tag später starb er.

In seinem Plädoyer sagte der Oberstaatsanwalt, der Vorwurf der fahrlässigen Tötung sei durch die Beweisaufnahme bewiesen worden. "Der Junge ist an einem Stromschlag gestorben, der geflossen ist aus einem Trafo, der dilettantisch installiert war." Man habe keine andere Erklärung für den Tod Jonathans. Die Supermarktbetreiber seien verantwortlich, sie müssten dafür garantieren, dass so etwas nicht passiere. "Die Anlage war erkennbar ein No-Go für jeden, der halbwegs was davon versteht."

Gleichwohl betonte der Oberstaatsanwalt: "Niemand in diesem Gerichtssaal wollte, dass der Junge stirbt, auch nicht die Angeklagten." Er sprach davon, in der "Hysterie" seien gewisse Dinge "aufgebauscht worden", etwa, dass angeblich die Videoanlage des Supermarkts manipuliert worden sei, um den Hergang an der betreffenden Kasse zu kaschieren, oder dass andere Menschen schon vorher in dem Supermarkt Stromschläge erlitten hätten. Am Ende forderte die Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe von einem Jahr.

Die Mutter leide nun unter schweren Depressionen

Der Anwalt der Eltern, die in dem Verfahren Nebenkläger sind, fordert doppelt so viel: eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Ob die zur Bewährung ausgesetzt werden könne, überlasse er dem Gericht. Er habe von den Angeklagten "überhaupt nichts" gehört, sagte er. Sie hätten mit ihrem Schweigen keine Reue erkennen lassen.

Den Zustand der Stromanlage des Supermarkts bezeichnete er als "desolat", das ganze Geschäft als "tickende Zeitbombe". Der Schutz der Kunden sei den Betreibern nicht wichtig gewesen, man habe offenbar sparen wollen. Seinen Mandanten sei dafür "das höchste Gut" genommen worden, das Leben eines ihrer Kinder. Die Mutter leide unter schweren Depressionen, der Vater sei fast ein Jahr arbeitsunfähig gewesen. "Die Träume dieser Familie sind zerstört worden."

Die Verteidiger der beiden Angeklagten plädierten auf Freispruch. Der Anwalt der Frau begründete das unter anderem damit, dass seine Mandantin die Installation des Trafos nicht selbst durchgeführt, sondern damit eine Fachfirma beauftragt habe und "als Geschäftsführerin darauf vertrauen" dürfe, dass diese fachgerecht arbeitete.

Der Anwalt ihres Bruders leitete sein Plädoyer mit einer Ansprache an den Vater des Jungen ein und sagte, dieses Plädoyer werde eines der schwierigsten in seiner Karriere sein. Das Schweigen seines Mandanten erklärte er unter anderem damit, dass ihm für das, was geschehen sei, "die Worte fehlen".

Den geforderten Freispruch begründete er damit, dass die Beweisaufnahme nicht geklärt habe, wer den Trafo wann angeschlossen hat. Man habe bis zuletzt "über den tatsächlichen Ablauf, den tatsächlichen Stromfluss keine Gewissheit erlangen können".



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