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Tod in Tessin: Die Täter sind unter uns

Von , Tessin

Jeder kennt die Opfer, jeder die Täter. Im mecklenburgischen Tessin haben zwei Jugendliche ein Ehepaar getötet. Die Menschen in dem 200-Seelendorf sind fassungslos. Auch weil man den beiden 17-Jährigen niemals eine solche Brutalität zugetraut hätte.

Tessin - In Tessin kennt jeder jeden. Verschlafen liegt das kleine Dorf im Westen Mecklenburgs, zusammen mit dem benachbarten Kuhlenfeld zählt es gerade einmal 430 Einwohner. Es gibt nur zwei Straßen, einen Briefkasten, dafür viele Satellitenschüsseln und Kühe. Keine Menschenseele traut sich zwei Tage nach dem tödlichen Überfall von Felix D. und seinem Freund Torben B. auf die kopfsteingepflasterte Straße.

Wenn man klingelt, linsen einige vorsichtig aus ihren Haustüren, zaghaft kommen einige in Blaumännern und Gummistiefeln an ihren Gartenzaun. Nur Gertrud Geistlinger marschiert kopfschüttelnd durch das beschauliche Nest, das sie seit 13 Jahren ehrenamtlich als Bürgermeisterin führt.

"Ich kann das nicht nachvollziehen. Das sind doch Kinder aus dem Dorf, die sind doch hier aufgewachsen", sagt sie immer wieder. "Felix und Florian sind doch befreundet - und dann soll Felix Florians Eltern getötet haben?" Gertrud Geistlinger kann es nicht fassen.

In der Tat ist unfassbar, was sich nach bisherigem Kenntnisstand der Staatsanwaltschaft am Samstagabend zwischen den schlichten rotgeklinkerten Einfamilienhäusern abgespielt haben soll: Felix und Torben knebeln und fesseln eine Freundin, sperren sie in einen Schuppen und klingeln an der Haustüre ihres Freundes Florian E. in der Dorfstraße 22. Florians Vater Peter öffnet die Tür, kaltblütig metzeln sie den 46-jährigen Fensterbauer nieder und stechen kurz darauf auf Florians Mutter Antje ein. Auch die 41-Jährige, die in einer Fliesenfabrik arbeitete, verblutet in ihrem eigenen Haus.

Der 16-jährige Florian kann die Polizei alarmieren. Ihn lassen die beiden Jugendlichen in Ruhe. Sie klauen den verrosteten, weißen VW Polo seiner Eltern und brettern mit ihm über die gegenüberliegende Koppel, durchbrechen zwei Holzzäune und verkeilen sich in einem still gelegten schwarzen Ford Fiesta eines Nachbarn. Als sie merken, dass sie von der Polizei umstellt sind, nehmen sie ihre zuvor aus dem Schuppen befreite Freundin als Geisel. Eine Stunde brauchten die Beamten, um die beiden 17-Jährigen zur Aufgabe zu überreden. Noch in der Nacht gestehen sie, dass sie Peter und Antje E. getötet haben. Das Amtsgericht Hagenow hat Haftbefehle wegen Totschlags, Geiselnahme und gemeinschaftlichen Diebstahls gegen die beiden Schüler erlassen.

Polizei und Staatsanwaltschaft rätseln über das Motiv

Die Tessiner schütteln ungläubig den Kopf. "Der Felix ist ein netter Junge, grüßt immer, ist hilfsbereit und freundlich zu allen. Der war lange bei der Jugendfeuerwehr", sagt einer. "Ein wirklich liebenswürdiger Kerl. Dem hätte ich nie etwas Böses zugetraut, dem doch nicht", so eine junge Frau. "Es ist überhaupt nicht seine Art, anderen weh zu tun oder sich gar an fremdem Eigentum zu vergreifen", sagt Bürgermeisterin Geistlinger.

Alle kennen Felix, seine Eltern und seine Schwester. Sie wohnen am Dorfrand, dort wo das Ende in einen schmalen Feldweg übergeht. Die Vorhänge sind zugezogen. "Die sind zu Hause", sagt ein Nachbar, öffnen tut niemand.

Der Vater kam am Samstagabend nach 23 Uhr nach Hause. Erst am Morgen soll er erfahren haben, dass sein Sohn in Untersuchungshaft ist - und zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben soll. "Jetzt ist wichtig, dass wir Felix' Familie nicht aus der Dorfgemeinschaft ausgrenzen", sagt Gertrud Geistlinger. "Wir kennen uns hier alle, keiner ist keinem böse. Wir halten zusammen - das müssen wir gerade jetzt."

Auch über Torben B. aus dem Nachbarort Gülze hört man Gutes. Mit seinem Freund und Klassenkamerad Felix leitete er die Computer-AG am Elbe-Gymnasium in Boizenburg. Beide seien sehr gute Schüler gewesen, heißt es. "Ehrgeizig und sehr engagiert", beschreibt sie Schulleiter Norbert Stern.

Polizei und Staatsanwaltschaft rätseln über das Motiv der beiden Elftklässler. Sie hatten keinen Alkohol im Blut und entgegen ersten Meldungen vom Wochenende auch keine Betäubungsmittel konsumiert, so Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick zu SPIEGEL ONLINE. Mit anderen sollen sie am Samstagabend zusammen gesessen haben. Darunter die 15-Jährige aus Boizenburg-Bahnhof, die später von Felix und Torben gefesselt wurde. Vermutlich in dem Clubhäuschen an dem Teich in der Mitte Tessins, dem einzigen Treffpunkt für die wenigen Jugendliche des Ortes.

Eine steinerne Tischtennisplatte, ein verwitterter Holztisch mit zwei Bänken und ein Metallgrill stehen vor dem winzigen Haus. Hier trifft sich die "Dorfjugend", wenn es zu kalt oder nass ist, um auf dem gegenüberliegenden Fußballplatz zu kicken. Dort haben Felix und Florian - Täter und Opfer-Sohn - oft zusammen gespielt. Sie kennen sich ihr Leben lang. Jeden Morgen nahmen sie zusammen den Schulbus ins neun Kilometer entfernte Boizenburg. Dort trennten sich die Wege der beiden: Während Felix ins Elbe-Gymnasium ging, besuchte Florian die Förderschule. Seine Großmutter kümmert sich jetzt um ihn.

Was geht in einem Menschen vor, der tötet?

"Mich wundert es, dass Florian, der ein wenig zurückgeblieben ist, so schnell reagierte und die Polizei alarmierte", sagt Roland Giemsch. Dem 47-Jährigen gehört das Grundstück, auf dem der klapprige VW Polo stehen blieb und auf dem die Polizei eine Stunde lang auf die Jugendliche einredete. "Die E.s waren sehr nette Menschen, was muss in einem Mensch vorgehen, um andere umzubringen?"

Das fragten sich heute auch die Schüler des Elbe-Gymnasiums und der angrenzenden Realschule. "Erst hieß es, nur die erste Stunde fällt aus, dann wurden es immer mehr", berichtet ein Gymnasiast. "Wir haben lange und ausführlich über das geredet, was in Tessin passiert ist." Ein Kriseninterventionsteam betreut die Schüler, die zum Teil auch mit den beiden Jungen befreundet sind. "Die hingen oft zusammen, waren völlig harmlos, eher ganz süß", sagt eine Schülerin. In dem kopfsteingepflasterten Boizenburg mit dem von Fachwerkhäusern umrahmten Stadtkern und pittoresken Rathaus gibt es kein anderes Thema außer dem brutalen Überfall der beiden Elftklässler. So wird es noch eine ganze Zeit lang bleiben.

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