Mordprozess in Verden: "Einer wird diese Nacht nicht überleben"

Von , Verden

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Mahnwache für Daniel S.: Prozessauftakt in Verden

Der 25-jährige Daniel S. wurde im niedersächsischen Kirchweyhe totgeprügelt. Vor dem Landgericht Verden hat nun der Prozess begonnen. Die Anklage zeichnet das Bild einer verstörend brutalen Tat.

Ruth S. sitzt neben ihrem Anwalt, angespannt wartet sie auf den jungen Mann, der ihren Sohn getötet haben soll. Die Kameraleute müssen den Saal verlassen, so hat es die 3. große Jugendstrafkammer des Landgerichts Verden angeordnet. Keine Bilder des Angeklagten.

Sechs Monate sind vergangen, seit Daniel S. am Bahnhof in Kirchweyhe so brutal zusammengeschlagen wurde, dass er starb. Er wurde 25 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Anklagten heimtückischen Mord vor. Ruth S. versucht, die Fassung zu wahren. Man spürt, wie schwer es ihr fällt. Auch ihre drei verbliebenen Söhne sind als Nebenkläger vertreten. Tobias und Christian sitzen rechts von ihr im Gerichtssaal, Davids Platz bleibt heute leer.

Die Tür öffnet sich, Cihan A. wird hineingeführt, 20 Jahre alt, Sportschuhe, Jeans, dunkles Hemd, Handschellen und Fußfesseln. Auszubildender Metallbearbeiter, geboren im niedersächsischen Verden, türkischer Staatsbürger.

Einlasskontrollen vor dem Gerichtssaal

Nationalitäten haben bei der Tat keine Rolle gespielt, teilte die Staatsanwaltschaft schon im März mit. In der aufgeheizten Stimmung nach dem brutalen Angriff wollten viele das nicht hören. Rechtsextreme versuchten, einen Fall von "Deutschenhass" daraus zu machen und die Tat für ihre Zwecke zu nutzen.

Im Internet wurde gegen Ausländer gehetzt, von "Kopftreter-Rudeln" war die Rede. Auch auf der anderen Seite gab es unsägliche Kommentare, in denen Daniel S. als Nazi tituliert wurde - was offenkundig nicht stimmt.

Die Stimmung war so angespannt, dass Mahnwachen am Bahnhof in Kirchweyhe unter Polizeischutz stattfinden mussten. Die Gemeinde hatte sich gegen eine politische Instrumentalisierung des Falles gestellt und Veranstaltungen mit mutmaßlich rechtsextremem Hintergrund verbieten lassen. Bürgermeister Frank Lemmermann und seine Mitarbeiter wurden daraufhin so übel beschimpft, dass sie mehr als hundert Anzeigen auf den Weg brachten.

Auch Lemmermann ist an diesem Vormittag ins Gericht gekommen, aus "Interesse" und weil er sich Aufklärung wünscht. Die Justiz hat wegen der "extrem aufgeheizten Stimmung", so eine Gerichtssprecherin, Einlasskontrollen angeordnet. Zwar wird vor dem Eingang ein Plakat gezeigt ("Daniel ist tot. Wer ist der nächste?"). Aber die großen Proteste bleiben aus, alle Beteiligten verhalten sich besonnen. Im Gerichtssaal bleiben sogar einige Plätze leer.

Als die Anklage verlesen wird, kann Ruth S. ihre Tränen nicht zurückhalten. Verstörend brutal ist die Tat, die von der Staatsanwaltschaft geschildert wird.

Streit im Bus

Laut Anklage fuhren Cihan A. und andere Jugendliche in der Nacht auf den 10. März in einem gemieteten Bus von einem Discobesuch zurück nach Kirchweyhe. Auf den hinteren Plätzen kam es zum Streit. Der Busfahrer forderte Cihans Fraktion auf, sich nach vorne umzusetzen. Für den 20-Jährigen, laut Anklage in dieser Nacht "besonders streitsüchtig", eine Kränkung. Er habe sich in seiner Ehre verletzt gefühlt, so die Staatsanwaltschaft. "Einer wird diese Nacht nicht überleben", soll er gedroht haben.

Am Bahnhof in Kirchweyhe angekommen, stieg Cihan A. demnach als Erster aus, rannte zum Bahnhofsgebäude, zog seine Jacke aus, rannte zurück zum Bus.

Dort versuchte Daniel S. offenbar gerade, die Gemüter zu beruhigen. Laut Staatsanwaltschaft war er am ursprünglichen Streit nicht beteiligt und einer der wenigen Erwachsenen im Bus. Er habe Cihans Begleiter aufgefordert, andere Jugendliche respektvoll zu behandeln.

Cihan A. suchte offenbar jemanden, an dem er seine Wut auslassen kann. Und da soll ihm Daniel S. gerade recht gekommen sein. A. soll ihm sofort zweimal gegen den Kopf geschlagen haben. Was genau in den folgenden Sekunden passierte, bleibt bei der Anklageverlesung offen. Wehrte sich Daniel? Griffen andere Jugendliche ein? Daniel habe seinem Angreifer dann den Rücken zugedreht, so trägt die Staatsanwältin vor, weil er nicht mit weiteren Schlägen gerechnet habe.

"Es ist eine Schweinerei"

Doch Cihan A. nahm ihren Schilderungen zufolge Anlauf und trat mit einer Sprungbewegung "wie ein Kickboxer" gegen den Rücken seines Opfers. Daniel S. prallte mit dem Kopf gegen den Bus und dann auf den Boden. Laut Anklage nahm der Täter dann noch einmal Anlauf und trat gegen den Hals seines Opfers. "Er ist tot", sagte Cihan A. angeblich. Er habe mit seinem Leben bezahlt.

Sollte der Angeklagte vor Gericht als Erwachsener behandelt werden, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Als Heranwachsender wären es maximal 15 Jahre. Ob Cihan A. seine Version der Tatnacht erzählen wird, ist noch unklar. Der Prozess wird am 25. September fortgesetzt.

Nach der Verhandlung spricht Tobias S. vor dem Landgericht in die Kameras. Der jüngste Sohn hat an diesem Vormittag die Rolle des Familiensprechers übernommen. Eine gerechte Strafe müsse her, sagt er. Es müsse endlich etwas passieren, immer wieder derartige Taten, er erwähnt auch den Fall Jonny K. in Berlin. "Es ist eine Schweinerei", sagt er. Deutschland müsse etwas tun.

Ruth S. steht wenige Meter entfernt und schweigt. Wie er seine Mutter trösten könne, wird Tobias noch gefragt. "Trösten", sagt er, "könnte sie nur ein gerechtes Urteil."

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