Tödliche Attacke am Alexanderplatz: Aus dem Leben geprügelt

Von , Berlin

Der Berliner Jonny K. starb nach einer Schlägerei auf dem Alexanderplatz. Vor Gericht hat nun der Prozess gegen die sechs mutmaßlichen Täter begonnen - mit einer Überraschung: Die Angeklagten entlasteten den Hauptverdächtigen Onur U.

REUTERS

Berlin - Der angeklagte Mehmet E. soll auf dem Stuhl vor der Richterbank Platz nehmen. Fast fünf Stunden ist er bis dahin schweigend der Verhandlung gefolgt. Er trägt ein anthrazitfarbenes Sakko über einem schwarzen T-Shirt, Jeans, Sneakers. Er steht auf, geht durch den Saal 500 des Landgerichts Berlin. Bevor er sich hinsetzt, dreht er sich abrupt um, bleibt stehen und blickt der Schwester jenes jungen Mannes fest in die Augen, der in der Nacht vom 14. Oktober 2012 sein Leben verlor: Jonny K., ein 20-jähriger Schüler, Sohn einer Thailänderin und eines Berliners, er kam von einer Geburtstagsfeier. Mehmet E. war bei der tödlichen Prügelattacke in jener Nacht dabei.

Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen, knetet seine Hände und spricht schnell, mit aufgeregter Stimme. Man versteht ihn kaum. Am Ende sagt er: "Es tut mir sehr leid."

Mehmet E., 19 Jahre alt, griechischer Staatsangehöriger, ist einer der sechs Angeklagten, die sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei verantworten müssen. Nach ihnen wurde mit viel Aufwand gefahndet, sogar in der Türkei, weil drei von ihnen dorthin geflohen waren.

Mehmet E. hatte sich als einer der Ersten gestellt, umfassend ausgesagt. Er sitzt als Einziger nicht in Untersuchungshaft - anders als seine Cousins zweiten Grades Osman A., 19, und Hüseyin I., 21. Und anders als die türkischen Staatsangehörigen Melih Y., 21, Bilal K., 24, und Onur U., 19, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Sie alle sind in Berlin geboren und aufgewachsen, sie alle leben noch bei ihren Eltern. Sie sitzen in schusssicheren Glaskästen, getrennt von ihren Verteidigern. Im Zuschauerraum sitzen fast hundert Familienangehörige, einige weinen.

Die Angeklagten sollen auf dem Berliner Alexanderplatz Jonny K. und drei seiner Freunde "völlig grundlos" attackiert und verprügelt haben. Am 15. Oktober, 9.57 Uhr, wurde Jonny K. auf der Intensivstation II des Vivantes Klinikums in Friedrichshain für tot erklärt. Seine Schwester Tina K. hielt seine Hand, als er starb.

Die 28-Jährige tritt wie ihre Eltern und die 16 Jahre alte Schwester als Nebenklägerin auf. Sie hat am ersten Verhandlungstag als einzige die Kraft, den mutmaßlichen Schlägern gegenüberzutreten, ihren Blicken standzuhalten, ihre Entschuldigungen zu hören und immer wieder das Geschehen aus der Tatnacht. Jeder Angeklagte schildert vor Gericht seine Version, und sie alle sind fast deckungsgleich.

"Willst du ihn umbringen?"

Die schicksalhafte Begegnung ereignete sich demnach nahe dem Roten Rathaus. Die Angeklagten hatten im Club "Cancun" die After-Show-Party des türkischen Musikstars Murat Boz besucht. Gemeinsam wollten sie zur U-Bahn-Station, als sie den Weg von Jonny K. und seinen Freunden kreuzten. Jonny K. und sein Kumpel Gerhard C. stützten einen betrunkenen Freund, wollten ihm ein Taxi rufen.

Es kommt zum Gerangel zwischen Onur U. und Gerhard C. Wie von Sinnen soll U., ein ehemaliger Amateurboxer, auf den anderen eingeprügelt haben. So heftig, dass sich noch heute alle daran erinnern können, wie sie durch die Menge schrien: "Onur, es reicht!", "Hör auf! Hör auf!" und "Willst du ihn umbringen?!" Gerhard C. sei danach trotzdem wieder aufgestanden.

Onur U. ist der Letzte, der sich stellte. Monatelang war er in der Türkei untergetaucht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei einem Spitzentreffen mit dem türkischen Premier Erdogan signalisiert, dass sie eine aktive Fahndung nach dem Tatverdächtigen erwarte. Der 19-Jährige galt bislang als mutmaßlicher Haupttäter, was offensichtlich den Zorn des Vorsitzenden Richters Helmut Schweckendieck geweckt hat. "Dieses Verfahren wird in Saal 500 geführt, nicht in den Medien", appelliert er zu Prozessbeginn. Bereits wenige Stunden später zeichnet sich ab, warum Schweckendieck eine mögliche Vorverurteilung kritisiert.

Vor Gericht bestreitet Onur U., Jonny K. geschlagen zu haben. Er habe ihn "gar nicht wahrgenommen" und erst registriert, als dieser schon am Boden gelegen habe. "Es sah aus, als ob er schlafe." Für ihn sei klar gewesen: "Ich habe mich mit einem Jungen geschlagen, und ich habe gewonnen." Es klingt so, als sei der Sieg wichtig. Erst am nächsten Tag habe er erfahren, sagt Onur U., dass Jonny K. im Koma liege. "Haltet mich da raus, ich hab schon genug Stress mit der Polizei", habe er den Kameraden gesagt - und ihnen misstraut. Er habe "Paranoia" bekommen, dass sie ihm Jonnys Tod in die Schuhe schieben - nur deshalb sei er in die Heimat seiner Eltern geflohen.

Angeklagte bestätigen Version von Onur U.

Die anderen Angeklagten bestätigen vor Gericht: Onur U. hat nicht auf Jonny K. eingeschlagen oder eingetreten. Wer dann?

Ja, er habe ihm ins Gesicht geschlagen, räumt Hüseyin I. ein. "Ich schäme mich dafür." Aber umgefallen sei Jonny K. nach einem Tritt von Bilal K., der habe dann sogar noch einmal nachgetreten, als das Opfer längst am Boden lag, behauptet Hüseyin I.

Bilal K. habe auf Jonny K.s Kopf eingetreten, sagt auch Mehmet E. Er sei sich ganz sicher. Auch Osman A. will sich in diesem Punkt sicher sein: Mindestens zweimal, vielleicht sogar dreimal habe Bilal K. zugetreten. "Ich hatte Angst, dass das weiter eskaliert", so Osman A.

Bilal K. streitet die Vorwürfe ab und belastet Melih Y. Dieser selbst gibt zwar zu, "ein einziges Mal" auf Jonny K. eingetreten zu haben, "aber nur auf das Schienbein". Osman A. bestätigt diesen einmaligen Tritt. Damit kristallisiert sich bereits nach dem ersten Verhandlungstag ein neuer Hauptverdächtiger heraus: Bilal K.

Tina K. erträgt alle Varianten des Tatgeschehens, aufmerksam verfolgt sie die Ausführungen der Angeklagten und ihrer Verteidiger, lässt ihren Rechtsanwalt Fragen stellen. Tapfer, ohne eine Träne zu vergießen, hört sie sechsmal zu, wie ihr Bruder aus dem Leben geprügelt wurde.

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Chronologie: Der Fall Jonny K.
14. Oktober 2012 - Die Tat
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25. Februar 2013 - Merkel macht Druck
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