Tod von Pflegekind Talea Staatsanwalt fordert elf Jahre Haft

"In maßloser Wut" soll sie die kleine Talea in eine Wanne voll eiskalten Wassers gesetzt haben, wo der Kreislauf der Fünfjährigen schließlich zusammenbrach: Die Staatsanwaltschaft fordert im Fall des getöteten Mädchens elf Jahre Haft für seine Pflegemutter. Die bestreitet alle Vorwürfe.


Wuppertal - Für den gewaltsamen Tod der kleinen Talea in Wuppertal soll ihre Pflegemutter nach dem Willen der Staatsanwaltschaft elf Jahre ins Gefängnis. In seinem Plädoyer vor dem Wuppertaler Landgericht betonte der Anklagevertreter am Mittwoch, die 38-Jährige habe das Mädchen im März 2008 vermutlich als Bestrafung "in maßloser Wut" in eine Badewanne gesetzt, es kalt abgeduscht und ihm Mund und Nase zugehalten, um es am Schreien zu hindern.

Grab der kleinen Talea in Wuppertal: "In maßloser Wut" getötet
DPA

Grab der kleinen Talea in Wuppertal: "In maßloser Wut" getötet

Dabei sei das Kind bewusstlos geworden. Im eiskalten Wasser brach der Kreislauf Taleas zusammen, sie starb an Unterkühlung. Auslöser des Totschlags sei möglicherweise gewesen, dass das Mädchen in die Hose gemacht habe.

Die Kaja G. habe den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen, sagte Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt am Mittwoch in seinem Plädoyer vor dem Landgericht Wuppertal. "Die Fassade der Angeklagten zu durchschauen, erscheint sehr schwer", betonte er. Der Prozess sei ein Indizienverfahren gewesen, bei dem man die Indizien "wie in einem Mosaik" zusammensetzen musste: "Das Bild, das entsteht, ist vielleicht nicht hochauflösend, aber doch erkennbar."

Die Verteidiger beantragten, die Frau freizusprechen und gingen in ihrem Plädoyer von einem "tragischen Geschehen zwischen Kindern mit tödlichem Ausgang" aus.

Die Indizien sprächen gegen ihre Schuld. Wahrscheinlich habe ihr eigener, damals neunjähriger Sohn eine Rolle beim Tod Taleas gespielt. Der Junge sei hyperaktiv und aggressiv. Vermutlich habe ein Streit der beiden Kinder zum tragischen Tod des Mädchens geführt.

"Aus Angst vor Strafe hat er nichts gesagt"

Die Verteidigung zeigte sich überzeugt, dass es bei Taleas Tod um ein "folgenschweres Unfallgeschehen" gehandelt habe. Womöglich habe sich der Unfall ereignet, als Talea und der elfjährige Sohn der Pflegemutter allein waren, sagte Verteidiger Michael Kaps. Der Junge könne sich beim Spielen auf Taleas Brustkorb gesetzt oder ihr ein Kissen auf den Mund gedrückt haben. Möglicherweise habe Talea das Bewusstsein verloren, und der Junge habe sie in die Wanne geschleppt, um sie wach zu bekommen.

"Während er das Wasser einlaufen ließ hörte er seine Mutter rufen. Aus Angst vor Strafe hat er nichts gesagt." Die Verteidigung wies darauf hin, dass es keine Zeugen für die Tat gebe und auch die genaue Tatzeit unklar geblieben sei. Auch das vermutete Motiv, die Angeklagte habe Talea in die Badewanne gesteckt, weil sie in die Hose gemacht habe, sei reine Spekulation.

Die Angeklagte hatte die Vorwürfe im Prozess zurückgewiesen. Sie habe Talea allerdings einige Zeit aus den Augen verloren. Als sie das Kind im kalten Wasser fand, habe es schon das Bewusstsein verloren. Sie habe daraufhin den Notruf gewählt. Vor Gericht erklärte sie unter Tränen, das Geschehene tue ihr sehr leid. "Ich trage die Schuld dafür, dass ich nicht da war."

Scheinwelt der Pflegemutter

Der Staatsanwalt hält diese Version für widerlegt. Die Vielzahl von Verletzungen an dem toten Kind sei ein Beleg für Misshandlungen über einen längeren Zeitraum. Die Erziehungsmethoden der Angeklagten, die auch zwei eigene Kinder hat, seien drastisch gewesen. "Ihrem Sohn wusch sie den Mund aus, wenn er Schimpfworte benutzte." Bei Talea sei das Einnässen ein "großes Thema" gewesen.

In ihrer Zeit als Pflegemutter hatte Kaja G. die häufig bei Talea entdeckten blauen Flecken und Wunden unter anderem damit erklärt, das Mädchen habe motorische Schwierigkeiten und falle häufig hin.

Staatsanwalt Kaune-Gebhardt betonte dagegen am Mittwoch, Talea habe sogar Rollschuhlaufen geübt. Kaja G. hatte laut Staatsanwalt eine Fassade aufgebaut. "Es verwundert nicht, dass sie in der Lage war, Kindergarten und Jugendamt von ihrem in sich stimmigen Verhalten zu überzeugen."

Der Scheinwelt der 38-Jährigen sei nicht nur die Kinderärztin, sondern auch das Jugendamt erlegen, fügte er hinzu. Es sei aber falsch, das Jugendamt oder einzelne Mitarbeiter als mitschuldig anzusehen. Die Anklagebehörde hatte nach Taleas Tod gegen zwei Sachbearbeiterinnen der Sozialverwaltung wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen ermittelt, später aber die Ermittlungen eingestellt.

Die Pflegemutter alarmierte damals selbst den Notarzt und wartete mit dem Kind auf dem Arm auf den Rettungswagen. Nach dem Eintreffen der Rettungskräfte zeigte Talea noch Lebenszeichen, starb aber am Abend im Krankenhaus.

Das Urteil wird an diesem Donnerstag erwartet.

han/dpa/ddp/AP



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