Dokumente zum Fall Trayvon Martin: "Sein Tod war komplett vermeidbar"

Dokumente, Fotos, Tonmitschnitte - im Fall des getöteten US-Teenagers Trayvon Martin haben Ermittler ihre Unterlagen veröffentlicht. Der Schütze George Zimmerman wurde demnach tatsächlich leicht verletzt, trotzdem war er wohl der Aggressor.

Fall Trayvon Martin: Was geschah am 26. Februar in Sanford? Fotos
REUTERS/State Attorney's Office

Hamburg - Was geschah in der Nacht, in der George Zimmerman den schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschoss? Diese Frage beschäftigt seit dem Tod des 17-Jährigen am 26. Februar Ermittler, Medien und Angehörige. Nun wurden Dokumente veröffentlicht, die etwas Licht in den Fall bringen - aber weiterhin entscheidende Fragen offenlassen.

Einige Stellen des 183 Seiten langen Berichts scheinen die Darstellung Zimmermans zu belegen, wonach er in Notwehr schoss. Auf einem Foto vom Abend des Vorfalls erscheint Zimmerman mit einer blutenden Nase. Einem medizinischen Bericht zufolge blutete der 28-Jährige aus der Nase und am Hinterkopf. Es habe sich um "kleinere Blutungen" gehandelt. Zudem sei sein Rücken nass und voller Gras gewesen, als habe er auf dem Boden gelegen, sagte ein Polizist aus.

Zimmerman ist Mitglied einer Bürgerwehr und hatte den 17-jährigen Trayvon Martin am 26. Februar in einer geschlossenen Wohnanlage in Sanford, Florida, erschossen. Er gibt an, aus Notwehr gehandelt zu haben. Der Jugendliche, der sich nach einem Einkauf auf dem Heimweg befand, war jedoch unbewaffnet.

Ob Zimmerman tatsächlich verletzt wurde, ist daher eine der Schlüsselfragen in dem Verfahren. In einem Video, das aus einer Überwachungskamera der Polizeistation stammt, sah man nach seiner Festnahme keine Verletzungen.

Andere Stellen der nun veröffentlichten Dokumente unterstützen die Theorie von Martins Eltern, der zufolge Zimmerman der Aggressor gewesen sein soll. Die Tötung Martins sei "letztendlich vermeidbar" gewesen. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass Martin zur Zeit des Vorfalls in irgendeine kriminelle Handlung verwickelt gewesen sei, sagte Ermittler Christopher Serino dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht zufolge. Der Kampf zwischen den beiden - und damit Martins Tod - hätte vermieden werden können, wenn Zimmerman in seinem Auto geblieben wäre und auf die Ankunft der Polizei gewartet hätte, so Serino. Oder Zimmerman hätte sich als besorgter Bürger ausgeben und einfach mit dem Teenager sprechen sollen.

"Die Polizei kommt zu dem Schluss, dass nichts davon passiert wäre, wenn George Zimmerman nicht aus dem Auto gestiegen wäre", sagt Anwalt Ben Crump, der die Familie Martin vertritt. Die Erkenntnisse könnten so zusammengefasst werden: Martins Tod "war komplett vermeidbar".

Bevor er Martin tötete, hatte Zimmerman die Notrufzentrale der Polizei angerufen. Diese sagte ihm, er solle den Jungen nicht verfolgen. Zimmerman tat dies trotzdem und tötete den unbewaffneten Teenager schließlich unter ungeklärten Umständen.

Martin hatte Marihuana im Blut

Untersuchungen zu dem tödlichen Schuss konnten keine eindeutige Erkenntnis über die Position der beiden Männer bringen. Klar ist lediglich, dass Martin aus nächster Nähe erschossen wurde. Die Kugel traf den Teenager in die Brust. Er starb noch vor Ort. Die Untersuchungen der Leiche ergaben, dass der Teenager Marihuana im Blut hatte.

Noch keine endgültige Klärung bringen die Unterlagen in der Frage, wessen Hilfeschreie im Hintergrund der telefonisch bei der Polizei eingegangenen Notrufe zu hören waren. Martins Mutter will die Stimme ihres Sohnes identifiziert haben. Den aktuellen Unterlagen zufolge soll Martins Vater die Rufe jedoch nicht seinem Sohn zugeordnet haben. "Mr. Martin, der natürlich emotional stark getroffen war, sagte leise 'nein'", wird Ermittler Serino zitiert. Zimmermans Vater habe hingegen eindeutig seinen Sohn identifiziert. FBI-Experten untersuchten das Material, bezeichneten die Qualität aber als zu schlecht, um eindeutig jemanden identifizieren zu können.

Die meisten Fragen werden - wenn überhaupt - wohl erst während des Prozesses geklärt werden. Unklar ist beispielsweise weiterhin, ob die Tat rassistisch motiviert war. Martins Tötung führte in den USA zu einer heftigen Debatte über laxe Waffengesetze und Rassismus im Justizsystem.

Zimmerman wurde nach dem tödlichen Schuss vorübergehend festgenommen, dann aber wieder laufengelassen. Die Polizei berief sich dabei auf ein Gesetz, das den Bürgern in Florida das Recht zu schießen gibt, wenn sie sich ernsthaft bedroht fühlen. Nach heftigen Protesten wurde Zimmerman schließlich wieder festgenommen, die Staatsanwaltschaft erhob am 11. April Anklage wegen Mordes. Am 23. April wurde Zimmerman gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Sein derzeitiger Aufenthaltsort wird geheimgehalten. Der 28-Jährige erhielt Morddrohungen.

Am 29. Mai soll die Anklageschrift öffentlich verlesen werden. Bei einer Verurteilung droht Zimmerman lebenslange Haft.

siu/AP/dapd

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1. Übersetzen ist eine Kunst...
alberlie 18.05.2012
"ultimately avoidable" ist mitnichten "komplett vermeidbar". Vielmehr: "letztlich vermeidbar", "aufs Ganze gesehen vermeidbar" o.ä.
2.
Thomas-Melber-Stuttgart 18.05.2012
Zitat von sysopDokumente, Fotos, Tonmitschnitte - im Fall des getöteten US-Teenagers Trayvon Martin haben Ermittler ihre Unterlagen veröffentlicht. Der Schütze George Zimmerman wurde demnach tatsächlich leicht verletzt, trotzdem war er wohl der Aggressor. Der Tod des 17-jährigen Jungen sei völlig unnötig gewesen. Tod von Trayvon Martin wäre "vermeidbar" gewesen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,833766,00.html)
Man könnte ja auch einmal ein Photo von Travyon Martin als 17-Jähriger veröffentlichen, oder ist da sein Nettingkeitsfaktor deutlich geringer? Gut möglich, daß er an jenem Abend agressiv war und sich der Schütze bedroht fühlte. Wie einleuchtend ist es, daß jemand ohne Grund Menschen erschießt?
3. Naja
copperfish 18.05.2012
Zitat von Thomas-Melber-Stuttgart. Wie einleuchtend ist es, daß jemand ohne Grund Menschen erschießt?
Naja, wenn einem die "Rasse" nicht passt. Schon mal etwas von NSU gehört?
4. ...
mr_supersonic 18.05.2012
Zitat von Thomas-Melber-StuttgartMan könnte ja auch einmal ein Photo von Travyon Martin als 17-Jähriger veröffentlichen, oder ist da sein Nettingkeitsfaktor deutlich geringer? Gut möglich, daß er an jenem Abend agressiv war und sich der Schütze bedroht fühlte. Wie einleuchtend ist es, daß jemand ohne Grund Menschen erschießt?
Versuchen Sie, die Tat irgendwie zu rechtfertigen? Oder passend zu machen? Können Sie sich vorstellen, dass ein Gefühl, bedroht zu sein, völlig irrational sein kann und einem lange nicht das recht gibt, unbewaffnete Menschen zu erschiessen? Schon mal was vom Grundprinzip der Verhältnismäßigkeit gehört? Ich denke das ganze ist wiedermal ein typischer Fall für die Rubrik: Jeder in Amerika darf eine Schusswaffe haben (ausser Schwarze)....man kann Michael Moore mögen oder nicht, aber sein "Bowling for Columbine" trifft das Problem in Amerika aber sowas von ins "Schwarze"....
5. Unterschied?
hwolf@gmx.net 18.05.2012
Zitat von alberlie"ultimately avoidable" ist mitnichten "komplett vermeidbar". Vielmehr: "letztlich vermeidbar", "aufs Ganze gesehen vermeidbar" o.ä.
Ich sehe da keinen signifikanten Unterschied. Es läuft auf dasselbe hinaus.
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