Todesschüsse auf Studenten Gutachten stellt Notwehr-Version der Polizei in Frage

Bei einem Polizeieinsatz im April wurde der Regensburger Student Tennessee Eisenberg von Beamten erschossen. Ein neues Gutachten lässt ihre Version, es habe sich um Notwehr gehandelt, zweifelhaft erscheinen.


Regensburg - Knapp fünf Monate nach den tödlichen Polizeischüssen auf den Regensburger Studenten Tennessee Eisenberg gibt es neue Zweifel an einer Notwehrsituation der Beamten.

"Anders als das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen halten wir es für sehr fraglich, ob zu diesem Zeitpunkt die Voraussetzungen einer Nothilfe oder Notwehr vorlagen", teilten die drei Rechtsanwälte der Familie Eisenberg am Donnerstag mit.

Laut einem neuen Gutachten sei der 24-Jährige durch acht Treffer bereits schwerst verletzt gewesen, bevor die vier tödlichen Schüsse auf die Brust des Studenten abgegeben worden waren: "Er hatte ein zerschossenes Kniegelenk und einen durchschossenen Oberarmknochen, einen Steckschuss in der Lunge sowie weitere Treffer an den Extremitäten erhalten", heißt es.

Eisenberg hatte am 30. April einen Mitbewohner mit einem Messer bedroht. Der Zimmernachbar konnte flüchten und die Polizei alarmieren. Als die Beamten kamen und auf den immer noch mit dem Messer bewaffneten Studenten trafen, eskalierte die Situation.

Eisenberg starb kurz nach den Schüssen in einer Regensburger Klinik.

Die Angehörigen zweifeln die offiziellen Ermittlungen an und haben deshalb bei einem Sachverständigen des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Münster ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben.

Die Regensburger Staatsanwaltschaft hatte den Einsatz zunächst als "Nothilfe" bewertet. Der Student soll auf einen Beamten losgegangen sein, deswegen sollen Kollegen den 24-Jährigen erschossen haben.

Die Anwälte der Familie schildern nun allerdings einen ganz anderen Hergang. Demnach soll der schießende Polizist bei den tödlichen Schüssen an der Haustür gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt sei kein anderer Beamter mehr in dem Gebäude in einer Gefahrenlage gewesen. Außerdem handle es sich bei dem Schützen um einen Polizisten, der sechs Jahre bei einer Spezialeinheit gearbeitet habe und daher in Selbstverteidigung besonders geschult sei. Die Anwälte verlangen, dass der Einsatz nun am Tatort rekonstruiert wird.

Der Leitende Regensburger Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel wollte das neue Gutachten zunächst nicht bewerten. Die Prüfung könne mehrere Wochen dauern. "Wenn da wirklich etwas anderes drinsteht, werden wir die anderen Gutachter dazu befragen müssen", sagte er.

pad/dpa

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