Hinrichtung psychisch kranker Straftäter "Unzivilisiert und unmenschlich"

Die Hinrichtung psychisch Kranker ist völkerrechtlich tabu. Doch eine Handvoll Staaten exekutieren solche Delinquenten durchaus - darunter die USA. Menschenrechtler schlagen Alarm.

Von , New York

DPA

Mit seinen letzten Worten bat Ramiro Hernandez-Llanas um Vergebung. "Was ich getan habe, tut mir leid", murmelte er auf Spanisch. "Ich schaue auf den Engel Gottes." Dann begann der Gift-Cocktail zu wirken, und er schloss die Augen. Elf Minuten später, um 18.28 Uhr, setzte sein Herz aus.

Die Hinrichtung des 44-jährigen Mexikaners im texanischen Huntsville im April schien makabere Routine in einem US-Staat, der mehr Menschen exekutiert als alle anderen. Hernandez-Llanas war der sechste Mörder, der 2014 in Texas durch die Giftspritze starb, seither folgten drei weitere.

Doch der staatlich sanktionierte Tod des Ramiro Hernandez-Llanas war alles andere als Routine. Erstens war er kein Amerikaner: In Mexiko wegen Mordes inhaftiert, war er 1997 ausgebrochen und über die Grenze geflohen. Dort hatte er einen Professor erschlagen und dessen Frau vergewaltigt. Texas ignorierte die Proteste Mexikos - das die Todesstrafe 2005 abschaffte - sowie einen Spruch des Internationalen Gerichtshofs.

Zweitens war Hernandez-Llanas geisteskrank.

Die Exekution Geisteskranker oder Behinderter ist völkerrechtlich tabu. Weltweite Gremien, darunter die Uno-Menschenrechtskommission, haben diese Praxis einhellig verurteilt. Trotzdem stören sich eine Handvoll Staaten nicht daran. Darunter Japan, Pakistan - und die USA.

Weshalb Menschenrechtler weltweit diesen Freitag, den Internationalen Tag gegen die Todesstrafe, der Hinrichtung jener gewidmet haben, die für ihre Taten psychisch nicht verantwortlich waren. "Es geht nicht darum, entsetzliche Verbrechen zu entschuldigen", erklärt Oliver Hendrich, Vorstandssprecher von Amnesty International in Deutschland. "Es geht um die Art der Strafe, die zur Anwendung kommen darf."

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Die Todesstrafe, so Hendrich, sei ohnehin "grausam, unmenschlich und erniedrigend" - doch sollen jene Staaten, die sie immer noch anwendeten, "bis zur Abschaffung zumindest die internationalen Standards einhalten".

In den USA verhallen diese Appelle. Obwohl auch die US-Verfassung die Exekution Behinderter implizit verbietet. Der Supreme Court bestätigte das 1986 im Fall eines Todeskandidaten aus Florida, der mit paranoider Schizophrenie diagnostiziert worden war: Ihn hinzurichten sei "unzivilisiert und unmenschlich".

Doch überließ es das höchste Gericht den Bundesstaaten, "geisteskrank" zu definieren - und legte das Schicksal der Betroffenen damit in die Hände von Politikern, Geschworenen und mehr oder weniger qualifizierten "Gutachtern".

Etwa Ramiro Hernandez-Llanas: In schlimmster Armut aufgewachsen, hatte er einen Intelligenzquotienten von nicht mehr als 60. Ärzte stellten schwere psychische Mängel fest. Die US-Justiz hielt die Aussage eines - beruflich diskreditierten - Psychiaters dagegen, der den Angeklagten zum Soziopathen erklärte, obwohl er ihn nie untersucht hatte und kein Spanisch sprach. Texas' Gouverneur Rick Perry lehnte ein Gnadengesuch ab.

"Internationale Normen sind eindeutig, dass diese Menschen nicht die ultimative Bestrafung erleiden sollten", sagte Steven Hawkins, Exekutivdirektor von Amnesty USA. "Die USA können nicht beanspruchen, bei Menschenrechten führend zu sein, solange sie diese Gefangenen hinrichten."

Ein weiteres US-Beispiel: Askari Abdullah Muhammad, hingerichtet am 7. Januar 2014. Muhammad - geboren Thomas Knight, in der Haft zum Islam konvertiert - hatte ein Ehepaar und einen Gefängniswärter umgebracht. Trotz langer psychischer Krankheitsgeschichte, einschließlich paranoider Schizophrenie, saß er 40 Jahre in der Todeszelle. "Das System hat funktioniert", jubelte die Tochter des Wärters nach der Vollstreckung.

"Internationales Recht legt unmissverständlich fest, dass Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen nicht zum Tod verurteilt werden dürfen", betont Hendrich. "In vielen Fällen werden solche Behinderungen im Verlauf des Prozesses aber gar nicht identifiziert."

In der "Death Row" der Union Correctional Institution in Florida warten zurzeit mindestens zwei geistig Gestörte aufs Ende: Frank Walls, 46, und Michael Zack, 45. Serienkiller Walls galt von Kindheit an als manisch-depressiv und wurde mit Lithium behandelt. Bei seinem Prozess sagte ein Psychologe aus, dass er zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig gewesen sei. Zack, der zwei Frauen ermordet hat, leidet nach Angaben der Ärzte an fetalem Alkoholsyndrom - einer vorgeburtlichen Schädigung durch Alkoholkonsum der Mutter - sowie posttraumatischem Stress-Syndrom, da er mitangesehen hatte, wie seine Schwester seine Mutter mit einer Axt erschlagen hatte.

Nicht nur in den USA hat Amnesty Hinrichtungen behinderter Menschen dokumentiert. In Japan wurden bereits mehrere exekutiert. Andere warten noch - etwa der 78-jährige Hakamada Iwao, der 1968 verurteilt wurde und auf die weltweit längste Zeit im Todestrakt zurückschaut.

In Pakistan wurde der Brite Mohammad Asghar, 70, der an paranoider Schizophrenie leidet, Anfang 2014 wegen Blasphemie zum Tod verurteilt, weil er sich in wirren Briefen als Prophet Mohammed bezeichnet hatte. Im September wurde er von einem Wärter in den Rücken geschossen.



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