US-Todeskandidat Richard Glossip Im Zweifel gegen den Angeklagten

Richard Glossip soll in Oklahoma wegen Mordes hingerichtet werden. Nun mehren sich die Zweifel an seiner Schuld. Doch seinen Verteidigern läuft die Zeit davon - trotz prominenter Intervention.

Liege im Hinrichtungsraum in Oklahoma: Vorab "lebendig begraben"
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Liege im Hinrichtungsraum in Oklahoma: Vorab "lebendig begraben"

Von , New York


Seine Henkersmahlzeit hat Richard Glossip bereits bestellt: Pizza und Fish and Chips, dazu einen extra großen Erdbeershake. Dieses letzte Mahl wird er planmäßig in seiner Zelle einnehmen, einer fensterlosen Betongruft im Todestrakt des Staatsgefängnisses von Oklahoma, das den Ruf hat, die Delinquenten schon vorab "lebendig zu begraben".

Offiziell sterben soll Glossip, 52, am Mittwoch um Punkt 17 Uhr Ortszeit. Auf eine Pritsche geschnallt, soll er mit einem intravenös verabreichten Giftcocktail umgebracht werden. Die US-Justiz in Gestalt von zwölf ungeschulten Laien - Geschworene genannt - sah darin die beste Strafe für einen Mord, den Glossip 1997 begangen haben soll.

Daran ändert auch nichts, dass Glossip möglicherweise unschuldig ist.

Zwar setzen immer mehr US-Bundesstaaten die Todesstrafe aus oder schaffen sie ganz ab. Denen jedoch, die in den anderen Gegenden weiter auf ihren staatlich verordneten Tod warten, hilft das wenig. Oftmals zeigen ihre Schicksale, wie fatal fehlbar das System Todesstrafe ist.

Die Todesstrafe in den USA heute
Richard Glossip könnte so ein Fall sein. Er war einer von vier Todeskandidaten aus Oklahoma, die gegen das Exekutionsgift Midazolam bis vor den Obersten US-Gerichtshof zogen, da es mehrfach zu einem qualvollen Tod geführt hatte. Die Klage trug zuletzt sogar Glossips Namen. Doch vergeblich: Im Juni erklärte der Supreme Court Midazolam-Hinrichtungen für rechtmäßig; Glossip soll als Erster seither sterben.

An seiner Schuld bestehen große Zweifel. Neue Verteidiger haben Indizien zusammengetragen, die Glossip entlasten. Prominente setzen sich für ihn ein, darunter Schwester Helen Prejean, die berühmte Anti-Todesstrafen-Aktivistin, und Hollywoodstar Susan Sarandon, die Prejean im Kinofilm "Dead Man Walking" spielte.

Glossip wäre kein Einzelfall: Seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA stellte sich bei bisher 155 Verurteilten nachträglich heraus, dass sie unschuldig waren. Gouverneurin Mary Fallin könnte Glossip Aufschub gewähren, um den Verteidigern Zeit zu geben, ihre Argumente vor Gericht zu präsentieren. Doch die Republikanerin bleibt hart: "Oklahoma ist bereit, ihn für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen."

Am 7. Januar 1997 wurde der Motelbesitzer Barry Van Treese in Oklahoma City brutal erschlagen. Der 19-jährige Gelegenheitsarbeiter Justin Sneed gestand die Tat. In widersprüchlichen Aussagen behauptete er dann aber, Motelmanager Glossip habe ihn angestiftet, da er Einnahmen unterschlagen habe.

Wegen seines kooperativen Verhaltens kam Sneed mit lebenslänglich davon. Glossip dagegen wurde 1998 und in einem Wiederaufnahmeverfahren 2004 zum Tode verurteilt - nur aufgrund der fragwürdigen Aussage Sneeds. Doch die Pflichtverteidiger - mehr konnte sich Glossip nicht leisten - waren ihrer Aufgabe in beiden Prozessen nicht gewachsen.

Ein neues Juristenteam, das umsonst arbeitet, ist der Wahrheit in den vergangenen Wochen näher gekommen. Die Anwälte gruben Videos und Transkripte der Sneed-Verhöre aus. Darin änderte dieser seine Story unter Druck mehrmals, um am Ende einen Deal mit der Anklage einzugehen: Er beschuldigte Glossip und rettete sich damit das Leben.

Hinrichtungen seit 1976
In Wahrheit sei Sneed ein methsüchtiger Dealer gewesen, der in dem Motel Drogengeschäfte gemacht habe und fürchtete aufzufliegen. Der führende US-Polizeiexperte Richard Leo nannte Sneeds Aussage ein klassisches, von der Polizei suggeriertes "falsches Geständnis".

Hilfe kam auch von anderer Seite. Eine Frau, die sich als Sneeds Tochter O'Ryan Justine Sneed bezeichnete, beschuldigte ihn in einem Brief an die Bewährungskommission von Oklahoma der Falschaussage. Das Schreiben traf aber zu spät für Glossips letztes Gnadengesuch ein.

Ericka Glossip-Hodge, Tochter des Verurteilten, Anwalt: Kampf um ein Leben
AP

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Auch eine der damaligen Geschworenen distanzierte sich: "Wenn die Verteidigung den Fall so präsentiert hätte, wie sie es heute tut", sagte sie dem Lokalsender Fox 25, "hätte ich für nicht schuldig gestimmt."

Mehr als 50.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, die einen Aufschub der Hinrichtung fordert. Oklahomas Ex-Senator Tom Corbin schloss sich einem Protestbrief zahlreicher Rechtsexperten an die Gouverneurin an. "Er vertraute der Justiz", sagte Schauspielerin Sarandon in der TV-Talkshow "Dr. Phil" über Glossip. "Und die Justiz ließ ihn im Stich."

Glossip selbst scheint sich mit seiner Lage abgefunden zu haben. "Ich habe keine Angst vor dem Tod", sagte er dem britischen Boulevardblatt "Daily Mirror". "Ich bin bereit zu sterben, wenn das verhindert, dass so etwas einem weiteren Unschuldigen geschieht."

Seine letzten Worte hat er ebenfalls schon formuliert: "Niemand sollte für eine Straftat sterben müssen, die er nicht begangen hat."

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