Todesstrafe in den USA Illusion des sanften Tötens

Ein umstrittenes Gift, willkürliche Entscheidungen, Aufschübe in letzter Sekunde: Noch nie war der Irrsinn des amerikanischen Todesstrafen-Regimes so offensichtlich.

Proteste gegen die Todesstrafe (in Washington): Menschen das Leben zu nehmen, ist immer ein Akt von Gewalt
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Proteste gegen die Todesstrafe (in Washington): Menschen das Leben zu nehmen, ist immer ein Akt von Gewalt

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Charles Warner hat sich gleich zweimal von seiner Familie verabschiedet, er hat auch zweimal seine letzte Mahlzeit gegessen. Das erste Mal am 29. April 2014, das zweite Mal am 15. Januar 2015.

Am 29. April war seine Hinrichtung für 20 Uhr angesetzt. Zwei Stunden vorher, um 18 Uhr, sollte sein Zellennachbar Clayton Lockett in der Todeskammer von Oklahoma sterben. Doch bei dessen Hinrichtung lief schief, was schieflaufen konnte. Erst nach 43 Minuten wurde er für tot erklärt. Es war die wohl grausamste Hinrichtung, seit Verurteilte in den USA durch die Giftspritze getötet werden.

Die Exekution von Charles Warner wurde daraufhin abgesagt. Dann war sie im November geplant, auch dieser Termin wurde kurzfristig aufgehoben. Oklahoma hatte in der Zwischenzeit zwar 100.000 Dollar in die Renovierung der Todeskammer investiert, brauchte aber noch etwas Zeit, um seinem offenkundig unfähigen Personal beizubringen, wie man Menschen professioneller tötet.

Hoffen bis zum Schluss

Das Personal ist nicht das einzige Problem: Bis vor Kurzem hatten die meisten Staaten bei Hinrichtungen starke Narkosemittel als erstes Präparat verabreicht. Sie sollen den Häftling vollständig bewusstlos machen, ehe die tödlichen Gifte gespritzt werden. Höllische Qualen sollen so vermieden werden. Seit die Hersteller der Narkosemittel die Verwendung bei Exekutionen verboten haben, suchen die Behörden krampfhaft nach Alternativen. Und setzen derweil Midazolam ein.

Midazolam wurde für Locketts und weitere Hinrichtungen verwendet, bei denen die Häftlinge lange bei Bewusstsein blieben und sichtlich litten. Es bestehen ernste Zweifel, ob Midazolam seinen Zweck erfüllt - die US-Gesundheitsbehörde hat es nicht einmal für normale Operationen zugelassen.

Charles Warner reichte mit drei weiteren Todeskandidaten eine Klage gegen die Verwendung von Midazolam ein. Als er am 15. Januar aufwachte, hoffte er erneut, seiner für 18 Uhr geplanten Hinrichtung zu entgehen: dann nämlich, wenn der Supreme Court die Klage angenommen und die Hinrichtung bis zu einem Urteil ausgesetzt hätte.

Warner aß erneut um 12 Uhr mittags seine letzte Mahlzeit, am Nachmittag verabschiedete er sich ein zweites Mal von seiner Familie. Doch als die Zeit gekommen war, geschah zunächst nichts. Warner erfuhr, dass die obersten Richter in Washington noch über einen Aufschub berieten. Wieder Hoffen, zehn Minuten, zwanzig. Schließlich wurde Warner doch abgeholt und hingerichtet.

Weiterer Kläger soll hingerichtet werden

Das Oberste Gericht hatte den Antrag abgelehnt, mit fünf zu vier Richterstimmen. Die fünf Richter, die gegen ihn stimmten, wurden von den Republikanern nominiert, die vier anderen von den Demokraten.

Was Charles Warner gleich mehrfach erleben musste, ist psychische Folter. Und sie ist keine Ausnahme: Oft entscheiden die Gerichte buchstäblich in letzter Minute, ob sie einen Aufschub gewähren. Neben der Tötung an sich wäre allein diese Nervenfolter eine grobe Menschenrechtsverletzung.

Hinrichtungen seit 1976

Noch absurder wurde Warners Fall, als der Supreme Court eine Woche nach der Hinrichtung erklärte, man nehme die Klage von Warner und den drei weiteren Todeskandidaten an und wolle im Mai ein Urteil fällen, ob die Verwendung von Midazolam verfassungsgemäß ist.

Und es wird noch absurder. Einer der verbliebenen drei Kläger sollte am Donnerstagabend in Oklahoma hingerichtet werden: Richard Glossip, bei dem sogar vieles dafür spricht, dass er unschuldig ist. Nach der Ankündigung des Supreme Courts, im Mai eine Grundsatzentscheidung fällen zu wollen, forderte am Montag sogar Oklahomas Oberstaatsanwalt, Glossips Hinrichtung bis dahin aufzuschieben. Doch der Supreme Court ließ Glossip, der eigentlich schon im November sterben sollte, erneut bis zum Vorabend seiner Hinrichtung im Unklaren, eher er am Mittwoch einen weiteren Aufschub gewährte.

Verstörendes Tauziehen um Leben und Tod

Dieses Tauziehen um Leben und Tod ist verstörend, es ist eine Farce, die eines demokratischen Rechtsstaats nicht würdig ist. Das alles findet schließlich nicht in Saudi-Arabien, sondern in der Führungsmacht der westlichen Welt statt. Dort verbringen Beamte mit Hochschulabschluss allen Ernstes ihre Tage damit, dafür zu kämpfen, dass ihr Staat seine Bürger auch künftig mit untauglichen Präparaten vom Leben in den Tod befördern darf.

Dass die Giftspritze das Töten sanft gestaltet, hat sich als große Illusion erwiesen. Menschen das Leben zu nehmen, ist immer ein Akt von Gewalt, grausam und brutal. Ein Staat sollte sich niemals auf das Niveau derer begeben, die er für ihre Taten bestrafen will.

Doch wann immer sich Grausamkeiten, Fehler und Absurditäten häufen, kündigt sich zugleich ein Ende an. Es werden noch weitere Menschen in den USA hingerichtet werden. Aber früher oder später werden die Amerikaner den Irrsinn dieses Systems nicht mehr ausblenden können. Wer es gut meint mit diesem Land, muss diese Hoffnung haben.

Zum Autor
Maurice Weiss
Markus Feldenkirchen ist politischer Autor des SPIEGEL in Berlin und leitet das Meinungsressort.

E-Mail: Markus_Feldenkirchen@spiegel.de

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Seite 1
claudiusoptimus 29.01.2015
1. Ich bin gegen die Todesstrafe
und überzeugt, daß die USA früher oder später davon lassen. Was mir aber schon oft in den Sinn gekommen ist und worüber ich noch nichts lesen konnte: wie verhält es sich mit den Sterbewilligen in Europa, die Sterbehilfe in der Schweiz und den Niederlanden in Anspruch nehmen? Die werden sich doch vermutlich nicht zu Tode quälen lassen. Warum gehen die USA nicht genauso vor?
abu-l-banat 29.01.2015
2. Bundesliga aufgepasst!
Nun hoffen wir einmal, dass bei der nächsten Sommerreise der Fußball-Nationalmannschaft, oder wenn der FC Bayern oder ein anderer Bundesliga-Verein dort hinfahren, diese offenkundigen Menschenrechtsverletzungen auch deutlich angesprochen werden. Auch von Klinsmann erwartet man eigentlich dazu eine klare Stellungnahme!
zapp-zarapp 29.01.2015
3. Ein typischer Feldenkirchen-Beitrag
Wie gewohnt schreibt Herr Feldenkirchen auf SPIEGEL-Print-Niveau: relevant, sauber, positioniert, begründet, unaufgeregt. Vielen Dank!
chagall1985 29.01.2015
4. Das ignorieren die seit 40 Jahren
Da werden die auch noch weitere 40 Jahre schaffen. So wie diese Gesellschaft Arme und Obachlose und Ghettos ignorieren kann kann sie auch das. Wenn eine Gesellschaft Menschen verre cken lässt die keine Krankenversicherung haben wen interessieren da bitte Straftäter? Ich habe da überhaupt keine Hoffnung!
polarwolf14 29.01.2015
5. Hoffen?
Was heißt hier hoffen bis zum Schluss oder von seiner Familie verabschiedet? Das Opfer hat keine Hoffnung mehr und konnte sich nicht verabschieden. Und grausam aus dem Leben sind die Opfer allemal geschieden. Gestern der hingerichtete Doppelmörder, der hat nicht mehr viel Berechtigung was einzufordern. Null Mitleid. Wer mit Wissen und Wollen einen Menschen tötet, ist kein Mensch. Nur annähernde Gerechtigkeit, ausser Todesstrafe, kann es nicht geben.
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