Hinrichtungen in den USA Mit allen Mitteln

Giftstoffe für Hinrichtungen sind kaum noch lieferbar; US-Bundesstaaten suchen nach neuen Methoden, um Todesurteile zu vollstrecken. Utah hat nun wieder Erschießungen erlaubt, Oklahoma setzt auf Stickstoff.

Von und

DPA

Als Ronnie Lee Gardner gefragt wurde, ob er noch etwas zu sagen habe, antwortete der Häftling: "Nein, habe ich nicht." Dann zogen ihm Vollzugsbeamte eine schwarze Kapuze über den Kopf. Gardner saß festgeschnallt auf einem Stuhl im Staatsgefängnis von Utah, ein Mediziner markierte sein Herz für das Erschießungskommando.

Fünf Schützen, alles Polizisten, legten ihre Winchester-Gewehre an, Kaliber .30. Eine Waffe war nur mit Platzpatronen geladen - auf diese Weise wussten die Schützen nicht, wer den tödlichen Schuss abfeuerte. Gegen Viertel nach zwölf in der Nacht schossen die Männer, um 0.17 Uhr des 18. Juni 2010 wurde Ronnie Lee Gardner für tot erklärt.

Gardner war wegen Mordes zum Tode verurteilt worden. Er hatte erst bei einem Überfall einen Barkeeper erschossen. Und dann in einem Gerichtsgebäude einen Anwalt.

25 Jahre musste er auf seine Hinrichtung warten. Nicht allein deshalb löste der Fall in den USA und international eine neue Todesstrafen-Debatte aus. Sondern auch wegen der Hinrichtungsmethode.

Utah hatte Erschießungskommandos 2004 abgeschafft. Doch weil Gardner viel früher verurteilt worden war, bestand für ihn weiter die Möglichkeit dieser Hinrichtung. Es war sein erklärter Wunsch, so zu sterben. Es könnte die letzte Exekution dieser Art gewesen sein, mutmaßten damals Lokalmedien. Doch diese Einschätzung muss nun relativiert werden: Utahs Gouverneur Gary R. Herbert hat ein Gesetz unterzeichnet, das Erschießungen als Hinrichtungsmethode wieder einführt.

Utah reagiert damit auf ein Dilemma, in dem viele Bundesstaaten stecken: Ihnen sind in den vergangenen Jahren nicht nur die Chemikalien für die tödlichen Giftspritzen ausgegangen, sondern auch die Ideen, wie sie ihre Gefangenen töten können. Doch statt einer in den USA überfälligen Debatte über die Abschaffung der Todesstrafe stellen sich US-Behörden die Frage: Wie töten wir einen Menschen am besten?

Hinrichtungen seit 1976
Trotz grausamer Pannen bei mehreren Hinrichtungen finden viele Amerikaner die Todesstrafe richtig. 59 Prozent waren es laut einer Umfrage für den Sender NBC kurz nach der verpfuschten Exekution von Clayton Lockett. Ein halbes Jahr später war der Wert sogar auf 63 Prozent gestiegen, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Gallup zeigte.

"Menschlichste Art zu sterben"

Nun kehren manche Bundesstaaten zu längst abgeschafften Methoden zurück. Utah zum Erschießungskommando, Tennessee zum elektrischen Stuhl. Mit großem Interesse verfolgen die Behörden auch einen Vorschlag in Oklahoma: Tod durch Sauerstoffmangel, herbeigeführt durch den Einsatz von Stickstoff.

Ein Team um den Abgeordneten Mike Christian hat die Exekutionsmethode entwickelt, die der Republikaner als revolutionär und gewaltlos bewirbt. Er brüstet sich damit, die "menschlichste Art zu sterben" gefunden zu haben - als ob es humanes Töten überhaupt gibt.

Im Online-Magazin "The Atlantic" stellte sein Mitstreiter Michael Copeland, Strafrechtsprofessor an der East Central University, die Methode so vor: Dem Gefangenen wird beispielsweise mittels einer Gesichtsmaske ein Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch zugeführt. Der Sauerstoff wird entzogen, der Mensch erstickt.

Verfügbar, billig, einfach anzuwenden

Copeland wirkt von der Methode begeistert. Ihm zufolge ist das Sterben schmerzfrei, da der Betroffene nach etwa 15 Sekunden bewusstlos werde und nicht mehr mitbekomme, wie er erstickt. 30 Sekunden später höre das Gehirn auf zu arbeiten, zwei bis drei Minuten später soll das Herz stehen bleiben.

Verfügbar, billig, einfach, human - mit diesen Argumenten haben Christian und Copeland bereits das Repräsentantenhaus von Oklahoma überzeugt. "Bill 1879" wurde mit großer Mehrheit verabschiedet, schon bald wollen sie das Gesetz dem Senat in Washington vorstellen. Vergessen scheint, dass auch einst die Giftspritze als sanftes Töten vorgestellt wurde.

Sollte der Vorschlag durchkommen, wäre das eine Premiere in den USA. Kein Bundesstaat hat bislang mit Stickstoff einen Menschen getötet. Laut einem Report von Amnesty International von 2013 sind weltweit keine Fälle einer solchen Exekution bekannt. Tritt das Gesetz in Kraft, wäre Stickstoff als erste Alternative in Oklahoma einzusetzen. Also etwa wenn Giftspritzen für verfassungswidrig erklärt werden (momentan prüft der Supreme Court die Injektionen) oder Engpässe die Beschaffung der Medikamente unmöglich machen.

Boykott, Engpass, mehr Boykott

Allerdings ist die Methode kaum erprobt. "Es wurde nur oberflächlich erforscht und nie getestet", sagte Richard Dieter dem "Atlantic". Er ist der Chef des Death Penalty Information Center, das die Todesstrafe ablehnt. Die Methode trotzdem durchzusetzen sei "ein Experiment mit menschlichen Versuchskaninchen". Der Entwurf segele momentan ohne vernünftige Überprüfung durch die Instanzen.

Der Engpass bei den Giftcocktails entstand, weil die USA das oft verwendete Betäubungsmittel Thiopental-Natrium nicht mehr auftreiben konnten. Die Europäische Kommission verbot die Ausfuhr des Stoffs für Hinrichtungen, in den USA weigerte sich der einzige in dem Land zugelassene Hersteller, das Mittel zu produzieren.

Die Behörden ließen sich vom Boykott nicht irritieren, nutzten neue Chemikalien, darunter das umstrittene Beruhigungsmedikament Midazolam, das auch bei der schiefgelaufenen Hinrichtung Locketts zum Einsatz kam, und das Schmerzmittel Hydromorphon. Doch auch hier verweigern sich zunehmend die Pharmaunternehmen. Erst Anfang März verfügte der Hersteller Akorn, gewisse Substanzen, darunter Midazolam und Hydromorphon, dürften nicht mehr an Gefängnisse ausgeliefert werden.

Warum sich in den USA keine Hersteller finden lassen? Es werden nur geringe Mengen der Chemikalien gebraucht, was die Produktion nicht rentabel macht. "Die nötige Neuzulassung wäre extrem teuer und lohnt sich nicht für ein Medikament, das aus dem Patentschutz längst heraus ist", erklärte der Toxikologe Florian Eyer von der Technischen Universität München 2014 der "Zeit".

So werden Methoden wie Erschießen wieder zur Option - auch wenn das Death Penalty Information Center vor verpfuschten Hinrichtungen warnt, etwa wenn sich der Häftling plötzlich bewegt.

Siebeneinhalb Meter stehen die Schützen vom Todeskandidaten entfernt hinter einer Wand. Sie bleiben anonym. Wenn sie das Herz des Häftlings treffen, verliert er schnell das Bewusstsein und stirbt an Blutverlust. Wenn sie das Herz treffen.

REUTERS
Die Autoren auf Twitter:

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 136 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
neo91 24.03.2015
1. Guillotine
Das ist meiner Meinung nach die schnellste Methode zum Hinrichten, neben dem Erschiessen. Human finde ich die Todesstrafe aber generell nicht. Ich hoffe die Franzosen führen sie nicht wieder ein.
paddyman 24.03.2015
2. Stickstoff?
Ich bin absoluter Gegner der Todesstrafe und finde sämtliche Hinrichtungen barbarisch und unserer Gesellschafts- und Zivilisationsform nicht angemessen. Aber wer hat da in der Schule nicht aufgepasst? Stickstoff? Das der Mensch erstickt - bei vollem Bewußtsein - ist nicht auszuschließen. Warum greift man nicht auf Kohlenmonoxyd (CO) zurück? Da schläft der Mensch vor seinem Tod ein, sagt man so. Ist vielleicht den USA zu human.
ex-optimist 24.03.2015
3. Ein Mordsland
dieser Hort der Freiheit, wo jährlich mehr Leute ermordet werden als in manchen Kriegen. Und der Anteil der Gefängnisinsassen an der Gesamtbevölkerung einsamer Weltrekord ist.
der_durden 24.03.2015
4.
Zitat: "Ein Team um den Abgeordneten Mike Christian hat die Exekutionsmethode entwickelt, die der Republikaner als revolutionär und gewaltlos bewirbt. Er brüstet sich damit, die "menschlichste Art zu sterben" gefunden zu haben - als ob es humanes Töten überhaupt gibt." Dazu fällt einem nichts mehr ein. Wie erbärmlich kann man als Politiker sein? Elektrischer Stuhl in Tennessee? Längst ist klar, dass diese Methode grausam und qualvoll ist. Ich dachte der Supreme Court hat dazu schon längst geurteilt, nämlich dass die Todesstrafe nicht übermäßig grausam sein darf? Wobei auch das schon purer Zynismus ist, man lässt die Deliquenten zum Teil Jahrzehnte warten und richtet sie dann hin. Wiederaufnahmeverfahren sind in den USA extrem schwer zu erreichen, man muss davon ausgehen, dass nach wie vor auch Unschuldige in den Todeszellen sitzen. Alleine in den letzten Jahren sind nicht wenige aus Glück unschuldig aus der Todeszelle entlassen worden. Nein, das ist krank und eines zivilisierten Rechtsstaates nicht würdig!
spon_2545532 24.03.2015
5. Grausames Geschreibsel ...
*Fünf Schützen, alles Polizisten, legten ihre Winchester-Gewehre an, Kaliber .30. Eine Waffe war nur mit Platzpatronen geladen - auf diese Weise wussten die Schützen nicht, wer den tödlichen Schuss abfeuerte. Gegen Viertel nach zwölf in der Nacht schossen die Männer, um 12:17 Uhr am Morgen des 18. Juni 2010 wurde Ronnie Lee Gardner für tot erklärt./* Platzpatronen: Jedes Gewehr ist wohl nur mit einer Patrone geladen. Tödlicher Schuss: Müssten ja wohl 4 tödliche Schüsse gewesen sein. Viertel nach 12: Besser 0 Uhr 15, oder Viertelstunde nach Mitternacht. 12:17 am Morgen: Was soll das denn für eine Uhrzeit sein? War mal wieder der Praktikant am Abschreiben und hat´s automatisch übersetzen lassen? Und solche Texte sollen in Zukunft Geld kosten? Na danke.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.