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02. Juli 2014, 12:16 Uhr

Briefe aus der Todeszelle

"Das dreckige Gesicht der Todesstrafe wird sichtbar"

Von Gesa Fritz

Gabi Uhl hält Kontakt zu Männern, die im Todestrakt von US-Gefängnissen sitzen. Derzeit schreibt sie sich Briefe mit Willie Trottie. Über das Leben, ihre Arbeit und seine Hinrichtung im September, zu der sie reisen wird.

Es sieht alles danach aus, dass Gabi Uhl am 10. September 2014 ihren Brieffreund verlieren wird. An diesem Tag soll Willie Trottie mit acht breiten Ledergurten auf einer Liege fixiert sterben. In einem türkis gestrichenen Raum, der Hinrichtungskammer in Huntsville, die gerade Platz genug bietet, einmal um die Liege herum zu gehen. Im Arm die Infusionsnadel, zu seinen Füßen der Gefängnispfarrer. Nur den Kopf kann Trottie dann noch drehen.

Gabi Uhl will der Hinrichtung in Texas beiwohnen, nur eine Armlänge von Trottie entfernt und durch ein vergittertes Fenster von ihm getrennt: Im "Witness Room" als Zeugin des Opfers. Sie will hören, wie der 44-Jährige seine letzten Worte spricht, bevor die Kolben niedergehen und das tödliche Gift durch seine Adern schicken. Sie will dabei sein, wenn er seinen letzten Atemzug tut und gemeinsam mit Trotties Angehörigen die Stille danach ertragen.

"Niemand will einen geliebten Menschen sterben sehen", sagt Uhl. Noch schlimmer aber sei für sie die Vorstellung, irgendwo zu sitzen, auf die Uhr zu schauen und sich all das auszumalen.

Uhl schreibt seit 1997 an zum Tode verurteilte Häftlinge in den USA. Alles fing an, als eine Freundin sie zum Besuch eines solchen Häftlings mitnahm. Uhl begann ihm zu schreiben. Zehn unterschiedlich enge Brieffreundschaften hat die 52-Jährige seitdem gepflegt. Heute ist sie Vorsitzende des Vereins "Initiative gegen die Todesstrafe", informiert auf mehreren Homepages über das Thema und hält regelmäßig Vorträge in Schulklassen. An den Wänden ihrer Wohnung im hessischen Taunusstein hängen Gemälde ihres ersten Brieffreundes, auf dem Bett sind Briefe und Fotos von Trottie aufgefächert.

"Willie ist für mich ein Freund", sagt Uhl und stellt gleich klar: "Das ist keine romantische Beziehung. Darum ging es mir nie." Für die Gefangenen seien die Briefe so etwas wie ein Fenster in die Welt. "Sie sitzen den ganzen Tag in einer etwa sechs Quadratmeter großen Zelle und haben keinen Fernseher, nichts, was sie tun könnten." Und Willie gebe ihr in seinen Briefen sehr viel zurück. "Ich kann ihm alles schreiben. Er nimmt an allem Anteil, was mich betrifft", sagt Uhl.

Kaltblütiger Mord oder Notwehr?

Trottie tippt seine Briefe auf der Schreibmaschine. Elektronische Medien sind für den Häftling tabu. Er schreibt vom Alltag im Gefängnis, von seinem früheren Leben in Freiheit oder von der Tat. Und lässt sich von Uhl aus ihrem Leben, von ihrer Arbeit als Lehrerin berichten. Geld für Papier und Porto bekommt er von Uhl. Jetzt, wo der Hinrichtungstermin feststeht, schreiben sich die beiden immer häufiger.

"Ich fürchte mich nicht vor meinem Tod", schreibt Trottie in seinem jüngsten Brief an Uhl. "Ich erwarte seit 21 Jahren meine Hinrichtung." So lange sitzt er schon im Gefängnis, die letzten 14 Jahre in Einzelhaft. Den endgültigen Termin seines Todes, den 10. September, kennt er erst seit wenigen Wochen. "Wer wie ich auf Jesus Christus vertraut, weiß, dass ein viel besserer Ort uns erwartet."

Laut Staatsanwaltschaft hat Trottie am 3. Mai 1993 zwei Menschen brutal ermordet und zwei weitere verletzt. An jenem Tag soll er mit einer Neun-Millimeter-Pistole bewaffnet in die Wohnung seiner Ex-Partnerin Barbara eingedrungen sein und die 23-Jährige mit sechs Schüssen getötet haben. Dem ebenfalls anwesenden Bruder soll er eine Kugel in den Hinterkopf gejagt haben. Bei der Schießerei wurden auch Barbaras Mutter, ihre Schwester und Trottie selbst durch mehrere Schüsse verletzt.

Trotties Geschichte klingt anders: Er schreibt, er habe in Notwehr gehandelt, sein Pflichtverteidiger sei schlecht gewesen. "Die Geschworenen haben niemals alle wichtigen Beweise erhalten." Trottie schreibt, er wurde zum Tode verurteilt, "weil ich ein armer Afroamerikaner bin, der sich keinen guten Anwalt leisten konnte."

"Die Todesstrafe hat keine abschreckende Wirkung"

Tatsächlich zeigen Zahlen, die das Death Penaty Information Center zusammenträgt, einen Zusammenhang zwischen Ethnie und Todesstrafe. Besonders aussagekräftig ist der Blick auf die Opfer: Mörder, die Weiße getötet haben, werden wesentlich häufiger zum Tode verurteilt als Mörder von Menschen anderer ethnischer Gruppen.

"Für mich klingt Willies Geschichte glaubwürdig - aber überprüfen, ob sie wahr ist, kann ich natürlich nicht", sagt Uhl. Für ihre Freundschaft spiele es keine Rolle. Zweimal im Jahr, wenn andere in den Urlaub fliegen, fährt sie zu ihm. Einmal im Sommer, einmal im Winter. Für vier Stunden an zwei Tagen pro Monat darf Trottie Besuch empfangen. Durch eine Glasscheibe getrennt, über ein Telefon verbunden, reden sie dann miteinander. Uhl wird dort vor allem zur Zuhörerin. "Willie hat ein enormes Redebedürfnis", sagt sie. Sie ist nicht sein einziger Besuch. Erst vor wenigen Wochen war Trotties und Barbaras gemeinsamer Sohn im Todestrakt.

Die verpfuschte Hinrichtung von Clayton Lockett ist Trottie nahegegangen, auch wenn sie ihn nicht wirklich wundert. "Es war nur eine Frage der Zeit, dass es schiefgehen würde", schreibt er. Lockett wurde Ende April in Oklahoma hingerichtet, es gab Probleme mit der Giftspritze, der Mann starb nach einem 43-minütigem Todeskampf an Herzversagen. Er könne nachempfinden, wie Lockett sich gefühlt haben muss, heißt es in Trotties Brief. Und: "Viel zu lange war diese Prozedur als ein humaner Weg getarnt. Nun, mit dem Mangel an Medikamenten, wird das wahre, dreckige Gesicht der Todesstrafe endgültig sichtbar." Die Todesstrafe, so Trottie weiter, habe keine abschreckende Wirkung.

Schon zweimal war Uhl dabei, als Brieffreunde hingerichtet wurden. "Es war surreal", erzählt sie. Unwirklich. Wie im falschen Film. "Es kam mir furchtbar überheblich vor, dass Menschen im besten Wissen, was sie tun, und im Namen von Recht und Gesetz andere Menschen töten." Sehr ruhig spricht sie darüber, wie sie den Männern beim Sterben zusah. "Natürlich hat mich das innerlich umgehauen. Aber ich kann meine Gefühle gut kontrollieren." Und: "Wenn ich bei Willies Tod dabei bin, habe ich das Gefühl, noch etwas für ihn zu tun."

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