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Geplanter Gesetzesentwurf: US-Politiker fordert Hinrichtungen mit Stickstoff

Von , Oklahoma City

Abgeordneter Christian aus Oklahoma: "Billiger als die Kugeln für ein Erschießungskommando" Zur Großansicht
Markus Feldenkirchen

Abgeordneter Christian aus Oklahoma: "Billiger als die Kugeln für ein Erschießungskommando"

Mit einer neuen Hinrichtungsmethode möchte ein einflussreicher Abgeordneter aus Oklahoma der wachsenden Kritik an der Giftspritze begegnen. Sein Vorschlag: Stickstoff. An der Todesstrafe zweifelt er nicht.

Nach einer Serie schwerer Pannen bei Hinrichtungen per Giftspritze wirbt ein US-Volksvertreter für eine neue Exekutionsmethode. Der Republikaner Mike Christian, einflussreicher Abgeordneter des Abgeordnetenhauses von Oklahoma, will Verurteilte künftig durch die Zufuhr von reinem Stickstoff töten lassen. Stickstoff und Edelgase wie Helium werden von einigen Sterbehilfeorganisationen als sichere, schnelle und schmerzlose Form der Selbsttötung propagiert.

Christian will seinen Vorschlag in dieser Woche bei einer Anhörung zur Zukunft der Todesstrafe in Oklahoma City präsentieren. Bis Dezember wolle er einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen, sagte Christian dem SPIEGEL. Erhält der Entwurf eine Mehrheit, könnte Stickstoff schon im nächsten Jahr die Todesspritze als Hinrichtungsmethode ablösen.

"Es ist die menschlichste Art zu sterben: Du sitzt einfach da, und kurz darauf bist du tot", sagt Christian. "Sie erfüllt definitiv die Anforderung unserer Verfassung, dass Strafen nicht 'grausam oder ungewöhnlich' sein dürfen."

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Beim Tod durch Stickstoff würde der Verurteilte in eine luftdichte Kammer oder unter einen Plastiksack gesetzt. Die Zufuhr von Stickstoff und die Abwesenheit von Sauerstoff sollen schnell zur Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod führen. Die Methode wurde noch nie für staatliche Hinrichtungen benutzt. Durchaus umstritten ist allerdings, ob sie so schmerzlos ist, wie Christian behauptet. So gibt es auch Berichte, in denen von einer qualvollen Art zu sterben die Rede ist.

"Wir sollten uns an die Spitze der Bewegung setzen"

Von den 38 US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe vollstreckt wird, setzen derzeit 37 auf die Injektion von Giftpräparaten. Entwickelt wurde das bis heute angewandte Verfahren 1977 von einem Gerichtsmediziner aus Oklahoma. Lange galt die Giftspritze als effektivere und weniger schmerzhafte Hinrichtungsmethode als ihre Vorgänger - der Galgen, die Gaskammer oder der elektrische Stuhl. "Wir waren damals der Staat der Innovation, wir sollten uns jetzt wieder an die Spitze der Bewegung setzen", fordert Christian.

"Stickstoff ist die humanste, günstigste und unkomplizierteste Variante", sagt auch Dr. Michael Copeland von der East Central Universität in Oklahoma City, den Christian mit einem wissenschaftlichen Gutachten beauftragte. Im Unterschied zur Exekution mit anderen Gasen habe der Verurteilte bei Stickstoff nicht das Gefühl zu ersticken.

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"Mit dieser Methode haben wir keine Probleme bei der Beschaffung", sagt Copeland. "Stickstoff bekommt man in jedem Baumarkt." Anders als bei der Giftspritze könne man außerdem wenig falsch machen. "Man braucht keinen Fachmann, der eine geeignete Vene finden muss." Nicht zuletzt sei die Methode extrem günstig, man brauche nur eine Flasche Gas und ein kleines Plastikzelt. "Es ist sogar billiger als die Kugeln für ein Erschießungskommando", sagt Christian. Klären müsse man nur noch, ob der Verurteilte eine Maske, eine Tüte oder ein kleines Zelt über den Kopf gestülpt bekomme.

Die Bereitschaft, nach neuen Methoden zu suchen, ist unter Befürwortern der Todesstrafe so groß wie nie. In diesem Jahr verliefen gleich mehrere Exekutionen mit der Giftspritze in grausamer Weise unplanmäßig. In Ohio dauerte es im Januar 25 Minuten, ehe Dennis McGuire unter sicht- und hörbaren Qualen auf der Pritsche in der Todeskammer starb. Ende Juni brauchte der Staat Arizona zwei Stunden, um Joseph Wood mit der Giftspritze zu töten. In Oklahoma kam es im Frühjahr gleich zweimal zu schweren Pannen bei Hinrichtungen. Die Exekution von Clayton Lockett am 29. April diesen Jahres gilt als eine der grausamsten in der Geschichte der USA. (Eine Rekonstruktion der Hinrichtung finden Sie im aktuellen SPIEGEL.)

Mehr zum Thema im SPIEGEL 38/2014
Als Grund wird die mangelnde Qualifikation der Exekutionsteams genannt; zudem fehlt den Behörden inzwischen der Zugang zu lange verwendeten Präparaten. Seit die EU vor drei Jahren eine Ausfuhrkontrolle für bestimmte Substanzen verhängte, um zu verhindern, dass diese bei Hinrichtungen zum Einsatz kommen, gehen den US-Staaten die erprobten Narkosemittel Pentobarbital oder Thiopental aus. Seither experimentieren sie wild herum. In US-Medien ist bereits die Rede vom schlimmsten Jahr in der Geschichte der Todesspritze.

Es darf bezweifelt werden, dass es Law-and-order-Politikern wie Christian darum geht, das staatliche Töten künftig schmerzloser zu gestalten. Vielmehr wollen sie ein Aus der stark in Kritik geratenen Todesstrafe verhindern. Nach der verunglückten Lockett-Hinrichtung hatte Christian noch gesagt, das es ihm egal sei, wie die Todesstrafe ausgeführt werde, "ob per Giftspritze, der Guillotine oder durch Fütterung der Löwen".

Nun sagt Christian, er wolle nicht, dass die Medien das Image Oklahomas weiter beschädigten. "Wir sind ein toller Staat. Und wir haben keine Lust, dass die "New York Times" oder der SPIEGEL schreiben, Oklahoma sei ein Staat der Barbaren. Das sind wir nicht." In Oklahoma unterstützen nach wie vor fast 80 Prozent der Bürger die Todesstrafe, landesweit sind es etwa zwei Drittel.

Christian hat mit Kollegen im Kapitol von Oklahoma über seine Stickstoffmethode gesprochen. Inzwischen ist er sich sicher: "Ich bekomme eine Mehrheit. In einem Jahr wird in Oklahoma nicht mehr mit der Giftspritze hingerichtet." Und eines sei so oder so sicher, sagt Christian: "Wir werden diese Bestien töten."

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