Todesstrafe Die verpfuschte Hinrichtung des Ronald Smith

Vor seiner Hinrichtung bekam Ronald Smith ein kaum erprobtes Beruhigungsmittel. Es wirkte nicht. Er zuckte, hustete, rang nach Luft, 13 Minuten lang. Er ist nicht der Erste, den US-Behörden leichtfertig quälen.

Hingerichteter Häftling Ronald Smith
REUTERS/Alabama Department of Corrections

Hingerichteter Häftling Ronald Smith

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Was in der letzten halben Stunde seines Lebens genau passierte, könnte nur Ronald Smith selbst sagen. Nur er könnte erzählen, was er dachte und fühlte, als das Gift in seinem Körper zu wirken begann, das Beruhigungsmittel, das ihn einschläfern sollte, aber offenbar nicht. Vielleicht hatte er grauenvolle, brennende Schmerzen; vielleicht war er nicht wirklich bei Bewusstsein.

Klar ist nur, dass US-Behörden zum wiederholten Male einen Menschen dem Risiko ausgesetzt haben, einen barbarischen Tod zu sterben. Weil sie ein Beruhigungsmittel benutzten, das bei Hinrichtungen schon mehrfach versagte.

Die fahrlässige Hinrichtung des Ronald Bert Smith Junior, 45, beginnt Donnerstagnacht um 22.25 Uhr in einem Gefängnis im Südwesten des US-Bundesstaats Alabama. Die Wärter bringen den muskulösen, blassen Mann in eine Zelle mit grünen Mauern. Sie fesseln ihn mit Ledergurten auf eine Trage. Als eine Polizistin ihn fragt, ob er noch etwas sagen will, antwortet er: "Nein, Ma'am."

Die erste Spritze, die Smith bekommt, enthält einen Arzneistoff namens Midazolam, ein Mittel, das Nervenzellen hemmen und den Körper empfindungslos machen soll. Zahlreiche Experten zweifeln an dem Stoff. Bei mehreren Hinrichtungen, bei denen er eingesetzt wurde, kam es zu Problemen. Ein sterbender Häftling in Ohio rang fast eine halbe Stunde lang laut nach Luft. Ein Verurteilter in Arizona wand sich 90 Minuten lang unter fürchterlichen Qualen auf seiner Liege, ehe sein Herz aufhörte zu schlagen.

Trotz solcher Vorfälle setzen immer mehr Bundesstaaten Midazolam bei Hinrichtungen ein - einfach, weil andere Arzneien nicht zugegen sind. Europäische Pharmafirmen verweigern die Lieferung des erprobten Betäubungsmittels Phenobarbital, weil sie die Todesstrafe ablehnen.

13-minütiger Todeskampf

Um 22.37 Uhr prüft ein Polizist, ob Smith noch bei Bewusstsein ist. Er ohrfeigt ihn leicht. Ruft seinen Namen. Kneift ihn in den linken Arm. Der Arm habe sich leicht bewegt, berichten Augenzeugen, darunter der Journalist Kent Faulk, der die Hinrichtung von einem Zuschauerraum aus durch eine Glasscheibe betrachtet.

Um 22.47 Uhr wiederholt der Polizist die Prozedur. An dieser Stelle werden die Beschreibungen widersprüchlich. Faulk zufolge hat sich Smiths Arm erneut leicht bewegt. Der zuständige Gefängnischef Jeff Dunn dagegen sagt, der Todeskandidat habe sich nun nicht mehr gerührt.

Die Hinrichter jedenfalls machen weiter nach Protokoll. Sie verabreichen Smith zwei weitere Spritzen, gefüllt mit Giften, die den Herzschlag erst lähmen und dann völlig stoppen.

Kurz darauf, so erzählt es Faulk, hustet Smith. Seine Brust hebt und senkt sich stärker, er ringt nach Luft. Seine Hände ballen sich zu Fäusten. Sein linkes Auge scheint sich manchmal leicht zu öffnen. Einmal hebt sich Smiths Kopf und fällt wieder zurück auf die Trage.

13 Minuten betrachtet Faulk den Todeskampf. Um 22.59 Uhr werden die Vorhänge zur Todeszelle zugezogen.

Wie Smith zum Mörder wurde

Es hatte Streit darüber gegeben, ob Ronald Smith überhaupt hätte hingerichtet werden sollen. 1994 hatte er in Huntsville den Ladenbesitzer Casey Wilson erschossen. Strafverfolger beschrieben die Tat als grausamen Mord. Wilson sei regelrecht exekutiert worden, sagen sie. Er war gerade Vater geworden.

Vor Gericht wurde Smiths Fall kontrovers diskutiert. Sieben von zwölf Geschworenen verurteilten den Mörder zu einer lebenslänglichen Strafe. Der Richter überstimmte sie, verurteilte Smith zum Tod. Der Angeklagte sei in einer stabilen Mittelklassefamilie aufgewachsen, sagte er laut "Los Angeles Times" zur Begründung. Er hätte es besser wissen müssen.

Die Hinrichtung von Ronald Smith provoziert in den USA nun heftig Streit. Smiths Verteidiger hält der Gefängnisleitung vor, sie hätte einen Plan B haben müssen, sie hätte eingreifen müssen, als das Midazolam offensichtlich versagte. Manche Kritiker fordern, den Einsatz des fragwürdigen Betäubungsmittels komplett zu stoppen, wieder andere fordern die komplette Abschaffung der Todesstrafe.

Ronald Smith stirbt um 23.05 Uhr. Sein Tod wird von einem anwesenden Arzt festgestellt. Seine Familie wird informiert, niemand von ihnen hatte der Hinrichtung beigewohnt. Die genauen Umstände seines Todes soll nun eine Autopsie klären, teilt die Gefängnisleitung mit. Dabei werde auch festgestellt, ob es bei der Hinrichtung zu "Unregelmäßigkeiten" kam.

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