Tödliche Attacke am Alexanderplatz Der letzte Freundschaftsbeweis

Sechs junge Männer sollen den Schüler Jonny K. auf dem Berliner Alexanderplatz zu Tode geprügelt haben. Vor Gericht beschrieb nun der Freund des Opfers die brutale Attacke in jener Nacht. Doch seine Erinnerungen werfen Fragen auf.

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Viele Wege werden in den vergangenen sieben Monaten schwer gewesen sein für Gerhard C. Der zu den Eltern seines Freundes Jonny K., nachdem sie erfahren hatten, dass Jonny tot ist. Das letzte Geleit für seinen Freund, zum Grab, bei dem er dessen Familie beistand. Der zu dem Ort auf dem Berliner Alexanderplatz, an dem sein Freund Jonny in der Nacht zum 14. Oktober 2012 aus dem Leben geprügelt wurde und an dem inzwischen eine Art Gedenkstätte errichtet worden ist.

Am Montag musste Gerhard C. wieder einen schweren Weg antreten: vorbei an den jungen Männern, die verantwortlich sein sollen für den Tod seines Freundes Jonny. Sie sollen auf ihn eingetreten und eingeprügelt oder zumindest nichts dagegen unternommen haben: Osman A., 19, Hüseyin I., 21, Mehmet E., 19, Melih Y., 21, Bilal K., 24, und Onur U., 19, sind wegen Körperverletzung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei vor der 9. Jugendstrafkammer angeklagt.

Rechts und links sitzen sie, als Gerhard C. den Saal 700 des Landgerichts Berlin betritt und zum Zeugenstand vor die Richterbank geht. Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck hat angeordnet, dass die sechs Angeklagten nicht mehr in Käfigen aus schusssicherem Glas sitzen müssen wie am ersten Prozesstag. Nach ihnen war mit viel Aufwand gefahndet worden, sogar in der Türkei, weil drei von ihnen dorthin geflohen waren.

"Ich habe ihren kleinen Bruder nicht beschützen können"

Die sechs jungen Männer waren in jener Nacht zum 14. Oktober auf dem Alexanderplatz Jonny K., einem 20-jährigen Schüler, Sohn einer Thailänderin und eines Berliners, und dessen Freunden begegnet. Gerhard C. ist einer von ihnen.

"Wie geht es Ihnen?", fragt ihn Richter Schweckendieck zu Beginn der Befragung. "Den Umständen entsprechend." Bei der nächtlichen Schlägerei, durch die Jonny K. ums Leben kam, wurden Gerhard C. das linke Jochbein, der linke Augenhöhlenboden und der linke Handwurzelknochen gebrochen. "Sie wurden körperlich verletzt", sagt Schweckendieck. "Aber Sie haben auch einen Freund verloren."

Ein Einschnitt im Leben des 29-Jährigen, der ihm noch immer schwer zusetzt. Jonny K. war nicht nur ein enger Freund, den er in den vergangenen zwei Jahren täglich gesehen hat, wie er vor Gericht erzählt. Gerhard C. ist seit acht Jahren mit Jonnys Schwester Tina liiert. "Ich habe ihren kleinen Bruder nicht beschützen können", sagt er und bricht während der dreistündigen Befragung in Tränen aus.

"Du bist nicht schuld", ruft eine Zuschauerin durch den überfüllten Saal. Der Richter ermahnt sie, Zwischenrufe seien nicht gestattet, dann sagt er mit festem Blick an Gerhard C. gerichtet: "Sie sind wirklich nicht schuld daran, aber ich verstehe, dass Sie das fertigmacht."

Die Stimmung ist aufgeladen in Saal 700. Die ersten Zuschauer haben sich um 6.30 Uhr vor dem Besuchereingang angestellt, um einen Platz zu bekommen. Die meisten sind unter 30 Jahre alt, Freunde von Jonny K. und Gerhard C., aber auch Freunde der Angeklagten.

Wer schlug zuerst? Gerhard C. ist sich sicher

Gerhard C. schildert die Nacht aus seiner Sicht. Mit Jonny K. und zwei weiteren Freunden verließ er den Club Mio nahe dem Roten Rathaus. Einen von ihnen, der schwer betrunken war, trug Gerhard C. huckepack. Zeitgleich verließen die sechs Angeklagten den Club Cancun und stoppten auf dem Weg zur U-Bahn-Station vor einer geschlossenen Eisdiele.

Gerhard C. und seine Freunde kamen dort im selben Moment an, er bat seinen Freund Jonny K., den einzigen nicht angeketteten Stuhl zu holen. Als er den betrunkenen Kumpel darauf habe absetzen wollen, habe einer der Angeklagten den Stuhl weggezogen, erinnert sich Gerhard C. Er sei mit dem Freund hingefallen. Jonny K. habe zu dem Störenfried gesagt: "Siehst du nicht, dass der betrunken ist?" Daraufhin habe dieser sofort auf Jonny eingeschlagen. Gerhard C. kämpft mit den Tränen und zeigt auf Onur U.: "Dieses Gesicht, der war's!" Gerhard C. ist sicher: Onur U. hat seinem Freund Jonny den ersten Schlag versetzt.

Onur U. galt von Beginn der Fahndung an als mutmaßlicher Haupttäter. Doch am ersten Prozesstag entlasteten - neben Onur U. selbst - auch die fünf weiteren Angeklagten den 19-Jährigen. Warum sollten sie das tun, wenn es nicht stimme, will Richter Schweckendieck von Gerhard C. wissen. Der bleibt bei seiner Aussage. "Es ist die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit."

"Ich war der Erste, der am Tatort Jonny K. getreten hat", hatte Osman A. beim Prozessauftakt eingeräumt. Auch diese Aussage hatten seine Weggefährten vor Gericht bestätigt. Was er zu diesem Geständnis sage, fragt Axel Weimann, Verteidiger von Onur U., den Zeugen Gerhard C. am Montag. "Dass er lügt", antwortet Gerhard C. "Wenn ich mir bei etwas hundertprozentig sicher bin, dann, wer den ersten Schlag ausgeführt hat. Weil damit hat alles begonnen."

Rechtsanwalt Weimann hält Gerhard C. mehrere Aussagen vor, die dieser in Vernehmungen mit der Polizei gemacht hat und die große Erinnerungslücken dokumentieren. "Das hört sich anders an als das, was Sie heute sagen", konstatiert Weimann. Er sei bei der Vernehmung durcheinander gewesen, erwidert Gerhard C. Und: "Ich wollte das so schnell wie möglich hinter mich bringen."

Das Gefühl, mitschuldig zu sein

Alle Angeklagten seien "auf Jonny drauf", hätten ihn getreten und geschlagen, sagt Gerhard C. vor Gericht. Seine Schilderungen widersprechen den Angaben der Ärztin, die Jonny K. in der Notaufnahme des Klinikums Friedrichshain betreute, und denen des Rechtsmediziners. Beide sagten auch am Montag aus.

Demnach habe Jonny K.s Leichnam vier Verletzungen aufgewiesen: am Hinterkopf, am Scheitel, an einer Augenbraue und an der Lippe. "Jede der vier Kopfverletzungen kann Auslöser für die Blutung im Gehirn gewesen sein, die letztendlich zum Tod führte", sagte der Rechtsmediziner und betonte, er sei nach der Berichterstattung des Falles überrascht gewesen, wie unversehrt der Leichnam des 20-Jährigen gewesen sei. Nach Prügelattacken, wie sie beschrieben worden wären, sähen die Opfer "meist schlimmer" aus.

Richter Schweckendieck führte am Montag mehrfach an, dass sich Gerhard C. in der Befragung durch die Polizei an Details nicht habe erinnern können, die er nun präsent habe. Es sei daher schwer für die Kammer auseinanderzuhalten, was für Gerhard C. Erinnerung sei - und was Rekonstruktion.

Für Gerhard C. bleibt Onur U. der Haupttäter. Er denke nicht über das Geschehen nach, er sehe es einfach, sagt er am Montag. Jeden Tag. Bilder, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Bilder, die sein Leben entscheidend verändert haben - und die ihm auch kein einfühlsamer Richter mit behutsamen Worten nehmen kann. "Jeder von uns fühlt sich schuldig", sagt Gerhard C. und weint.

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