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Tödliche Attacke im S-Bahnhof: "Die Gesellschaft muss das hinnehmen"

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Ein 16-Jähriger ersticht auf dem S-Bahnhof Jungfernstieg einen 19-Jährigen. Jetzt herrscht in Hamburg Entsetzen, Politiker fordern harte Strafen. Doch nach Meinung von Experten ist es kaum möglich, derartige Gewaltverbrechen gänzlich zu verhindern.

Attacke auf dem Bahnsteig: Tatort Jungfernstieg Fotos
dpa

Hamburg - Mel D. war zur falschen Zeit am falschen Ort: Freitagabend, S-Bahn-Station Jungfernstieg, im Herzen Hamburgs. Ein heller Platz mit vielen kleinen Geschäften, täglich steigen dort Tausende Menschen um. Wie kann solch ein Ort gefährlich sein?

"Was guckst du? Was ist hier los?" So haben fünf Jugendliche laut Polizei den Streit begonnen. Nichtigkeiten. Kurz darauf rammte der 16-jährige Haupttäter Elias A. seinem 19-jährigen Opfer ein Messer in die Brust. Mel D. konnte noch einige Meter laufen, starb dann am nahe gelegenen Bahnsteig der U-Bahn.

Die Messerattacke vom Jungfernstieg ist erschütternd: Der Täter stach nicht im Rotlichtviertel zu, nachts in einer dunklen Seitenstraße; er griff sein Opfer an einer Station im Stadtzentrum an, in die alle fünf Minuten eine Bahn einfährt. "Man denkt, da gibt es vielleicht Taschendiebe. Aber dass dort jemand völlig grundlos erstochen wird, kann man kaum begreifen", sagt Rudolf Egg, Direktor der kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, SPIEGEL ONLINE.

Der Attacke ging kein persönlicher Streit voraus, keine Provokation von Seiten des Opfers. Mel D. beschwerte sich nicht über laute Musik - wie der 19-Jährige, der im Februar in einem Hamburger Linienbus ins Koma geprügelt wurde. Er stellte sich den aggressiven Jugendlichen nicht in den Weg - wie Dominik Brunner, der auf einem Münchner S-Bahnhof starb. Mel D. saß einfach nur gemeinsam mit einem Kumpel auf einer Holzbank und wartete auf die nächste Bahn. Mehr nicht.

Selbst Experten können die Tat nur schwer fassen. "Der eine provoziert den anderen völlig grundlos und ersticht ihn auch noch", sagt Kriminalpsychologe Egg. Der Wissenschaftler spricht von einer "großen Dimension der Ratlosigkeit".

An Gewalt in sozialen Brennpunkten oder im Rotlichtviertel haben sich die Bewohner von Großstädten fast schon gewöhnt. Der tödliche Angriff am Jungfernstieg hat allerdings eine andere, symbolische Qualität: Wenn man dort nicht mehr sicher ist, wo dann?

17 Prozent mehr Gewalttaten in öffentlichen Verkehrsmitteln

Umso größer war der Schock. Das "Hamburger Abendblatt" beklagte in einem Leitartikel die "gefühlte Unsicherheit" in der Stadt und das Versagen der Sicherheitspolitik.

Tatsächlich lassen sich die Probleme auch durch Zahlen belegen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) präsentiert an diesem Dienstag die Kriminalstatistik für das Jahr 2009. Hamburg, das ist bereits bekannt, schneidet bei der Bekämpfung von Gewalttaten nicht gut ab. Um 8,2 Prozent ist die Zahl der Fälle im vergangenen Jahr gestiegen, im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel sogar um rund 17 Prozent. Insgesamt zählte die Hamburger Polizei im vergangenen Jahr 9574 Gewaltverbrechen. Es ist der höchste Wert seit neun Jahren.

Die Hansestadt liegt damit auf dem letzten Platz aller Bundesländer. Nur in Nordrhein-Westfalen (plus 0,1 Prozent), Rheinland-Pfalz (plus 0,6 Prozent) und Niedersachsen (plus 0,9 Prozent) stieg die Zahl der Gewalttaten ebenfalls an.

Die Frage ist, wie sich Angriffe wie der vom Jungfernstieg verhindern lassen. Für deutlich mehr Kontrollen fehlen der Polizei die Mittel. Und das ist nicht allein ein Hamburger Problem. Erst im März ging aus einem Bericht des Bundesrechnungshofs hervor, dass die Bundespolizei vielerorts keine regelmäßigen Streifen auf Bahnhöfen gewährleisten kann, weil Tausende Beamte fehlen.

Zwar ist die Kameraüberwachung im Hamburger Nahverkehr nahezu lückenlos. Doch das schreckt gewaltbereite Jugendliche nicht ab, wie laut Egg zahlreiche Studien belegen. Die Videos helfen allenfalls bei der Aufklärung. Sie verhindern keine Tat.

Auch den Messerstecher vom Jungfernstieg erkannten Polizisten auf dem Video der Überwachungskamera. Laut Staatsanwaltschaft ist der Deutsche mit afghanischen Wurzeln im Alter von zehn Jahren das erste Mal aktenkundig geworden - wegen Körperverletzung. Nun droht ihm eine Anklage wegen Mordes. "Dieser Jugendliche und seine Mittäter müssen die ganze Härte des Strafrechts zu spüren bekommen", fordert Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU).

"Bestimmte Dinge können wir eben nicht verhindern"

Wie hart das Urteil auch ausfallen mag - es wird künftige Taten kaum verhindern. Gefängnisstrafen gegen jugendliche Gewalttäter, Präventionsmaßnahmen - all das hält Egg für richtig und gut. Doch ein Patentrezept gebe es nicht. "Manche Dinge können wir leider nicht verhindern", sagt der 61-Jährige.

Gewalt, insbesondere von jungen Menschen, habe es schon immer gegeben und werde es wohl immer geben. "Letztlich muss die Gesellschaft das hinnehmen", sagt Egg. "Aber damit meine ich nicht: resignieren. Wir müssen hinschauen, auf Frühwarnzeichen achten, Gefährdungen erkennen. Wir müssen uns unbedingt weiter anstrengen, damit es so wenig derartige Delikte gibt wie möglich."

Der Tod von Mel D. hat eine Illusion zerstört: Das Wunschdenken, man sei sicher, wenn man sich aus bestimmten Situationen heraushält. "Wenn eine solche Jugendgruppe loszieht, um jemanden zu 'klatschen' - wie es in ihrem Jargon heißt - dann findet sie auch ein Opfer", sagt Egg. "Dann kann man nur hoffen, dass man davonlaufen oder irgendwie anderweitig Hilfe finden kann."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. .
maja2000 18.05.2010
Zitat von sysopEin 16-Jähriger ersticht einen 19-Jährigen - einfach so, mitten auf dem S-Bahnhof Jungfernstieg. Jetzt herrscht in Hamburg Entsetzen, Politiker fordern harte Strafen. Doch Experten warnen vor Aktionismus: Ihrer Meinung nach lassen sich derartige Gewaltverbrechen auch in Zukunft nicht verhindern. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,695271,00.html
Leider nicht sämtliche, aber bei diesem jungen Intensitivtäter war nichts zu machen?
2. ...
retmar 18.05.2010
Zitat von sysopEin 16-Jähriger ersticht einen 19-Jährigen - einfach so, mitten auf dem S-Bahnhof Jungfernstieg. Jetzt herrscht in Hamburg Entsetzen, Politiker fordern harte Strafen. Doch Experten warnen vor Aktionismus: Ihrer Meinung nach lassen sich derartige Gewaltverbrechen auch in Zukunft nicht verhindern. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,695271,00.html
Sysop-Titel: "Die Gesellschaft muss das hinnehmen" NEIN!
3. Geteilte Meinung
Rainer Girbig 18.05.2010
Zitat von sysopEin 16-Jähriger ersticht einen 19-Jährigen - einfach so, mitten auf dem S-Bahnhof Jungfernstieg. Jetzt herrscht in Hamburg Entsetzen, Politiker fordern harte Strafen. Doch Experten warnen vor Aktionismus: Ihrer Meinung nach lassen sich derartige Gewaltverbrechen auch in Zukunft nicht verhindern. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,695271,00.html
Man kann das auch so sehen: Je länger man den Täter wegsperrt, desto weniger Leute kann er in Zukunft töten. Natürlich kann man keine Gewalttaten generell verhindern. Mann kann aber Intensivtäter daran hindern, welche zu werden. Ganz ohne Verschärfung der Gesetze. Bei Amokläufern wird auch sofort nach schärferen Gesetzen gerufen - für Unbeteilgte. - Das wird dann in aller Regel von der Politik willfährig umgesetzt. Also: gleiches Recht f
4. Hinnehmen?
louis_quatorze 18.05.2010
Was ist denn das für eine haarsträubende Aussage? Nichts ist hundertprozentig verhinderbar. Das ist doch wohlfeiles Geschwätz und sollte eigentlich nicht zum Aufreger taugen. Was mich an diesen Aussagen sehr wohl in Rage bringt ist die Tatsache, dass solche Einsichten immer als Argument gegen eine adäquate Bestrafung der jugendlichen Täter herhalten muss. Was ist das für eine verschobene Optik! Resozialsisierung und Prävention sind nicht die einzigen Gründe für eine Bestrafung. Der basale Grund ist die Sühne und der Versuch der Restauration von Recht und Gerechtigkeit! Vor allem bei Tötungsdelikten!
5. Der falsche Zeitpunkt für solche Behauptungen...
molesman 18.05.2010
...erst wenn man ALLES gemacht hat um soetwas zu verhindern kann man in gewisser Weise kapitulieren und sagen "da müssen wir durch". Aber hier wird nicht ansatzweise alles getan. 1) Kein Alkohol an Jugendliche unter 21 Jahren - bei Verkauf und Besitz hohe Geldstrafen. 2) Waffenbesitz führt ebenfalls zu hohen Geldstrafen und ggf. zu Gefängnisstrafen. 3) Jugenstrafrecht abschaffen ab 16 Jahren - Erwachsenenstrafrecht anwenden. 4) Mord bleibt Mord - egal in welchem Alter. 5) Alarm/Paniktaster an jeder Station. 6) Mehr Überwachungspräsenz durch Polizei oder spezielles Personal 7) ZERO tolerance wenn es um Mord geht, egal welche Nationalität, welches Alter Erst wenn diese Maßnahmen ansatzweise aufgegriffen werden und es immer noch in diesem Mengen zu derlei Katastrophen kommt kann man vielleicht sagen, dass man dem machtlos gegenüber steht. Aber auch dann wäre das ein Desaster für ein Land, dass sich zivilisiert fühlt.
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