Tödliche Psychositzung Therapeut als Scharlatan

Zwei Tote, ein Mann im Koma, viele Verletzte: Mit ominösen Drogenexperimenten soll ein Berliner Arzt zwei seiner Patienten getötet und weitere in Lebensgefahr gebracht haben. Dem gebürtigen Usbeken werden Verbindungen zu einer Sekte nachgesagt, die das Inzesttabu in Frage stellt.


Berlin - Schreckliche Bilanz eines fragwürdigen Therapieansatzes: Bei einer Gruppensitzung im Haus eines Arztes im Berliner Ortsteil Hermsdorf sind am Wochenende zwei Menschen nach Verabreichung eines Drogencocktails gestorben. Ein weiterer liegt noch im Koma.

Der Mediziner hat laut Staatsanwaltschaft inzwischen eingeräumt, zwölf Patienten Drogen und andere Substanzen verabreicht zu haben. "Die Leute bekamen alle verschiedene Drogenmixe", sagte ein Ermittler laut "Tagesspiegel". Genaueres müsse jetzt die Obduktion ergeben.

Am Sonntagabend erging Haftbefehl wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge und sechsfacher gefährlicher Körperverletzung, teilte die Polizei am Montag mit. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mediziner unter anderem zweifachen Mord, mehrfache gefährliche Körperverletzung und Drogenhandel vor.

Bei der Vernehmung durch die Mordkommission soll der Tatverdächtige eingeräumt haben, den Teilnehmern einer Gruppensitzung verschiedene psychoaktive Substanzen gegeben zu haben. Die Ermittler vermuten, dass den Patienten neben Ecstasy auch Heroin, Amphetamine oder psychogene Pilze verabreicht wurden.

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Tödliche Therapie: Zwei Tote nach Behandlung mit Drogencocktail
Um 15.21 Uhr am Samstag war bei der Feuerwehr ein Notruf aus dem Haus des Arztes im gutbürgerlichen Hermsdorf eingegangen. Fünf Rettungswagen sowie mehrere Notärzte fuhren zu der angegebenen Adresse und fanden einen 59-Jährigen tot vor. Zwei weitere Männer konnten zunächst reanimiert werden. Die "Berliner Morgenpost" berichtet, dass "die aufgeputschten und sehr aggressiven Mitglieder" der Gruppe erst beruhigt werden mussten, bevor die Sanitäter überhaupt an die Arbeit gehen konnten.

Garri R. - "zuverlässig und superkorrekt"

Laut Medienberichten handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um Garik "Garri" R., einen in Taschkent, Usbekistan, geborenen, in Berlin niedergelassenen Kassenarzt mit einer Zulassung für Psychotherapie. Der "Berliner Morgenpost" zufolge soll er in den neunziger Jahren in der Nähe von Kassel Heilpraktiker ausgebildet haben.

Die Zeitung zitiert eine damalige Schülerin des Arztes, die ihn als "sehr zuverlässigen Arzt" beschrieb, der stets "superkorrekt" gewesen sei. "Ich kann mir den Vorfall in Berlin nicht erklären", sagte sie am Sonntag. Später soll R. als Psychotherapeut in der Oberberg-Klinik in Wendisch-Rietz bei Bad Saarow tätig gewesen sein.

Derzeit arbeitet R. mit seiner Ehefrau Elke P. zusammen, einer Heilpraktikerin. Beide waren Referenten der "Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität Nennigkofen-Lüsslingen" in der Schweiz. Dort hat sich eine Gemeinschaft "Kirschbaumblüte" zusammengefunden, eine Kommune, die laut eigenen Angaben aus 80 Erwachsenen und 55 Kindern besteht.

Eines der Mitglieder, eine gewisse Anke E., hat eine Infoschrift ins Internet gestellt, in der sie unter Bezug auf den Schweizer Psychiater Samuel Widmer behauptet, das Inzesttabu bedeute "eine tiefgreifende Traumatisierung, die fast jede Frau unserer Gesellschaft erfahren hat". Die Tochter werde vom Vater abrupt zurückgewiesen, "Körperkontakt und Liebe" entzogen. Auch dem Vater sei es dadurch "unmöglich, in einem liebevollen Bezogensein das Richtige herauszufinden und zu tun." Was "das Richtige" in einer Inzest-Beziehung darstellen könne, wird nicht ausgeführt.

Ein naher Verwandter des 28-jährigen Opfers bestritt gegenüber dem "Tagesspiegel", dass es sich bei R.s Sitzung um ein "Sektentreffen" gehandelt habe. Zum Behandlungsplan hätten "reguläre Sitzungen unter der Woche" und "etwa zweimal im Jahr besondere Gruppentreffen wie dieses" gehört. Der Arzt aus Usbekistan habe nach der Lehre von Stanislav Grof gearbeitet, der sich in der psychedelischen Psychotherapie einen Namen gemacht hat.

Der Mediziner biete eine Therapie mit "niedrig dosierten Substanzen, darunter Amphetaminen" an, die etwa in der Schweiz erlaubt sei, in Deutschland aber nicht, so die Quelle. Weil es schwer sei die illegalen Substanzen zu beschaffen, könnte "ein Import aus China mit anderer Zusammensetzung" dabei gewesen sein.

Scharlatanerie und Vertrauensmissbrauch

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hat sich inzwischen von dem 50-Jährigen und seinen Behandlungsmethoden distanziert. Dies habe mit Psychotherapie nichts zu tun, erklärte am Montag Dieter Best, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer. Wir sind erschüttert, dass so etwas möglich ist, verwahren uns aber dagegen, dass Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird."

Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, Andreas Heinz, spricht in der "Berliner Morgenpost" von einem extremen "Vertrauensmissbrauch" durch den Arzt gegenüber seinen Patienten. Vor allem der Ort, eine offiziell von der Kassenärztlichen Vereinigung zugelassene Praxis, könnte den Eindruck der Teilnehmer verstärkt haben, hier handele es sich um ein zugelassenes, seriöses Verfahren. Es bestehe sogar die Gefahr, dass der Arzt seine Macht ausgenutzt und bei den Patienten ein Abhängigkeitsverhältnis aufgebaut haben könnte.

Ein derartiger Einsatz von Drogen ist in Deutschland "eindeutig verboten", sagte der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, Laszlo Pota. "Das fällt unter das Betäubungsmittelgesetz." Was den Therapeuten dazu getrieben habe, die Substanzen zu verabreichen, könnte er nicht nachvollziehen. Nach seiner Einschätzung droht dem Mann der Entzug seiner Zulassung als Arzt.

ala/dpa/ddp

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