Tödliche Therapie Gericht verurteilt Drogenarzt zu Haft und Berufsverbot

Garri R. wollte angeblich heilen - doch seine Drogentherapie brachte zwei Menschen den Tod. Jetzt verurteilte das Berliner Landgericht den 51-jährigen Arzt zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten. Als Mediziner darf er in Deutschland nie wieder praktizieren.

DPA

Berlin - Seit sieben Monaten sitzt Garri R. in Untersuchungshaft, in den vergangenen acht Wochen musste er sich wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie fünffacher Körperverletzung vor dem Berliner Landgericht verantworten.

An diesem Montag erging im Saal 500 des Berliner Landgerichts das Urteil gegen den umstrittenen "Dr. Psycho", den "Einfühlsamen", den "Todestherapeuten", wie ihn einige Boulevardblätter nach der tödlichen Therapiesitzung vom 19. September 2009 nannten. Zwei Menschen starben damals in der Praxis des Berliner Arztes, nachdem sie Drogen konsumiert hatten. Ein weiterer Patient lag wochenlang im Koma. Zusätzlich zu der Haftstrafe verhängte das Gericht ein Berufsverbot.

Zu Prozessbeginn im März hatte der Therapeut die Verantwortung für den Tod der Patienten übernommen und eingeräumt, den Umgang mit illegalen Substanzen völlig falsch eingeschätzt zu haben. Der Staatsanwalt hatte wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie fünffacher Körperverletzung acht Jahre Haft und ein lebenslanges Berufsverbot gefordert. Die Verteidigung sprach von einem tragischen Unglücksfall und beantragte eine Haftstrafe von nicht mehr als drei Jahren.

Das Gericht stellte nun fest, dass R. "seine berufliche Stellung missbraucht", gegen ärztliche Pflichten "eklatant verstoßen" und damit leichtfertig den Tod von zwei Menschen verursacht hatte. "Schlimmer geht's nicht", erklärte der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt, der allerdings auch ein "erhebliches Mitverschulden der Patienten" konstatierte, welche freiwillig die Substanzen eingenommen hatten.

Dem Angeklagten wurde untersagt, zukünftig als niedergelassener Arzt und Psychotherapeut zu arbeiten. Da er weiter an seiner gefährlichen und nicht anerkannten Therapieform festhalte, sei ein solches Berufsverbot nötig. Das Gericht schloss allerdings eine zukünftige "Tätigkeit in einem Team in einem Krankenhaus" nicht aus, da es dort "nicht zu solchen Vorfällen kommen" könne, hieß es in der Urteilsbegründung. Auch dass der 51-Jährige mehr als zwei Jahrzehnte "beanstandungsfrei" als Arzt gewirkt habe, sei berücksichtigt worden.

Mit dem Urteil folgte das Gericht im Wesentlichen dem Antrag des Staatsanwalts. Die von dem Ankläger geforderten acht Jahre Haft hielt die Kammer allerdings für "deutlich überzogen".

Reise in den Tod

Rückblick: An einem sonnigen Samstagvormittag hatten sich zwölf Anhänger des Berliner Arztes in dessen Praxis im Ortsteil Harmsdorf versammelt, um gemeinsam "auf eine Reise zu gehen". Als Fahrschein für den Ausflug ins Unbewusste dienten zwei Substanzen, die der praktizierende Arzt für seine Patienten bereithielt: Gegen elf Uhr bietet R. Kapseln mit dem Wirkstoff Neocor an, einer auch unter dem Namen MDMC bekannten psychoaktiven Substanz aus der Gruppe der Amphetamine.

Die Partydroge ist im Betäubungsmittelgesetz bisher nicht erfasst, der Konsum mithin legal. Die Langzeitnebenwirkungen sind allerdings weitgehend unbekannt. Vor allem in Kombination mit anderen Substanzen gilt das Risiko unter Experten als unberechenbar.

Laut Zeugenaussagen vor dem Landgericht schien auf der Psycho-Sitzung zunächst alles nach Plan zu laufen. Die Patienten machten es sich in behaglichem Ambiente bequem, hörten Musik. Nach etwa zwei Stunden jedoch füllte R. Pulver in Gläser ab, je etwa 120 bis 140 Milligramm Ecstasy, dessen verheerende Wirkung eine Tragödie auslösen sollte.

Auf einer elektronischen Waage hatte R. die Menge bemessen, die ihm laut eigener Aussage "groß" vorkam. Zu diesem Zeitpunkt stand der Arzt allerdings bereits selbst unter Drogeneinfluss, hatte LSD genommen, weil ihn dies "besonders einfühlsam" bei der Arbeit mache. Nach Blutuntersuchungen stand während des Prozesses fest: Die verabreichte Menge war etwa 10- bis 20-mal so hoch wie die sonst übliche Dosis.

Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Mehrere Patienten wurden von heftigen Krämpfen heimgesucht, zitterten und wälzten sich am Boden. Ein Mann riss sich die Kleider vom Leib, andere weinten oder mussten sich übergeben. "Bleibt bei euch! Das ist das Böse in der Welt, das Böse in uns", soll Garri R. laut Zeugenaussagen die Patienten beschworen haben.

Der 59-jährige Joachim K., ein trockener Alkoholiker, krümmte sich auf dem Boden und wurde schwarz im Gesicht. R. spritzte Valium und Morphin, dann wurde der Notarzt gerufen - zu spät für den Frührentner, der an multiplem Organversagen starb. Auch der 28-jährige Marcel K. erliegt am Abend im Krankenhaus seinen schweren Vergiftungen. Fünf weitere Patienten müssen ärztlich behandelt werden, ein 55-Jähriger liegt lange im Koma.

"Es gibt keine unbedenkliche Dosis"

Der Gutachter im Prozess, der Toxikologe Benno Rießelmann, hatte unmissverständlich erklärt, dass die Reaktion des Einzelnen auf Ecstasy vollkommen unberechenbar sei. "Es gibt keine unbedenkliche Dosis. Bei gleicher Menge sind Personen individuell unterschiedlich intoxiniert." Ihm sein Fälle bekannt, bei denen Konsumenten bereits nach einmaliger Einnahme wochenlang in der Psychiatrie behandelt werden mussten.

Scharf hatte Staatsanwalt Matthias Weidling in seinem Schlussplädoyer die "esoterische Borniertheit" und "ideologische Verblendung" des Angeklagten angeprangert. Der Arzt habe seine Patienten als Versuchskaninchen benutzt, so Weidling. R. habe seine Patienten über die Gefahr der Therapie nicht umfassend aufgeklärt.

Ursprünglich hatte die Anklage auch auf versuchten Mord gelautet, weil R. vorgeworfen wurde, er habe Marcel K. vor dem Notarzt verstecken wollen, um die Rauschgiftabgabe zu vertuschen. Staatsanwalt Weitling ließ den Anklagepunkt fallen, erklärte aber: "Der Vorwurf ist keineswegs absurd, sondern war schlichtweg nicht nachweisbar."

Im Prozess sprach R. von "großer Trauer und Schuld". Er habe die Drogen falsch eingeschätzt, sagte er. "Er wollte das nicht", betonte der zweite Verteidiger Marcel Kelz, der von fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung ausging. "Unsere Strategie war größtmögliche Offenheit", sagte Rs. Anwalt Ferdinand von Schirach im Interview mit "Legal Tribune Online". Sein Mandant sei ein "aufrechter Mensch, der falsch gehandelt hat". R. stelle die Therapieform "und damit sein Leben" heute in Frage.

Kelz sagte im Anschluss an die Urteilsverkündung, es sei noch nicht entschieden, ob sein Mandant Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen werde. Die Staatsanwaltschaft, die acht Jahre Haft gefordert hatte, kündigte an, eine Revision zu prüfen.

"Joachim war voll daneben, halluzinierte"

Mehrere ehemalige Patienten hatten vor Gericht Partei für den Arzt ergriffen. R. habe sie durchaus über mögliche Nebenwirkungen der verabreichten Substanzen aufgeklärt. Es sei zudem in keiner Weise Druck zum Rauschgiftkonsum ausgeübt worden. Möglichen Risiken der Therapie seien selbstverantwortlich eingegangen worden, so die Zeugen.

Die Witwe des getöteten Patienten hatte schwere Vorwürfe erhoben: Schon fünf Monate vor der tödlichen Drogensitzung habe ihr Mann heftig auf Ecstasy-Konsum bei R. reagiert. "Joachim war voll daneben, halluzinierte", so die Frau. "Ich war dort wie gefangen in einem Spinnennetz", so die Zeugin weiter. Zwar sei kein Zwang oder Druck ausgeübt worden, aber alles sei "so klebrig" gewesen. "Ich ging hin, um meinen Missbrauch aufzuarbeiten - und wurde wieder missbraucht", sagte die 60-Jährige aus.

Garri R., Vater von vier Kindern, wurde in Taschkent in Usbekistan geboren und kam im Alter von 16 Jahren nach Deutschland. In Berlin studierte er Medizin und arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern. Er war Landarzt im hessischen Eschwege, führte eine Praxis in Kassel und machte 2000 eine Zusatzausbildung zum ärztlichen Psychotherapeuten. Seit 2005 ist R. niedergelassener Arzt in Berlin.

Drei Jahre lang soll R. bei dem umstrittenen Psychiater Samuel Widmer in die Lehre gegangen sein. Der Arzt praktiziert die sogenannte "psycholytische Psychotherapie", bei der unter anderem durch den Konsum "bewusstseinserweiternder" Drogen Depressionen behandelt werden. Widmer lebt mit zwei Frauen und neun Kindern in der Schweiz, unterrichtet an einer "therapeutisch-tantrisch-spirituellen Universität", seine sexuell befreiten Anhänger hat er in der "Kirschblütengemeinschaft" vereint.

R. habe bei ihm gelernt, mit den Substanzen umzugehen, sagte Widmer nach dem Vorfall in Berlin dem SPIEGEL. "Er wollte so sein wie ich", vermutete der umstrittene Psychiater. Garri sei allerdings kein "Märtyrer der Psycholyse" - im Gegenteil: "Er hat ihr schwer geschadet."

ala/ddp/apn



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Psycha 10.05.2010
1. Das Letzte!
Zitat von sysopGarri R. wollte angeblich heilen - doch seine Drogentherapie brachte zwei Menschen den Tod. Jetzt verurteilte das Berliner Landgericht den 51-jährigen Arzt zu einer Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten. Als Mediziner darf er in Deutschland nie wieder praktizieren. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,694020,00.html
Der Arzt wurde meiner Meinung nach absolut zu Recht verurteilt. Drogen dieser Art können selbst bei psychisch stabilen Menschen problematisch wirken, und er gibt sie Menschen mit psychischen Problemen, "verschätzt" sich in der Dosis, noch dazu steht er dabei selbst unter Drogen! Ein absolut kriminelles Verhalten. Er gehört wirklich aus dem Verkehr gezogen.
An-Da 10.05.2010
2. Gerade...
Zitat von PsychaDer Arzt wurde meiner Meinung nach absolut zu Recht verurteilt. Drogen dieser Art können selbst bei psychisch stabilen Menschen problematisch wirken, und er gibt sie Menschen mit psychischen Problemen, "verschätzt" sich in der Dosis, noch dazu steht er dabei selbst unter Drogen! Ein absolut kriminelles Verhalten. Er gehört wirklich aus dem Verkehr gezogen.
wollte ich exakt das Gleiche schreiben. Diesem verblendeten Quasi-Therapeuten dürfen keine weiteren Menschen zum Opfer fallen.
s.s.t. 10.05.2010
3. .
Tja, hätte der Arzt mal seinen "Apotheker" nach den Nebenwirkungen gefragt... Oder wenigstens den Amph.-Gourmand Shulgin. Unter LSD hochpotente Pharmka abzuwiegen und Patienten zu "therapieren" kommt mir ziemlich psychedelisch vor. Netterweise darf er aber in so ein bis zwei Jahren wohl wieder mit Patienten "arbeiten". Hoffentlich hat dann der Rest des Teams ein Auge auf, denn in dem Artikel klang nicht gerade durch, dass ihm das Geschehen wirklich eine Lehre war.
wup 10.05.2010
4. -
Zitat von PsychaDer Arzt wurde meiner Meinung nach absolut zu Recht verurteilt. Drogen dieser Art können selbst bei psychisch stabilen Menschen problematisch wirken, und er gibt sie Menschen mit psychischen Problemen, "verschätzt" sich in der Dosis, noch dazu steht er dabei selbst unter Drogen! Ein absolut kriminelles Verhalten. Er gehört wirklich aus dem Verkehr gezogen.
Nunja, ich glaube der Mann ist in einer psychatrischen Anstalt besser aufgehoben. Sein Verhalten war weniger kriminell als psychotisch. Zitat: "Bleibt bei euch! Das ist das Böse in der Welt, das Böse in uns", soll Garri R. laut Zeugenaussagen die Patienten beschworen haben.
bombjack, 10.05.2010
5. Anmerkungen
Zitat von s.s.t.Tja, hätte der Arzt mal seinen "Apotheker" nach den Nebenwirkungen gefragt... Oder wenigstens den Amph.-Gourmand Shulgin. Unter LSD hochpotente Pharmka abzuwiegen und Patienten zu "therapieren" kommt mir ziemlich psychedelisch vor. Netterweise darf er aber in so ein bis zwei Jahren wohl wieder mit Patienten "arbeiten". Hoffentlich hat dann der Rest des Teams ein Auge auf, denn in dem Artikel klang nicht gerade durch, dass ihm das Geschehen wirklich eine Lehre war.
Yep.... ein Punkt...und ein anderer die Kombination....von verschiedenen Substanzen.... allerdings was der Herr Gutachter von sich gibt ist meiner Meinung nach auch nicht das gelbe vom Ei: [...] Der Gutachter im Prozess, der Toxikologe Benno Rießelmann, hatte unmissverständlich erklärt, dass die Reaktion des Einzelnen auf Ecstasy vollkommen unberechenbar sei. [...] Wie bei jeder anderen illegalen und legalen Droge und Medikamenten auch.... [...] "Es gibt keine unbedenkliche Dosis. Bei gleicher Menge sind Personen individuell unterschiedlich intoxiniert." [...] Was für jede Menge anderer Substanzen auch stimmt.... [...] Ihm sein Fälle bekannt, bei denen Konsumenten bereits nach einmaliger Einnahme wochenlang in der Psychiatrie behandelt werden mussten. [...] und was gilt die Wette dass es a) Überdosierungen waren oder b) die Personen direkt schon eine psychotische Vorgeschichte hatten oder c) in der Verwandtschaft Psychosen aufgetreten sind oder d) es sich um Personen handelte die Polytoxisch unterwegs sind.... Es würde mich interessieren was der Herr zu MAPS h**p://www.maps.org/mdma/ und der Behandlung von PTSD sagt, ob er da auch meint dass es keine unbedenkliche Dosis gibt.... bombjack
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