Tödlicher Fußball-Streit "Ich weiß, wie oft Italien Weltmeister war"

Wie oft war Italien Weltmeister? Und wie oft Deutschland? Darüber gerieten während der WM ein Frührentner und zwei Italiener in einer Kneipe in Hannover in Streit. Der Deutsche ging kurzerhand nach Hause, holte eine Waffe und erschoss die beiden anderen. Nun steht er vor Gericht.


Hannover - Das Verfahren begann am Donnerstag mit einem Geständnis des 42-jährigen Frührentners Holger B., der sich bei den Familien der beiden Todesopfer entschuldigte. Er gab zu, während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika in einer Kneipe in Hannover die tödlichen Schüssen auf zwei Italiener abgegeben zu haben.

In der von seinem Anwalt verlesenen Erklärung gab Holger B. zu Protokoll, dass er sich an Einzelheiten des Vorfalls am 5. Juli zwar nicht mehr erinnern könne. Er erklärte aber auch: "Ich bin erschüttert und schäme mich, es ist für mich bis heute unfassbar und nicht zu erklären. Ich habe den Familien kaum vorstellbares Leid zugefügt." Die Anklage geht davon aus, dass der nach eigenen Angaben sowohl medikamenten- als auch alkoholabhängige Mann die 47 und 49 Jahre alten Italiener aus Frust über die eigene desolate Situation erschoss, "um kurzzeitig das eigene Ohnmachtsgefühl auszuschalten".

Er habe an jenem Abend zu viele "Futschis gehabt, so der 42-Jährige. "Futschi"" ist das Lieblingsgetränk von Holger B. In seiner Stammkneipe, der Columbus-Bar im Rotlichtviertel in Hannover, gibt es die Mischung aus Cola und Weinbrand für 3 Euro pro Glas. Die zweite Leidenschaft des 42-Jährigen ist Fußball, da kann der Frührentner sich richtig ereifern.

Deshalb ging es in dem Streit im Columbus auch darum, wie viele Weltmeistertitel die italienischen und deutschen Nationalteams insgesamt errungen haben. Laut Staatsanwaltschaft verließ der Angeklagte nach dem Streit die Kneipe und holte aus seiner Wohnung eine Pistole, mit der er in das Lokal zurückkehrte. Dort schoss er dann den beiden Männern aus kürzester Entfernung in den Kopf.

Verwandte der Opfer treten als Nebenkläger auf

Danach flüchtete er und setzte sich am folgenden Abend nach Mallorca ab, wo er sich aber tags darauf den Behörden auf der spanischen Ferieninsel stellte. Wenig später wurde er nach Deutschland ausgeliefert.

Holger B. wirkt stumpf und teilnahmslos beim Prozessauftakt am Donnerstag. Im Kapuzen-Sweatshirt schlurft er in den Gerichtssaal, hält es nicht für nötig, seine Baseballkappe abzunehmen.

Ein vom Gericht in Auftrag gegebenes psychiatrisches Gutachten kam zu dem Schluss, dass der Mann wegen des Tabletten- und Alkoholkonsums zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen sei. Er hatte nach eigenen Angaben zahlreiche Psychopharmaka genommen. Von der Tat will sich der Angeklagte nur an drei Schüsse erinnern können. Nach seiner Aussage hätte es überhaupt gar keinen Streit gegeben, wenn er in nüchternem Zustand gewesen wäre: "Ich weiß natürlich, dass Italien viermal Weltmeister war und Deutschland nur dreimal."

An dem ersten von vorläufig angesetzten fünf Prozesstagen nahmen als Nebenkläger zwei Kinder eines der beiden Opfer sowie jeweils ein Bruder der beiden Opfer teil. Sie verfolgten den Auftritt des mutmaßlichen Killers am Donnerstag sichtlich angespannt - einige waren für den Prozess extra aus Sizilien angereist. "Für sie ist dieses Verfahren wichtig, um das Geschehen verarbeiten zu können", sagte Rechtsanwalt Bastian Quilitz, der einige der Nebenkläger vertritt.

Auch Carmen kann es immer noch nicht ganz fassen, dass Holger B. zwei Menschen umgebracht hat. Die 61-Jährige steht seit über 20 Jahren in der Rotlichtkneipe hinter der Theke. "Wir haben rund um die Uhr auf", sagt Carmen. Sie hat einen handfesten Umgang mit der Kundschaft, die sich oft mehrere Tage und Nächte am Stück in der Kneipe zudröhnt - und zwischendurch mit dem Kopf auf dem Tisch den Rausch wieder ausschläft.

Holger B. kennt Carmen seit Jahren. Er sei vor jenem unseligen Montagmorgen schon mindestens drei Tage am Stück im Columbus gewesen, sagt sie. "Er setzte sich an seine Musikbox und drückte "Unheilig", das lief rauf und runter. Zwischendurch kam er an die Theke und bestellte noch ein Futschi." Mit dem Streit um die WM, da habe er sie und die beiden Italiener dann schnell genervt. "Ich hab dann gesagt: Holger, es reicht, nimm Dein Getränk und setz dich hin." Der Gescholtene zog Leine und verließ die Kneipe, angeblich, um frisches Geld zu holen - und kam tatsächlich mit einer Pistole zurück.

jjc/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.