Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tödlicher Taser-Einsatz: "Schieß noch mal, schieß noch mal"

Zehn Stunden irrte ein Passagier auf dem Flughafen von Vancouver umher, begann zu randalieren. Polizisten schossen mit Taser-Pistolen auf ihn - er starb. Jetzt wurde ein Video von dem Vorfall veröffentlicht, das die Diskussion über die umstrittenen Elektroschock-Waffen neu entfachen dürfte.

Vancouver - Die Szenen des Amateurvideos sind zutiefst verstörend: Erstmals ist ein zehnminütiger Film für die Öffentlichkeit zugänglich, der einen Polizeieinsatz am Flughafen von Vancouver dokumentiert. Dort gaben Beamte am 14. Oktober dieses Jahres mehrere Schüsse mit sogenannten "Stun Guns" auf einen Passagier ab - der Mann starb.

Der 25-jährige Passagier Paul Pritchard hielt mit seiner Kamera fest, was sich an jenem Oktobertag auf dem Vancouver International Airport abspielte.

Robert Dziekanski, ein 40-jähriger Bauarbeiter aus Polen, ist zu sehen, wie er im Wartebereich eines der Terminals auf und ab geht. Zehn Stunden lang soll sich Dziekanski laut BBC zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Flughafen aufgehalten haben. Er wirkt verwirrt, redet laut, schwitzt sehr stark. Des Englischen ist er offenbar nicht mächtig. Dziekanski ergreift einen kleinen Klapptisch, dann einen Stuhl. Andere in der Halle Wartende reden beruhigend auf ihn ein, doch Dziekanski ist aufgewühlt. Er ergreift einen Flughafen-Laptop, schleudert ihn zu Boden.

Schließlich eilen vier Polizisten herbei. Dziekanski dreht ihnen den Rücken zu - schon 25 Sekunden nach ihrem Eintreffen ist der erste krachende Schuss einer Taser-Pistole zu hören. Dziekanski stolpert, schreit laut und wälzt sich unter offenbar starken Schmerzen auf dem Boden. Ein weiterer Schuss fällt. Drei der Beamten halten Dziekanski nieder, der immer noch gequälte Schreie von sich gibt. Sie versuchen, ihm Handschellen anzulegen. "Schieß noch mal, schieß noch mal", sagt einer der Polizisten zu einem Kollegen.

Zu viert knien die Beamten dann auf dem Mann am Boden, der schließlich verstummt und reglos daliegt. Wenig später sagt eine Stimme "Code Red", womit ein medizinischer Notfall bezeichnet wird. Kurz darauf ist Robert Dziekanski tot.

Offiziell steht Dziekanskis Todesursache bis heute nicht fest. Eine Autopsie ergab keinen Hinweis auf Blutalkohol oder Drogen.

Dziekanski war der BBC zufolge am Tag seines Todes aus Deutschland nach British Columbia gekommen, wo seine Mutter bereits seit längerer Zeit lebte. Mit ihr hatte er sich am Flughafen verabredet - am Gepäckband. Es war Dziekanskis erster Flug, nach Aussage eines Anwaltes der Familie wussten weder er noch seine Mutter, dass das Gepäckband nicht öffentlich zugänglich ist. Sechs Stunden wartete die Mutter auf ihren Sohn, dann gab sie auf und fuhr heim.

Ungeklärt bleibt, weshalb Dziekanski während seines zehnstündigen Verbleibs auf dem Flughafen niemand half. Kein Angestellter des Flughafens kümmerte sich um den Mann: "Er suchte Hilfe, er hatte Angst, er hat diese Hilfe nicht bekommen", sagte Anwalt Walter Kosteckyj laut BBC.

In Kanada entfachte der Fall Dziekanski die Debatte um den Einsatz der umstrittenen Elektroschockwaffen. Die kanadische Fernsehgesellschaft CBC berichtet, dass in Kanada seit 2003 schon 18 Menschen nach Taser-Einsätzen gestorben sind. Mehr als 150 Todesfälle weltweit hat die Bürgerrechtsorganisation Amnesty International seit 2001 gezählt.

Auf einer Pressekonferenz sagte Polizeisprecher Dale Carr, es sei aufgrund des Videos nicht zu beurteilen, was mit Dziekanski genau passiert sei: "Es ist nur eines von mehreren Beweismitteln, die Perspektive nur eines Menschen." Die komplette Beweisaufnahme bei der gerichtlichen Untersuchung des Falles bleibe abzuwarten.

Der Sender CBC zitiert einen pensionierten leitenden Beamten der Polizei von Vancouver, der die Frage aufwirft, weshalb die Polizei überhaupt so massiv eingriff: "Für mich ist nicht ersichtlich, dass Dziekanski die Beamten bedroht", sagte Ron Foyle.

Das Amateurvideo, das Dziekanskis Tod am Flughafen dokumentiert, wurde von der Polizei untersucht, dann dem Eigentümer Paul Pritchard zurückgegeben. Er veröffentlichte es mit Zustimmung von Dziekanskis Mutter.

Die Untersuchungen zum Tod Robert Dziekanskis dauern an.

pad

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Taser: 50.000 Volt in den Körper


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: