Tödlicher Tasereinsatz "Sechs Elektroschocks in weniger als drei Minuten"

Tödlicher Taser-Einsatz in den USA: Der 21-jährige Baron Pikes starb, als ihn die Polizei festnehmen wollte. Neun Mal jagte ein Beamter Stromstöße von je 50.000 Volt durch seinen Körper. Schon nach dem siebten Mal, so jetzt ein Untersuchungsrichter, sei Pikes vermutlich tot gewesen.


Winnfield - Seit einem Jahr sind die Polizisten des Bezirks Winnfield im US-Bundesstaat Louisiana mit Tasern ausgerüstet. Im Januar 2008 kam die Waffe beim Zugriff auf einen Verdächtigen zum Einsatz - mit tödlichen Folgen.

Baron "Scooter" Pikes, 21, Arbeiter in einer Sägemühle, wurde polizeilich gesucht, weil er im Verdacht stand, Kokain zu besitzen, berichtet CNN. Am 12. Januar dieses Jahres versuchten zwei Polizeibeamte, Pikes vor einem Einkaufszentrum im Städtchen Winnfield festzunehmen. Pikes soll sich laut Polizeibericht der Festnahme widersetzt haben, woraufhin der Beamte Scott Nugent neun Taser-Schüsse auf ihn abgegeben habe. Jeder davon jagte 50.000 Volt durch Pikes' Körper. Er starb.

Nach Aussage des Untersuchungsrichters Dr. Randolph Williams ein Mordfall. Der zuständige Staatsanwalt will nach Abschluss des Untersuchungsberichts entscheiden, ob er Anklage gegen den mittlerweile aus dem Polizeidienst entlassenden Nugent erhebt. Dessen Anwalt, Pillip Terrell, verteidigt seinen Mandanten: Nugent sei lediglich der Dienstanweisung gefolgt, wie in einem solchen Fall vorzugehen sei. Immerhin sei Pikes einen Zentner schwerer gewesen als der Polizist. Die Festnahme habe auf "unebenem Gelände" stattgefunden, es habe Hindernisse wie Zementblöcke und Stacheldraht gegeben. "Nugent hat mit einer Person gekämpft, die 100 Pfund schwerer war als er. Sein Partner war nach einer Bypass-Operation gerade erst wieder zurück im Dienst und konnte Nugent nicht helfen."

Ein Sprecher der Polizei von Winnfield, Lieutenant Chuck Curry, sagte laut CNN: "Pikes ging weiter, als ihn der Beamte aufforderte, stehenzubleiben. Um ihn unter Kontrolle zu bringen, wurde er getasert und ist Stunden später in der Notaufnahme eines Krankenhauses gestorben." Leichenbeschauer Williams sagte CNN allerdings, der Polizist Nugent habe seinen Taser sechs Mal in weniger als drei Minuten auf Pikes gefeuert - was durch einen Computer-Chip im Griff des Teasers festgehalten wurde. Die Beamten hätten Pikes anschließend mit dem Einsatzwagen zur Wache gefahren - dann sei ein siebter Schuss auf Pikes Brust abgegeben worden.

"Nachdem er diesen Betäubungsschlag gegen die Brust erhalten hatte, wurde er aus dem Auto auf den Asphalt gezogen", sagte Williams laut CNN. "Er wurde noch zwei weitere Male getasert. Zwei Beamte bemerkten, dass Pikes zu jenem Zeitpunkt keine neuromuskuläre Reaktion auf diese beiden 50.000-Volt-Elektroschocks mehr zeigte." Es sei möglich, dass der Beamte Nugent einen toten Mann getasert habe.

Auch gibt es widersprüchliche Aussagen über Drogenvorwürfe gegen Pikes: Die Beamten sagten aus, der Verdächtige habe zugegeben, Crack konsumiert zu haben. Doch Williams widerspricht: Bei der Autopsie seien keine Drogenrückstände in Pikes' Körper festgestellt worden.

Zusätzlichen Zündstoff erhält der ohnehin brisante Fall, weil Winnfield nur 45 Meilen von der Kleinstadt Jena entfernt liegt. Dort kam es im September vergangenen Jahres zu wütenden Protesten zehntausender Menschen. Sie forderten die harte Bestrafung von sechs schwarzen Jugendlichen, die einen weißen Mitschüler verprügelt hatten. Baron Pikes war schwarz, der Polizist Nugent ist ein Weißer. Doch Rassismus, so Polizeisprecher Curry, spiele in dem Fall "keine Rolle".

pad

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