Tödlicher Unfall "15 Monate für ein Menschenleben"

"Rambofahrer" nannten ihn die Boulevardblätter: Der Algerier Amine A. flog mit seinem 300 PS starken Mercedes im vergangenen Dezember aus einer Kurve und tötete den Rentner Johann K. Nun schickte das Amtsgericht Köln den 27-Jährigen ins Gefängnis.

Von Carolin Jenkner, Köln


Köln - Die ganze Verhandlung über wirkt Amine A. rastlos. Er knetet seine Hände oder fährt sich durchs Gesicht. Beim Plädoyer des Verteidigers wischt er sich Tränen aus den Augen. Nur am Schluss bleibt er gefasst: Wegen fahrlässiger Tötung und Fahrerflucht verurteilt das Amtsgericht Köln den Algerier zu einem Jahr und drei Monaten Haft ohne Bewährung.

Statue der "Justitia": Das Amtsgericht Köln verurteilte Amine A. zu einem Jahr und drei Monaten Haft
DDP

Statue der "Justitia": Das Amtsgericht Köln verurteilte Amine A. zu einem Jahr und drei Monaten Haft

Die Kammer, die mit ihrem Urteil nur drei Monate von der härteren Strafforderung der Staatsanwaltschaft abweicht, sieht es als erwiesen an, dass der 27-Jährige vor sechs Monaten einen schweren Verkehrsunfall in Köln-Mülheim verursacht hat. Dabei wurde ein Rentner so schwer verletzt, dass er wenige Wochen später an den Folgen starb. Amine A. hatte sich erst am nächsten Tag bei der Polizei gemeldet.

A. hat die Tat zugegeben - das wird nun zu seinen Gunsten gewertet. Auch dass er sich, wenn auch erst ganz am Ende der Verhandlung, bei den Angehörigen des Opfers entschuldigt: "Versuchen Sie bitte wenigstens, mir zu verzeihen", sagt er, und es klingt, als sei es ihm ernst.

Die Reue kommt spät

Für die Witwe, die ihm als Nebenklägerin schräg gegenübersitzt und Beweisaufnahme wie Obduktionsbericht geduldig erträgt, kommen diese Worte des Reue reichlich spät. Sie hält sich an ihrer Handtasche fest, an der ein Schlüsselanhänger mit einem Passfoto ihres verstorbenen Mannes baumelt.

Der Tag des Unfalls, der ihr Leben veränderte, war der 13. Dezember 2007. Amine A. hatte in einem 300 PS starken Mercedes eine Kurve in Köln-Mülheim zu schnell genommen. Statt erlaubter 50 km/h fuhr er mindestens 70. Als er auf die Gegenfahrbahn geriet und dem Verkehr dort ausweichen wollte, schleuderte sein Wagen auf den Gehweg. An einer Hauswand stand Johann K., Marias Mann.

K. wurde zwischen der Mauer und dem Auto eingequetscht. Dem 74-Jährigen mussten beide Beine amputiert werden. Wochenlang lag er im Koma, bis er im Januar starb. Ein Sachverständiger hat nun vor Gericht bestätigt, was die Staatsanwalt schon vermutet hatte: Johann K. ist eindeutig an den Folgen des Unfalls gestorben.

Ein Unfall, der jedem von uns passieren kann? Auch dieser Frage ist das Gericht nachgegangen. Ja, jeder kann in einem Moment der Unachtsamkeit einen Fehler am Steuer machen. Aber mit 20 km/h zu viel in eine Kurve? Staatsanwalt und Nebenklägervertreter waren sich einig, dass es sich bei Amine A. tatsächlich um einen "Rambofahrer" handelt.

"Sie sind Schuld!"

Die Verteidigung sieht das anders: "Diese Tat ist eine, die jedem passieren kann", sagt Rechtsanwalt Ingo Thiée. Der Vorsitzende Richter Karl-Heinz Seidel mag darüber nicht abschließend urteilen. Aber eines steht für ihn fest: "Sie sind Schuld. Mit dieser Schuld müssen Sie leben", sagt er in Richtung Amine A.

Dass die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wird, begründet Seidel mit den vielen Vorstrafen des Angeklagten. Denn A. ist der Justiz nicht erst seit dem Unfall im Dezember bekannt. Derzeit sitzt der Algerier im Gefängnis, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hat.

2002 wurde er wegen Raubes und gemeinschaftlicher Körperverletzung zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt. Weil er sich unter anderem weigerte, ein Anti-Aggressionstraining zu absolvieren, wurde er Anfang des Jahres inhaftiert.

"Zur Familienzusammenführung" zurück nach Deutschland

Wegen der damaligen Verurteilung wurde er im Juli 2003 nach Algerien abgeschoben, bekam drei Jahre später aber wieder eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Der Grund: Seine Lebensgefährtin hatte inzwischen ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Amine A. erkannte die Vaterschaft an - und durfte somit "zum Zweck der Familienzusammenführung" wieder einreisen.

Nun droht dem mittlerweile zweifachen Vater erneut die Abschiebung. Das Ausländeramt will das Urteil in seine Entscheidung einbeziehen. Außerdem wird geprüft, ob Amine A. und seine Lebensgefährtin Sozialbetrug begangen haben. Denn die Frage liegt nahe: Wie kann sich ein Paar, das von Arbeitslosengeld II lebt, einen so teuren Mercedes leisten?

Auch wenn diese Frage für das Verfahren am Montag nicht von Relevanz war, gab Amine A. eine Antwort darauf. Er habe das Auto von einem Händler auf Raten gekauft, der ihm gesagt habe, Hartz IV sei kein Problem für ihn.

Vor kurzem erst hatte die Ausländerbehörde die Zahlung von Hartz IV an das Paar gestoppt, weil sie Sozialbetrug vermutete. In einem Vergleich vor dem Sozialgericht musste die Stadt die Zahlungen dann jedoch wieder aufnehmen.

Ob der Angeklagte gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen wird, steht noch nicht fest. Dass er die nächste Zeit hinter Gittern verbringen wird, ist für die Familie von Johann K. nur ein schwacher Trost. "15 Monate für ein Menschenleben?" Der Sohn konnte es nicht fassen. Rechtsfrieden ist jetzt hergestellt - mehr aber auch nicht.



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