Tödlicher WM-Streit Deutscher Fan schießt Italiener nieder

Wie oft hat Italien die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen? Darüber sollen ein Deutscher und zwei Italiener in einer Kneipe in Hannovers Rotlichtviertel in Streit geraten sein. Am Ende schoss der Deutsche beiden in den Kopf. Einer von ihnen starb, der andere schwebt in Lebensgefahr.

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DPA

Hamburg - Tageslicht ist im Columbus unerwünscht. Über den Schaufenstern einer der ältesten Kneipen Hannovers, am Rande des Rotlichtviertels gelegen, prangt in knallroten Lettern der Name. Hinter den großen Scheiben hängen schwere, blickdichte Vorhänge. Rund um die Uhr hat das Lokal mit der langen Holztheke geöffnet. Wer hier reingeht, braucht kein Licht.

Am Montag um 7.20 Uhr fallen nahe der Theke Schüsse. Man kann sie bis auf die Straße hören, eine Bedienung alarmiert die Polizei.

Ein 42 Jahre alter Deutscher hat den ersten Ermittlungen zufolge einem Italiener in den Kopf geschossen. Der 47-Jährige starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein zwei Jahre älterer Arbeitskollege, ebenfalls ein Italiener, schwebt in Lebensgefahr. Auch er erlitt schwere Schussverletzungen am Kopf. Der Schütze flüchtete zu Fuß. In der Nähe der Bar fand die Polizei später eine Handfeuerwaffe, bei der es sich offenbar um die Tatwaffe handelte.

Da der mutmaßliche Täter im Columbus Stammgast ist, war seine Identität schnell klar. Polizeibeamte durchsuchten die Wohnung des 42-jährigen Frührentners. "Derzeit fahnden wir intensiv nach dem Mann", sagte Polizeisprecher Thorsten Schiewe. Der Mann sei bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten.

In den frühen Morgenstunden muss das Trio aneinandergeraten sein: Bei dem Getöteten handelt es sich nach Polizeiangaben um den Angestellten eines benachbarten italienischen Restaurants, der mit einem Kollegen nach Feierabend ein Bier trinken wollte. Alle Beteiligten konsumierten nach Angaben der Polizei gemeinsam Alkohol, beim Thema Fußball soll der Streit schließlich eskaliert sein. So schilderten es die anderen beiden Besucher und die Bedienung der Polizei. Auslöser sei demnach gewesen, dass man sich nicht habe einigen können, wie oft Italien bisher den Fußball-Weltmeisterschaftstitel gewonnen hat.

Der Täter wollte seine Opfer zunächst auf die Straße locken

Die Opfer hatten laut Augenzeugen geprahlt, dass Italien mit vier WM-Titeln einen mehr habe als Deutschland, erklärte Polizeisprecher Heiko Steiner. Den Ermittlungen zufolge habe der Deutsche gegen 6 Uhr unter einem Vorwand das Columbus verlassen und sei mit einer Waffe zurückgekehrt. Er habe die beiden Italiener aufgefordert, den Streit mit Fäusten auszutragen - auf der Straße.

Als sich die beiden erhoben hätten, habe er ohne Vorwarnung jedem von ihnen in den Kopf geschossen. Wie viele Schüsse der 42-Jährige insgesamt abgegeben habe, ist noch unklar. Die Waffe werde noch kriminaltechnisch untersucht.

"Ich habe es mehr als zweimal knallen hören", sagte ein Nachbar. "Aber vielleicht waren das auch Stühle oder Barhocker, die da umfielen." Seine Freundin habe Schreie gehört. Grundsätzlich sei das nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend - "aber nicht an einem Montagmorgen zu so früher Zeit".

Das von außen weiß gekachelte Columbus liegt am Steintor am Rande einer sündigen Vergnügungsmeile mit Bordellen, Strip-Lokalen und Kneipen, viele in der Hand von Hells Angels. Vor fünf Jahren war vor der "Sansibar" ein 31 Jahre alter Familienvater erstochen und der Türsteher des Clubs schwer verletzt worden. Dennoch sagt Anja Gläser von der Polizei Hannover: "Die Tat im Steintorviertel ist für uns etwas sehr Außergewöhnliches." Mit den blutigen Revierkämpfen verfeindeter Gruppen in der Vergangenheit und den üblichen Körperverletzungsdelikten könne man den Vorfall nicht vergleichen.

Seit Jahrzehnten treffen sich Nachtschwärmer im durchgehend geöffneten Columbus auf ein letztes Glas. "Wer hier einmal versehentlich reingeht, tut es in der Regel kein zweites Mal", sagt der Besitzer des Friseurladens zwei Häuser weiter. Streit zwischen den meist alkoholisierten Gästen sei nicht selten.

"Es hörte sich so an, als würde das halbe Inventar auseinandergeschlagen werden", so Hatice Topku, Eigentümerin eines Kiosks in der Nachbarschaft. Später habe sie einen Schuss gehört.

Der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" zufolge trug eines der Opfer ein Trikot der italienischen Nationalmannschaft.

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