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Mordprozess gegen 78-Jährigen: Der letzte Wille

Von , Stade

Ottmar B. im Landgericht Stade: "Doris war mehr für mich als meine Ehefrau" Zur Großansicht
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Ottmar B. im Landgericht Stade: "Doris war mehr für mich als meine Ehefrau"

Der Unternehmer Ottmar B. hat seine Ehefrau erschossen - auf ihr Verlangen hin, sagt er. Das Landgericht Verden verurteilte ihn zu einer milden Haftstrafe, der BGH hob das Urteil jedoch auf. Nun muss das Landgericht Stade entscheiden: Leistete der 78-Jährige Sterbehilfe oder tötete er aus Heimtücke?

Sie will es einfach nicht glauben. Ihr Stiefvater hat ihre Mutter erschossen. Allein das wäre schon furchtbar genug, doch der Stiefvater behauptet auch, seine Ehefrau habe ihn darum gebeten. Sandra E., die Tochter, hat deshalb dafür gesorgt, dass sich Ottmar B. vor dem Landgericht Stade verantworten muss - wegen Mordes. In einem ersten Verfahren hatte das Landgericht Verden den fast 79-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt - wegen Tötung auf Verlangen.

Gekommen ist Sandra E. an diesem Donnerstag nicht, ihr Rechtsanwalt Frank Muhr vertritt sie vor Gericht. Bereits im ersten Verfahren war sie als Nebenklägerin aufgetreten und hatte auf eine Verurteilung wegen Mordes gehofft. Gegen das milde Urteil legte sie schließlich Revision ein. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf. Nun muss die 14. Große Strafkammer in Stade den Fall erneut verhandeln.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat Ottmar B. seine Ehefrau Doris aus "Verzweiflung" ermordet, das Motiv: die desolate finanzielle Situation des in Konkurs gegangenen Unternehmers. Die Staatsanwältin überreichte dem Gericht am Donnerstag Unterlagen, die aus einem Parallelverfahren stammten und die belegten, dass der gescheiterte Firmeninhaber "Abtretungserklärungen" unterschrieben haben soll.

Suizidversuch schlug fehl

Ottmar B. muss schon weinen, als ihn der Vorsitzende Richter Stefan Tomczak nur nach seinem Geburtsdatum fragt. Er kauert im dunkelblauen Sakko und hellblauen Hemd neben seinem Rechtsanwalt, wischt sich mit der rechten Hand die Tränen unter der Brille fort. "Er hat nie in Abrede gestellt, dass er für den Tod der von ihm geliebten Frau verantwortlich ist", ergreift sein Verteidiger Matthias Koch für ihn das Wort. Ottmar B. wolle sich auch unbedingt erklären und werde das auch noch tun, aber im Moment - wie man sehe - lasse das seine Verfassung nicht zu.

Nach Angaben seines Verteidigers bleibt Ottmar B. dabei: Seine Ehefrau - 53 Jahre alt - habe ihm im Mai 2009 mitgeteilt, sie leide an einem Tumor, habe unerträgliche Schmerzen und wolle nicht mehr leben. Nach langer Diskussion habe er eingewilligt, sie zu töten und erklärt, gemeinsam mit ihr sterben zu wollen.

Am frühen Morgen des 3. Juni 2009 habe sie sich zurechtgemacht, schick angezogen, extra Schmuck angelegt. Ottmar B. habe ihr dann vor 8 Uhr mit einem Revolver von hinten in den Kopf geschossen, während sie auf dem Sofa im Wohnzimmer des gemeinsamen Hauses schlief. Danach tötete er den gemeinsamen Hund, einen Rottweiler, und schoss sich selbst in die Brust, verfehlte jedoch knapp das Herz und überlebte schwerverletzt.

Tatsächlich war bei der Obduktion des Leichnams ein fast zwei Kilogramm schwerer Gebärmuttertumor entdeckt worden - allerdings gutartig und operabel. Die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein. Eine Entfernung der Geschwulst, so die Ärzte, hätte die Frau jedoch unverzüglich davon befreien können.

Ernsthafte Zukunftspläne oder nur Fassade?

Wann liegt Tötung auf Verlangen vor, nicht Mord? Der BGH sagt, es müsse gründlich geprüft werden, ob ein "ernsthafter" Todeswunsch vorliegt.

Bei einer Verurteilung wegen Tötung auf Verlangen müssten alle Lebensumstände des Opfers eingehend geprüft werden, mit dieser Mahnung hatte der BGH das erste Urteil aufgehoben. Richter Tomczak verlas am Donnerstag Auszüge aus der Begründung. Die Kammer dürfte sich bei ihrem Urteil nicht allein auf die Aussagen des Täters stützen. Es müsse ausgeschlossen sein, dass der Wunsch nur in einer verzweifelten Augenblicksstimmung geäußert worden sei.

Bei einer Tötung auf Verlangen beträgt die Höchststrafe fünf Jahre. Straflos sind in Deutschland nur die Beihilfe zum Suizid und der Abbruch einer künstlichen Ernährung auf Wunsch des Kranken.

Das Landgericht Verden war im ersten Verfahren gegen Ottmar B. davon überzeugt, dass dieser den "ernsthaften und eindeutigen" Wunsch seiner kranken Ehefrau erfüllt habe. Dass sie Zukunftspläne - einen Urlaub und die Feier für die bevorstehende Silberne Hochzeit sowie die Renovierung des Hauses - geschmiedet habe, schließe die innere Beschäftigung mit dem Sterben nicht aus, sondern könne auch nur Fassade gewesen sein.

Ottmar B. verlässt am Ende der ersten Verhandlung weinend den Gerichtssaal. Dass ihn die Tochter seiner Ehefrau, die er, wie er selbst sagt, im Alter von elf Jahren "mitgeheiratet" habe und der er immer Vaterersatz gewesen sei, ihn wegen Mordes verurteilt wissen will, setzt ihm zu. In den vergangenen Jahren erlitt er eigenen Angaben zufolge einen Schlaganfall und einen Hirnschlag. "Wissen Sie", sagt er unter Tränen, "die Doris war mehr für mich als meine Ehefrau, sie war auch mein bester Kumpel".

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Gemeinsamer Selbstmord mit Hund
gloobaas 16.05.2013
Das ist doch offensichtlich. Und trotz der eindeutigen Konstellation geht ein Staatsanwalt davon aus, dass ein Mörder sich selbst in den Kopf schiesst. Erinnert an die Behauptungen zu der NSU. Das ist doch nur noch krank, was hier in der BRD läuft.
2. Wozu denn dieser Artikel?
nomen_nominandum 16.05.2013
Was soll man da diskutieren? Der Mann hat sich nach der Tat in die Brust geschossen und sein Herz nur knapp verfehlt. Das soll nur Show gewesen sein? Es ist eine menschliche Tragödie ungeheuren Ausmaßes. Da ist mit Strafrecht nichts zu machen. Das hatte die erste Instanz wohl richtig erkannt.
3. mh
Robert Baratheon 16.05.2013
Nichts gegen die Entscheidung an sich – aber bei solchen Gedanken hinterlässt man Abschiedsbriefe und eindeutige Beweise. Die Richter können mit Recht zweifeln, ob die Frau wirklich sterben wollte, wenn Urlaub etc. fest geplant waren. Ich als Ehemann würde von meiner Frau außerdem fordern, dass Sie selbst abdrückt solange sie die Möglichkeit hat. Einen zweiten oder dritten Schuss „zu Sicherheit“ würde ich dann wohl übernehmen. Ich denke das selbst abdrücken ist der ultimative Beweis des „Wollens“. Im Schlaf erschossen zu werden ohne Beweise ist nur eines. Zwielichtig.
4. scherlock
legastheniker 16.05.2013
Zitat von sysopDPADer Unternehmer Ottmar B. hat seine Ehefrau erschossen - auf ihr Verlangen hin, sagt er. Das Landgericht Verden verurteilte ihn zu einer milden Haftstrafe, der BGH hob das Urteil jedoch auf. Nun muss das Landgericht Stade entscheiden: Leistete der 78-Jährige Sterbehilfe oder tötete er aus Heimtücke? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/toetung-auf-verlangen-oder-mord-ottmar-b-toetete-seine-frau-im-schlaf-a-900293.html
das thema ist an sich schon interresant ein paar hintergrundinformationen wären nco hilfreich gewesen. für mich kommt es hier auf die "aussage" der getöteten an:"habe ihm im Mai 2009 mitgeteilt, sie leide an einem Tumor, habe unerträgliche Schmerzen und wolle nicht mehr leben" das mit der obduktion im vergleich:"allerdings gutartig und operabel. Die Schmerzen müssen entsetzlich gewesen sein. Eine Entfernung der Geschwulst, so die Ärzte, hätte die Frau jedoch unverzüglich davon befreien können." es wäre wichtig zu wissen welche informationen die frau zu ihren lebzeiten von ihrem arzt bekommen hat die darstellung ihres ehemanns ist nicht ganz schlüssig. seine frau hatte mit 53 jahren noch einiges an leben vor ihr.
5. Heimtücke
ponyrage 16.05.2013
Heimtücke ist keine Absicht, sondern eine Begehungsweise. Man kann also nicht "aus Heimtücke", sondern höchstens "heimtückisch" töten.
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Die Regelungen zur Sterbehilfe in Deutschland
Indirekte aktive Sterbehilfe
Beim Thema Sterbehilfe wird generell zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie Beihilfe zur Selbsttötung unterschieden. Eine direkte, aktive Tötung, etwa mit einer Giftspritze, ist auch auf Verlangen strafbar. Erlaubt ist allerdings eine indirekte aktive Sterbehilfe: etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen.
Passive Sterbehilfe
Unter passiver Sterbehilfe verstehen Juristen das "Zulassen des natürlichen Sterbens": Hierbei werden lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung unterlassen oder beendet. Auch eine Sterbebegleitung in Form von Beistand, Seelsorge und schmerzstillender Palliativmedizin gilt als passive Sterbehilfe.
Patientenwille
Wichtig ist es, bei der passiven wie auch der indirekten aktiven Sterbehilfe, den Willen des Patienten zu kennen. Denn - vereinfacht gesagt - ist hier fast alles erlaubt, wenn es dem Willen des Patienten dient. Umgekehrt kann das passive Sterbenlassen eines Hundertjährigen eine Tötung sein, wenn dieser leben will.
Patientenverfügungen
Die neue gesetzliche Regelung zur Patientenverfügung (Drittes Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts) wurde im Juni 2009 nach sechsjähriger Debatte vom Bundestag verabschiedet. Danach sind schriftliche Patientenverfügungen für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig vom Krankheitsstadium. Das heißt, dass die Verfügung auch befolgt werden muss, wenn der Kranke noch nicht die Sterbephase erreicht hat. Fordert der Patient die Einstellung lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen, muss der Arzt dies umsetzen.
Beihilfe zum Suizid
Problematisch wird es bei der Beihilfe zur Selbsttötung. Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Da somit in Deutschland eine Selbsttötung straffrei ist, ist auch die Beihilfe zur Selbsttötung straffrei, wenn sie vor der Tötung stattfindet - also ein Helfer dem Sterbewilligen etwa ein Glas mit Gift hinstellt, das dieser dann selbstständig austrinkt.

Im Gegensatz zum Strafrecht verbietet das Standesrecht den Ärzten in Deutschland jedoch die Beihilfe zum Suizid. So dürfen die dafür geeigneten Wirkstoffe für diesen Zweck nicht verordnet werden, es handelt sich deshalb unter Umständen um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz.

Die Bundesärztekammer hatte außerdem bereits vor einiger Zeit erklärt, dass es sich bei einem ärztlich assistierten Suizid aus ihrer Sicht um Tötung auf Verlangen handele. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis fünf Jahren geahndet (Paragraf 216, StGB).


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