Tötung auf Verlangen Wollte Doris B. wirklich sterben?

Darf ein Mann seine kranke Partnerin töten, wenn sie darum bittet? Über den Fall des 75-jährigen Ottmar B., der seine Frau erschossen hat, sollte nun der Bundesgerichtshof entscheiden. Viele Fragen blieben offen: Warum plante Doris B. ihren Urlaub, wenn sie sich eigentlich den Tod wünschte?

Von Simone Utler

Ottmar B. (r.) mit Anwalt Thomas Becker: Tötungsverlangen "nur unzureichend geprüft"
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Ottmar B. (r.) mit Anwalt Thomas Becker: Tötungsverlangen "nur unzureichend geprüft"


Hamburg - Am Morgen des 3. Juni 2009 griff Ottmar B. zu seinem Revolver, setzte ihn an den Hinterkopf seiner Frau Doris und drückte ab. Dann erschoss er den Hund und versuchte, auch sich mit einem Schuss in die linke Brust zu töten. Er verfehlte aber das Herz und überlebte schwerverletzt. B. gab später stets an, seine Frau auf deren ausdrücklichen Wunsch hin erschossen zu haben. "Sie verlangte ernsthaft und eindeutig von mir, dass ich sie töten sollte", erklärte der inzwischen 75-Jährige vor Gericht.

Doris B. hatte einen rund zwei Kilogramm schweren Tumor an der Gebärmutter, litt unter starken Schmerzen. Diese könne sie nicht mehr aushalten, soll die 53-Jährige ihrem Mann gesagt haben. "Sie wollte aus dem Leben scheiden, die Schmerzen waren nicht mehr zu ertragen", so ihr Mann.

Ottmar B. musste sich vor Gericht für seine Tat verantworten, die durchaus kontrovers eingeschätzt wird. Die Staatsanwaltschaft Verden klagte den Geschäftsmann wegen Mordes an. Tatmotive: "Verzweiflung über seine persönliche finanzielle und unternehmerische Situation" und den damit für ihn als Egozentriker unerträglichen Gesichtsverlust. Auch Angehörige von Doris B. hielten eine Verurteilung wegen Mordes für angebracht.

Das Verdener Landgericht wertete den Schuss jedoch als Tötung auf Verlangen und verurteilte B. im November 2009 lediglich zu zweieinhalb Jahren Haft. Eine Tochter Doris B.s gab sich mit dem Urteil nicht zufrieden und zog vor den Bundesgerichtshof (BGH).

Tötungswunsch "nur unzureichend geprüft"

Wo verlaufen die Grenzen zwischen Tötung auf Verlangen und Mord?

Tötung auf Verlangen liegt laut Strafgesetzbuch (StGB) Paragraf 216 vor, wenn jemand durch das "ausdrückliche und ernstliche Verlangen" des Getöteten zur Tötung bestimmt wurde.

Doch wie ausdrücklich und ernsthaft muss der Tötungswunsch geäußert werden? Können Richter sich wirklich auf die Aussage des Täters über das entscheidende Gespräch verlassen? Das sind einige der zentralen Fragen für eine juristische Abgrenzung.

Eine wegweisende Entscheidung konnte die 3. Strafsenatskammer des BGH jedoch nicht fällen - das sei auf Grundlage des Verdener Urteils nicht möglich gewesen. Es sei nicht klar, ob das Landgericht alle maßgeblichen Umstände hinreichend einbezogen habe, bevor es sein Urteil "im Zweifel für den Angeklagten" fällte.

Das Landgericht habe die Glaubhaftigkeit des Angeklagten zum Tötungsverlangen seiner Ehefrau "nur unzureichend geprüft" und sei "vorschnell davon ausgegangen", seine Aussagen seien nicht zu widerlegen, so der BGH in einer Erklärung. Was dem tödlichen Schuss vorausging, also das "unmittelbare Tatvorgeschehen", die entscheidende Diskussion der Eheleute, sei nicht ausreichend untersucht worden.

Der BGH hob also das Urteil der Verdener Richter auf und verwies den Fall an das Landgericht Stade zurück.

Todeswunsch darf keiner "Augenblicksstimmung" entspringen

Auch wenn der BGH keine eindeutige Entscheidung traf, so gab er den Gerichten doch strenge Verhaltensregeln an die Hand: Bei einer Verurteilung wegen Tötung auf Verlangen müssen alle Lebensumstände des Opfers eingehend geprüft werden.

Die Richter dürften sich bei ihrem Urteil nicht allein auf die Aussagen des Täters stützen, die Ernsthaftigkeit des Tötungsverlangens müsse ausreichend belegt sein. Diese fehle, wenn der Wunsch zu sterben "erkennbar nur einer Augenblicksstimmung entspringt und ihm daher keine tiefere Reflexion des Tatopfers über seinen Todeswunsch zugrunde liegt".

Im Fall von Doris B. sahen die Karlsruher Richter die Ernsthaftigkeit des Tötungsverlangens nicht ausreichend belegt: Geraume Zeit vor der Tat sei ihr ihre Erkrankung bewusst geworden, was sie aber nicht gehindert habe, einen Urlaub für den bevorstehenden Sommer zu planen sowie Vorbereitungen für die am Tattag beginnende Renovierung des gemeinsamen Hauses zu treffen.

Noch in der Nacht vor der Tat war die 53-Jährige ihren gewohnten Freizeitbeschäftigungen am Computer nachgegangen, hatte Fotos bearbeitet und aktuelle Nachrichten verfolgt. Das spreche gegen den ernsthaften Wunsch, aus dem Leben zu scheiden, so der BGH.

Um also zu entscheiden, ob tatsächlich Tötung auf Verlangen vorlag, müsse man nähere Inhalte des Gesprächs von Doris B. mit ihrem Mann vor der Tat kennen.

Ihrem Mann zufolge soll sie ihm am Morgen des Tattags erstmals von einem bösartigen Tumor und unerträglichen Schmerzen berichtet haben. Die Frau bat ihn, so die späteren Feststellungen des Landgerichts Verden, sie mit einer seiner beiden Schusswaffen zu töten.

Nach einiger Diskussion gab der Mann ihrem Drängen nach. Waffen und Munition befanden sich offenbar schon länger im Besitz des Ehepaares. Wegen der allgemein zugesicherten Straffreiheit bei freiwilliger Abgabe wollte Ottmar B. diese nach eigenen Angaben zur Polizei bringen und hatte sie deshalb im Esszimmer bereitgelegt.

Tumor hätte operiert werden können

Die Tatsache, dass die Frau gegen 6 Uhr morgens - obwohl eigentlich eine Langschläferin - voll angekleidet, geschminkt und mit Schmuck versehen auf einem Sofa in entspanntem Zustand gefunden worden war, wertete das Landgericht Verden für den Angeklagten. Es sei unwahrscheinlich, dass B. seine Frau heimtückisch im Schlaf erschossen habe. Auch in Ottmar B.s finanziellen Schwierigkeiten sahen die Richter keinen Grund für einen Mord. Der Geschäftsmann sei im Umgang mit Engpässen geübt gewesen, und der damaligen Forderung der Kreissparkasse von 15.000 Euro hätten immerhin 10.000 Euro Bargeld gegenübergestanden, die bei der Toten gefunden worden waren.

Die Patientenschutzorganisation der Schwerstkranken und Sterbenden begrüßte die Entscheidung des BGH. Am Beispiel des Ehepaars B. werde deutlich, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung von Tötungsdelikten ist. Es spiele eine entscheidende Rolle, aus welchem Motiv der Täter gehandelt habe, hieß es in einer Mitteilung. Nur so könne anhand eines konkreten Falles auch tatsächlich eine Entscheidung gefällt werden, die der besonderen Situation gerecht wird.

Im Fall von Doris und Ottmar B. muss nun das Landgericht prüfen, ob die 53-Jährige tatsächlich sterben wollte, wie lange sie sich schon mit dem Gedanken an den Tod trug, wie sehr sie ihren Mann drängte. War ihr Todeswunsch nur eine Situationsaufnahme, wie die Karlsruher Richter es nennen?

Das Beispiel von Doris B. belegt besonders drastisch, dass die Umstände entscheidend sein können. Tatsächlich fand ein Rechtsmediziner bei der Obduktion der Frau einen fast zwei Kilo schweren Gebärmutter-Tumor, der über Jahre gewachsen sein muss. Allerdings war das Geschwür gutartig und hätte operativ entfernt werden können. Die Frau war aber nicht in Behandlung gewesen, so dass sie das offenbar nicht wusste.

Aktenzeichen: Bundesgerichtshof 3 StR 168/10

mit Material von dpa und dapd

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Spinatwachtel 08.10.2010
1. Urlaubspläne
Zitat von sysopDarf ein Mann seine kranke Partnerin töten, wenn sie darum bittet? Über den Fall des 75-jährigen Ottmar B., der seine Frau erschossen hat, sollte nun der Bundesgerichtshof entscheiden. Viele Fragen blieben offen: Warum plante Doris B. ihren Urlaub, wenn sie sich eigentlich den Tod wünschte? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,721869,00.html
schmieden Sterbende oft noch bis zuletzt. Selbstmörder verhalten sich, so sie wirklich entschlossen sind zu sterben, so lange wie möglich völlig unauffällig. Ob Frau B. sterben wollte, kann nur sie wirklich sagen. Eine gültige Willenserklärung würde ihren Mann entlasten. Die aber fehlt. Das lässt mich ins Grübeln kommen.
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