Lob für Polizist in Toronto Ohne einen einzigen Schuss

Ein Mann steuert einen Lieferwagen über Gehwege in Toronto, zehn Menschen sterben. Ein Polizist stoppt den Todesfahrer - und wird für sein besonnenes Verhalten gelobt.

Nathan Denette/The Canadian Press via AP

Es ist eine gespenstische Szene: Auf der Yonge Street in Toronto steht ein Mann, der soeben zahlreiche Menschen überfahren und getötet hat, einem Polizisten gegenüber. Ein Video des kanadischen Senders CBC zeigt, wie der Mann wiederholt mit einem Gegenstand in seiner Hand den Arm auf den Polizisten richtet. Statt zu schießen, spricht der Polizist mit dem Fahrer.

"Komm schon, auf den Boden."

"Töte mich."

"Nein, auf den Boden, auf den Boden."

"Ich habe eine Waffe in meiner Tasche."

"Ist mir egal. Auf den Boden."

"Ich habe eine Waffe in meiner Tasche."

"Auf den Boden. Auf den Boden oder ich schieße auf dich."

Video: Polizist stellt mutmaßlichen Todesfahrer

Als klar wird, dass der Mann keine Schusswaffe in der Hand hält, senkt der Polizist auch seine Dienstwaffe und geht auf ihn zu: "Auf den Boden. Auf den Boden. Hände hinter den Rücken." Nach etwa einer halben Minute ist alles vorbei, der Mann liegt festgenommen auf dem Bürgersteig. Der Fahrer wurde von der Polizei inzwischen als Alek M. identifiziert (mehr über den 25-Jährigen lesen Sie hier).

"Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Verdächtige anstrebte, getötet zu werden. Er war auf einen 'Suizid durch Polizist' aus", sagte Gary Clement, ein früherer ranghoher Polizist bei der Royal Canadian Mounted Police.

Den Namen des Polizisten machten die Behörden nicht öffentlich. Er bekommt nun von vielen Seiten Lob - in einer extremen Stresssituation habe der Mann besonnen reagiert. Torontos Polizeichef Mark Saunders sagte, der Polizist habe fantastische Arbeit geleistet. Das Vorgehen spiegele das gründliche Training, das die Polizisten durchlaufen. "Ihnen wird beigebracht, so wenig Gewalt wie möglich in jedweder Situation anzuwenden", sagte Saunders.

Die Zeitung "The Globe and Mail" zitierte Mike McCormack, den Chef der Polizeigewerkschaft in Toronto. Dieser hat laut eigenen Angaben mit dem Polizisten gesprochen, der seit mehr als sieben Jahren im Beruf sei. Der Polizist sei erschüttert von dem Blutbad. "Er sagte: 'Mike, ich habe einfach meinen Job gemacht. Was ich getan habe, ist keine große Sache. Aber schau dir diese armen Leute an'", sagte McCormack.

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Fotostrecke: Todesfahrt in Toronto

Laut Angaben der Behörden wurden zehn Menschen getötet und 15 verletzt. Es ist eine der schlimmsten Gewaltakte in der jüngeren kanadischen Geschichte. Premierminister Justin Trudeau sprach von einer "tragischen und sinnlosen Attacke". Ein Augenzeuge sagte dem Sender CNN, der Fahrer habe offenbar gezielt Personen überfahren. "Er machte es immer wieder, immer wieder. Menschen wurden getroffen, einer nach dem anderen."

Alek M. wird zehnfacher Mord zur Last gelegt. Der 25-Jährige wird außerdem des mehrfachen versuchten Mordes beschuldigt, wie ein Gericht in Toronto mitteilte. Weitere Verdächtige gibt es laut Polizei in dem Fall nicht.

Mit Tempo 60 bis 70 hatte der weiße Mietwagen am Montag Fußgänger erfasst, als er um die Mittagszeit in der Geschäftsgegend im Bezirk North York von der Straße auf den Bürgersteig fuhr. Dabei wechselte er über etwa 15 Straßenblocks hinweg (rund 1,6 Kilometer) immer wieder zwischen Straße und Gehweg.

Zu Motiven oder einem möglichen terroristischen Hintergrund machten die Behörden keine Angaben. Alles sehe nach einer vorsätzlichen Tat aus, ermittelt werde in alle Richtungen, sagte Polizeichef Saunders. Die Sender NBC und CTV berichteten unter Berufung auf Strafverfolger und Sicherheitskreise, der Täter sei vermutlich geistig verwirrt.

Die zuvor geltende mittlere Terrorwarnstufe in der kanadischen Millionenmetropole, wo bis Montag die Außenminister der G7-Staaten getagt hatten, bleibe unverändert, sagte Ralph Goodale, Minister für öffentliche Sicherheit. Für eine erhöhte Terrorgefahr gebe es keine Hinweise.

Augenzeugen in Toronto: "Er traf einfach jeden"

REUTERS

ulz/Reuters/AP/AFP



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