Hamburger Kriminalfall: Der Tote aus der Elbe

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Keine Arbeit, keine Möbel, keine Freunde: Ulrich Sattler lebte extrem zurückgezogen in Hamburg. Ein Angler zog seine Leiche Ende Juni aus der Elbe, der 43-Jährige war durch einen Kopfschuss gestorben. Die Polizei steht vor einem Rätsel.

Der Tote aus der Elbe: Der Fall Sattler Fotos
Polizei Hamburg

Hamburg - Die letzte Spur verliert sich am 15. Juni, da wurde mit dem Handy von Ulrich Sattler zum letzten Mal telefoniert. Knapp zwei Wochen später fischte ein Angler die Leiche des 43-jährigen Hamburgers aus der Elbe. Es war das Ende eines Lebens, von dem man fast den Eindruck haben könnte, es sei nie gelebt worden.

Trotz intensiver Ermittlungen weiß die Mordkommission kaum etwas über den Mann und seinen Alltag - und das macht den Fall so ungewöhnlich. Bisher habe sich kein einziger Freund oder enger Bekannter des Toten auftreiben lassen. "Wir kommen nicht weiter", sagt Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Sattler gibt so viele Rätsel auf, dass die sonst eher nüchternen Beamten von einem "geheimnisvollen Lebenswandel" sprechen.

Gegen 8.30 Uhr an einem Donnerstagmorgen holte ein Angler die Leiche bei Moorfleet im Südosten Hamburgs ans Elbufer - sie steckte in einer mit Kabelbindern verschnürten Segeltuchplane. Sattler war durch einen Kopfschuss gestorben, ein bis zwei Wochen könnte er in der Elbe gelegen haben. Der Tote trug Arbeitskleidung, Sicherheitsschuhe, eine dunkle Kapuzenjacke und Handschuhe. Außerdem hatte Sattler eine Umhängetasche geschultert, in der sich mehrere Steine befanden - offenbar sollte das zusätzliche Gewicht die Leiche untergehen lassen.

Ansonsten bot der Fundort den Ermittlern wenig Anhaltspunkte. Ins Wasser wurde der Sack wahrscheinlich an ganz anderer Stelle geworfen, persönliche Gegenstände gab es nicht. Die Identität des Opfers blieb daher zunächst unbekannt. Die Polizei wandte sich Anfang Juli mit ersten Details an die Öffentlichkeit: Der Tote rauchte vermutlich selbstgedrehte Zigaretten, trug ein auffälliges Ketten-Tattoo auf der Schulter, war am rechten Oberschenkel und an der rechten Seite des Schädels operiert worden. Doch schon damals blieben entscheidende Hinweise aus.

PC und Karton mit persönlichen Gegenständen im Keller

Die Identifizierung gelang auf anderem Wege: Rechtsmediziner konnten die Fingerabdrücke des Toten sichern. Ein Abgleich mit der Datenbank des Bundeskriminalamts ergab einen Treffer. 2003 war Sattler wegen Körperverletzung in Berlin registriert worden. Doch die Identifizierung warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete.

Die Beamten fuhren zur Wohnung des Toten. Sie war verschlossen, es gab keine Spuren eines Einbruchs. In dem frisch renovierten Ein-Zimmer-Apartment fanden die Polizisten: nichts. Kein Bett, kein Schrank, keinen Teppich, keine Kleidung. Eine Einbau-Küche vom Vermieter. Hat der Mörder die Wohnung gesäubert? Hat Sattler alle Spuren selbst verwischt? Die Polizei kann nicht ausschließen, dass das Zimmer vor kurzem noch leergeräumt wurde.

Im Keller fanden die Polizisten einen PC und einen Karton mit persönlichen Gegenständen Sattlers. Alles sei fein säuberlich geordnet gewesen. Hinweise auf den Hintergrund des mutmaßlichen Mordes lieferten auch diese Funde nicht.

Zu den Nachbarn hatte Sattler laut Polizei kaum Kontakt. Scheu, zurückhaltend, extrem zurückgezogen - so müsse das Opfer laut Polizeisprecher Schöpflin gelebt haben. Sattler hat zwar einen Bruder und eine Schwester in Hamburg, doch auch die hatten eigenen Angaben zufolge keinen Kontakt zu ihm und konnten der Mordkommission nicht weiter helfen. Sattler habe mindestens zwei Jahrzehnte ohne Kontakt zur Familie in Berlin gelebt, gaben die Geschwister zu Protokoll.

Fotos aus der jüngeren Vergangenheit

2008 kam er aus der Hauptstadt zurück nach Hamburg. Er hatte keine Ausbildung, keine Arbeit, lebte von Hartz IV und vereinzelten Ein-Euro-Jobs. Er sei ordnungsgemäß gemeldet gewesen, so die Polizei. Wie er seine Tage verbrachte, wissen die Beamten nicht. Nur so viel: Er besuchte offenbar öfter ein Internetcafé und benutzte zur Anfahrt den Bus. Ein Auto hatte er nicht. Doch auch die Mitarbeiter des Internetcafés konnten zur Aufklärung nichts beisteuern.

Die Polizei hat sich daher erneut an die Öffentlichkeit gewandt und Fotos von Sattler veröffentlicht: Zu sehen ist ein schlanker Mann, fast sehnig, blaue Augen, dünnes Haar. Die Aufnahmen stammen aus der jüngeren Vergangenheit. Woher sie kommen, soll aus ermittlungstaktischen Gründen geheim bleiben.

Derzeit arbeiten sechs Beamte der Mordkommission an dem Fall. Die Indizien vom Fundort deuten auf ein Verbrechen hin. Doch auch einen Suizid können die Ermittler - trotz der in die Plane gewickelten Leiche - nicht völlig ausschließen. Eine Waffe wurde nie gefunden.

Hinweise zum Fall nimmt die Verbindungsstelle im Landeskriminalamt Hamburg unter 040 4286 56789 entgegen.

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