Tote Babys in Krankenhaus: Sprechstunde der Ratlosen

Von , Siegen

Warum starben in einer Siegener Kinderklinik binnen zwei Tagen drei Säuglinge? Die Staatsanwaltschaft ermittelt - und das Krankenhaus geht in die Offensive: "Wir haben kein Risiko", sagt die Verwaltungschefin.

Kinderklinik im nordrhein-westfälischen Siegen: "Hoffen, dass es ein Zufall war" Zur Großansicht
dapd

Kinderklinik im nordrhein-westfälischen Siegen: "Hoffen, dass es ein Zufall war"

Sie haben an alles gedacht: Parkplätze sind reserviert, es liegen Kugelschreiber aus, bullige Sicherheitsleute patrouillieren vor der Siegener Kinderklinik und ein eigens engagierter Kommunikationsberater begrüßt die Journalisten. "Wir sind in einem Ausnahmezustand", erklärt die Verwaltungsleiterin des Hauses, Stefanie Wied. "Auch wir wollen wissen, warum die Kinder gestorben sind."

Zwei Jungen und ein Mädchen - sie waren zwei Tage, sieben Tage und drei Monate alt - sind in der vergangenen Woche binnen 48 Stunden in dem nordrhein-westfälischen Krankenhaus ums Leben gekommen. Sie seien "aus relativer Gesundheit schnell verfallen", so der Chefarzt Rainer Burghard, der von einem "fulminanten Krankheitsverlauf" spricht. Lediglich zwischen sechs und 18 Stunden habe es gedauert bis zum "Multiorganversagen" der Frühgeborenen.

Die Ursache für den Tod der Säuglinge ist noch immer unklar. Die Obduktion zweier Leichen erbrachte bislang kein eindeutiges Ergebnis. Es seien daher weitere rechtsmedizinische Untersuchungen notwendig, die jedoch bis zu sechs Monate dauern könnten, sagt der Siegener Oberstaatsanwalt Johannes Daheim. Seine Behörde ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, zurzeit gegen Unbekannt. Die Frage ist, ob sich die Kinder möglicherweise bei Besuchern, Personal oder an Gegenständen infiziert hatten.

Alle Arbeitsabläufe überprüft

Das Geschehen weckt Erinnerungen an einen Vorfall vor einem Jahr in Mainz. Dort bekamen Babys eine verseuchte Infusionslösung. Die Quelle der bakteriellen Verunreinigung blieb damals unklar, das Verfahren wurde eingestellt.

Die Siegener Klinikleitung beteuert nun, alle Arbeitsprozesse und Abläufe sowie Qualitäts- und Hygienestandards seien ohne Beanstandungen überprüft worden. Das Krankenhaus könne deshalb seine Arbeit in vollem Umfang weiterführen. Allerdings habe man Nährlösungen und Desinfektionsmitteln ausgetauscht, so Verwaltungsleiterin Wied: "Nach menschlichem Ermessen haben wir kein Risiko."

Für die Angehörigen sei es aber unerträglich, immer noch nicht zu wissen, warum die Kinder gestorben sind. "Es tut uns sehr leid, dass wir die Eltern dieser unerträglichen Situation aussetzen müssen", sagt Wied.

Alle drei Babys waren nach Angaben der Mediziner "extrem unreife Frühgeborene", die ein hohes gesundheitliches Risiko trugen. Derartige Krankheitsverläufe seien grundsätzlich nicht ungewöhnlich, so Chefarzt Burghard. Jedoch beunruhige die knappe Zeitspanne zwischen den Todesfällen. "Wir hoffen dennoch von ganzem Herzen, dass es ein Zufall war", sagt Burghard.

Die Klinik des Deutschen Roten Kreuzes in Siegen ist eine Spezialeinrichtung auf dem Gebiet der Frühgeborenenversorgung und weist eine überdurchschnittliche Überlebensrate auf. Bei Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm liegt die Überlebenschance durchschnittlich bei 79 Prozent.

"Wir tun jetzt alles" , verspricht Verwaltungschefin Wied, "um zur Aufklärung beizutragen."

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insgesamt 4 Beiträge
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1. .
Claudia_D 07.09.2011
Zitat von sysopWarum starben in einer Siegener Kinderklinik binnen zwei Tagen drei Säuglinge? Die Staatsanwaltschaft ermittelt - und das Krankenhaus geht in die Offensive: "Wir haben kein Risiko", sagt die Verwaltungschefin. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,784960,00.html
War da nicht schon einmal was in dieser Art genau in Siegen? Wie ich aber aus anderen Berichten entnommen habe, handelt es sich bei den "Säuglingen" um Frühchen.
2. Reisserisch und laut
Zucchi_Magico 08.09.2011
Zitat von sysopWarum starben in einer Siegener Kinderklinik binnen zwei Tagen drei Säuglinge? Die Staatsanwaltschaft ermittelt - und das Krankenhaus geht in die Offensive: "Wir haben kein Risiko", sagt die Verwaltungschefin. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,784960,00.html
Als ich die Einleitung des Artikels las dachte ich, dass Kinder gestorben wären, welche gesund auf die Welt gekommen waren. Ganz am Schluß wird dann beiläufig darauf hingewiesen, dass alle drei verstorbenen Säuglinge extrem früh geboren waren. Diese als "Nebensächlichkeit" dargestellte Information ist aber sehr wichtig, denn bei Kindern, die extrem früh geboren werden fehlen wichtige Abwehrkräfte, die sich vor allem während einer normalen Geburt bilden. Es kann gut sein, dass nie eindeutig festgestellt werden kann, was das traurige Ereignisse verursacht hat. Aber eines ist sicher: Solch reisserische und laute Artikel helfen weder den Eltern der verstorbenen Kinder, noch verbessern sie die Bedingungen für die anderen Kinder in der Siegener Klinik. Er ist daher unnötig und schädlich.
3. Berichterstattung
hardcoded 08.09.2011
Also kurz zusammengefasst: Es sind an einer Klinik für Frühgeburten in 2 Tagen 3 Säuglinge gestorben. Die Verwaltung hat sofort reagiert, Staatsanwaltschaft und Behörden eingeschaltet, alle Arbeitsabläufe geprüft und vorsorglich die verwendeten Medikamete etc. ausgetauscht. Das wäre eine kurze Notiz wert. Warum das aber in der Form durch alle Medien gezerrt wird verstehe ich nicht. Man verunsichert damit doch die Patienten dieser Klinik, obwohl die Verwaltung verantwortungsvoll gehandelt hat, auch wenn es nur ein Zufall sein könnte. Es gibt sicherlich Frühchen-Stationen mit einer schlechteren Todesrate.
4. Späte Antwort.
Claudia_D 15.09.2011
Zitat von Zucchi_MagicoAls ich die Einleitung des Artikels las dachte ich, dass Kinder gestorben wären, welche gesund auf die Welt gekommen waren. Ganz am Schluß wird dann beiläufig darauf hingewiesen, dass alle drei verstorbenen Säuglinge extrem früh geboren waren. Diese als "Nebensächlichkeit" dargestellte Information ist aber sehr wichtig, denn bei Kindern, die extrem früh geboren werden fehlen wichtige Abwehrkräfte, die sich vor allem während einer normalen Geburt bilden. Es kann gut sein, dass nie eindeutig festgestellt werden kann, was das traurige Ereignisse verursacht hat. Aber eines ist sicher: Solch reisserische und laute Artikel helfen weder den Eltern der verstorbenen Kinder, noch verbessern sie die Bedingungen für die anderen Kinder in der Siegener Klinik. Er ist daher unnötig und schädlich.
Das kann ich eigentlich nur unterschreiben. Die Neonatologie hat enorme Fortschritte gemacht und bringt heute sogar schon 5-Monats-Frühchen durch (mit welchen Ergebnissen sei dahingestellt). Jedoch verlangt die Natur noch immer ihren "Tribut", wenn ich das so sagen darf; bei allem medizinischen Fortschritt kann man leider nichts dagegen machen, wenn die kleinen, unreif geborenen Körperchen (physiologisch gemeint) es einfach nicht schaffen. Die fehlenden Monate im Mutterleib sind einfach nicht zu 100% bzw. 1:1 durch Medizintechnik zu ersetzen. Ich habe selbst (ehemalige) Frühchen in der Familie. Meine Stiefschwester hat vor 15 Jahren Zwillingsmädchen bekommen, 6-Monats-Kinder. Die eine ist vollkommen "normal", die andere hatte irgendwie eine Gehirnblutung bekommen aufgrund der ganzen Schläuche und ist seither schwer körperbehindert. Mir blutet jedesmal das Herz, wenn ich die beiden sehe. Meine Stiefschwester hat mir aber gesagt: "Das ist eben so, da kann man nichts machen, das muss man so akzeptieren, und wenn du dir Probleme machst, dass du die eine der anderen vorziehst, dann kriegst du von mir einen vor den Karton, denn eine Gleichbehandlung ist leider nicht möglich - auch bei den anderen (gesunden) nicht, also mach dir keinen Kopf, es ist OK so" (das war, nachdem der körperbehinderte Zwilling fragte, warum er nicht auch wie die Schwester bei mir im Ferienhaus schlafen dürfe und ich dastand wie ein begossener Pudel, weil Mama es - aus gutem Grund - verbot). Hab viel daraus gelernt seither.
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