Vierfachmord in den Alpen: "Jemand wollte töten"

Die Opfer wurden durch Kopfschüsse niedergestreckt: Die Ermittlungen zum grausamen Mehrfachmord in der Nähe von Annecy werfen immer mehr Rätsel auf. Warum vier Menschen getötet wurden und zwei Mädchen wie durch ein Wunder überlebten, ist weiterhin unklar.

Frankreich: "Ein dramatischer Tatort" Fotos
REUTERS

Chevaline/Hamburg - Es ist eine grausame Szene, die ein Passant auf einem Waldparkplatz in der Nähe des Sees von Annecy vorfindet: Ein Radfahrer liegt tot neben einem Wagen. Der Motor des Autos läuft noch, die Scheiben sind durchschossen, drei Insassen tot. Ein schwerverletztes Mädchen liegt in der Nähe des Fahrzeugs.

Was geschah auf dem Parkplatz? Die Ermittlungen zu dem mysteriösen Gewaltverbrechen in den französischen Alpen bringen immer mehr Details - geben jedoch ebenso viele Rätsel auf.

Nachdem die Polizei am Mittwochnachmittag am Tatort eingetroffen war, wurde der Parkplatz abgeriegelt. Erst acht Stunden später, gegen Mitternacht, entdeckten die Einsatzkräfte eine weitere Person in dem Wagen. Ein etwa vierjähriges Mädchen hatte sich unter den beiden Frauenleichen auf dem Rücksitz des Wagens verkrochen.

Doch warum wurde das Kind erst so spät gefunden? Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte die Polizei den Hinweis auf ein zweites Kind im Wagen erst gegen 23.30 Uhr von einem Zeugen erhalten. Das vierjährige Mädchen sei "gänzlich unsichtbar" gewesen, weil sie sich unter den Leichen zusammengekauert habe, so der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud.

Nach der schrecklichen Entdeckung am Mittwochnachmittag hatten die Ermittler die Ankunft von Pariser Experten der Kriminalpolizei abgewartet, um die Spurensuche nicht zu gefährden. "Wir hatten den Auftrag, nicht in den Wagen hineinzugehen und die Positionierung der Leichen nicht zu verändern", sagte der Befehlshaber der Gendarmerie von Chambéry.

Sorge um die Zeugen

Das Kind ist unverletzt, wurde jedoch in psychiatrische Behandlung gebracht. Ihre ältere Schwester war mit einem Schädelbruch und einer Schussverletzung in der Schulter in das Krankenhaus von Grenoble eingeliefert worden. Sie musste mehrmals operiert werden und befindet sich derzeit in einem künstlichen Koma.

Beide Mädchen stehen von nun an unter Polizeischutz. "Wir schließen nichts aus", sagte der Staatsanwalt, "auch nicht, dass die Täter ihre Zeugen loswerden wollen."

Nach ersten Ermittlungen soll es sich bei den Opfern um Mitglieder einer Familie handeln, die in Großbritannien lebte. Sie war Anfang September auf einem Campingplatz in den französischen Alpen angekommen und wollte dort einige Tage Urlaub machen. Der Fahrer des Wagens hatte laut Staatsanwalt Eric Maillaud die Daten seines Ausweises bei der Campingplatzverwaltung hinterlegt. Britische Zeugen auf dem Campingplatz sagten laut Polizei aus, dass es sich um Vater, Mutter und Großmutter sowie zwei Mädchen handelte.

Zunächst nahm die Polizei an, dass die jüngere der beiden getöteten Frauen nicht durch eine Schussverletzung gestorben sei. Doch wie später bekannt wurde, sind alle Opfer erschossen worden. Der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, sagte dem Fernsehsender BFM TV am Donnerstagabend, jeder der vier habe "mindestens einen Schuss in den Kopf" bekommen.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande sagte bei einem Besuch in London, die Behörden seines Landes würden alles in ihrer Macht stehende tun, um die Täter zu finden.

"Zur falschen Zeit am falschen Ort"

Die Staatsanwaltschaft wollte keine Namen nennen, bestätigte aber den Fund eines irakischen Passes bei einem der Opfer. Auch die Familienbande zwischen den Opfern seien noch nicht geklärt, sagte Staatsanwalt Maillaud. Bei dem älteren weiblichen Opfer wurde ein schwedischer Personalausweis entdeckt.

Eine Autopsie ist für Freitag angekündigt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden im Inneren des Autos keine Patronen gefunden, das lasse auf ein professionelles Vorgehen der Täter schließen.

Eindeutig konnte hingegen die Identität des Radfahrers geklärt werden. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei dem Mann um einen etwa vierzigjährigen Familienvater aus der Gegend Savoyen. Der französische Radler sei wahrscheinlich "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, sagte Staatsanwalt Eric Maillaud.

Die Ermittler fanden am Tatort in der Nähe der Ortschaft Chevaline rund ein Dutzend Patronenhülsen, vermutlich aus einer automatischen Pistole. Zeugen wollen in der Nähe des Parkplatzes einen davonrasenden Jeep bemerkt haben. Von dem Fahrzeug gibt es jedoch keine Spur.

Der Radfahrer, der die Mordopfer entdeckte, ist ein früherer Angehöriger der britischen Royal Air Force. Er hatte nicht nur die Polizei verständigt, sondern auch das schwerverletzte Mädchen in die stabile Seitenlange gebracht. Staatsanwalt Maillaud lobte die "außergewöhnlichen Reflexe" des Mannes.

Völlig unklar sind bislang die Hintergründe der Tat. "Fest steht nur, dass jemand töten wollte", so der Staatsanwalt.

fhu/dapd/ap/AFP

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