Mordlauf in Washington: Marinereservist tötet wahllos Ex-Kameraden

Von Marc Hujer, Washington

Überlebende nach Schießerei auf Marinebasis: Viele offene Fragen Zur Großansicht
AFP

Überlebende nach Schießerei auf Marinebasis: Viele offene Fragen

Mindestens 13 Tote, einige Verletzte und eine Hauptstadt im Ausnahmezustand. Ein Navy-Reservist hat auf einem Marinestützpunkt in Washington anscheinend wahllos auf Menschen geschossen - möglicherweise zusammen mit einem Komplizen. Noch sind Tatablauf und Motiv unklar.

Fünf Stunden nachdem im Gebäude 197 des Marinestützpunkts in Washington die ersten Schüsse abgefeuert wurden, geht es nach wie vor mit den Zahlen durcheinander. Niemand weiß genau, wie viele Menschen getötet wurden. Waren es 13, wie zuletzt berichtet wurde? Oder noch mehr? Wie viele sind verletzt? Und wie viele Täter waren am Werk? War es nur einer, wie zunächst berichtet wurde? Oder zwei? Oder gar drei? Und wo sind die Täter überhaupt? Der eine ist tot, ein anderer Verdächtiger gilt als entlastet, aber ein dritter ist möglicherweise noch auf der Flucht.

Um 8.20 Uhr Ortszeit wurde auf dem Navy-Gelände Alarm ausgelöst. Zeugen schilderten, wie sie im zweiten Stock des Gebäudes einem Schützen begegnet seien. Er sei ganz in Blau gekleidet gewesen, habe sich ohne ein Wort umgedreht und zu feuern begonnen, aber zu hoch gezielt und sie verfehlt. Eine andere Zeugin saß in der Cafeteria, als plötzlich Kugeln einschlugen, "drei Schüsse hintereinander, dann wieder vier - und wir rannten weg", sagte sie einem Reporter.

"Wir sind noch nicht so weit, dass wir Fragen beantworten können", sagt Vincent Gray in die Mikrofon-Wand vor ihm. Vincent Gray ist Bürgermeister von Washington, einer Stadt, die die besten Sicherheitskräfte vor Ort hat, FBI und Secret Service inbegriffen, und die eigentlich bestens aufgestellt sein müsste für eine Krise wie diese. Aber selbst Gray kann nicht mehr ausdrücken als die Hoffnung, bei seinem nächsten Auftritt mehr zu wissen.

Im Zwei-Stunden-Rhythmus taucht er jetzt auf, aber es bleiben mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Die Polizeichefin der Stadt, Cathy Lanier, sagte: "Wir haben keinen Hinweis auf ein Motiv." Für einen terroristischen Hintergrund gebe es derzeit keine Anzeichen. Die Bundespolizei FBI und die Strafverfolgungsbehörde der Navy, NCIS, ermitteln.

Wie viele Täter? Einer, zwei oder drei?

Klar scheint bisher nur zu sein, dass mindestens 13 Menschen an diesem Morgen gestorben sind, unter ihnen ist einer der Täter. Dieser soll mit einem Sturmgewehr und anderen Waffen durch den Marine-Stützpunkt am Anacostia River gestürmt sein, aber auch das ist nur eine Spekulation. Und was sonst noch geschah sowieso. Die Fernsehsender NBC und CBS veröffentlichten voreilig den Namen eines der mutmaßlichen Täter, und mussten ihn kurz danach wieder zurückziehen, als klar wurde, dass er nur deshalb auffällig wurde, weil er auf dem Marinestützpunkt, auf dem rund 3000 Menschen arbeiten, seinen Ausweis verloren hatte.

Die Polizei suchte zwischenzeitlich zwei Verdächtige, nun hat sie sich wieder auf einen flüchtigen Verdächtigen herunterkorrigiert: ein schwarzer, kahlköpfiger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der eine olivfarbene Uniform trägt. Zuerst galt auch noch ein weißer Mann als verdächtig, doch eine halbe Stunde nachdem die Polizei die Fahndung aufgenommen hatte, fasste sie ihn - und stellte fest: Er hatte nichts mit dem Anschlag zu tun.

Den getöteten mutmaßlichen Schützen hat die Polizei inzwischen identifiziert als den 34-jährigen Aaron Alexis aus Fort Worth in Texas, der vor kurzem einen Job als externer Mitarbeiter auf dem Stützpunkt begonnen hatte. Zwischen Mai 2007 und Januar 2011 diente er als Reservist. Dann wurde er wegen Fehlverhaltens entlassen, erklärte eine Marineoffizier gegenüber Nachrichtenagenturen, ohne in Details zu gehen. Den Zugang zum Hochsicherheitsgebäude der Marine hatte er sich offenbar mit Hilfe eines gefälschten oder gestohlenen Dienstausweises verschafft.

Alexis war bereits polizeibekannt. Schon im September 2010 soll der Schütze wegen illegalen Waffengebrauchs in Washington festgenommen worden sein, berichtete der Sender NBC. 2004 zerschoss er wutentbrannt die Reifen eines geparkten Autos, was der Schütze in eigenen Worten später als "Blackout" beschrieb, teilte die Polizei von Seattle mit. Nach Angaben seines Vaters hatte er Probleme damit, seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu bringen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 soll er aktiv bei den Rettungsmaßnahmen mitgeholfen und an einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten haben.

"Zwei Schüsse - ihn hat er erwischt, mich nicht"

Die Hauptstadt wurde unterdessen in Alarmbereitschaft versetzt. Zehn Schulen in der Nachbarschaft wurden geschlossen, Busse wurden umgeleitet, zwischenzeitlich wurde der Stadtflughafen gesperrt. Anwohnern wurde geraten, die Nachbarschaft zu meiden. Über dem Marinestützpunkt kreiste ein Helikopter, mit dem offenbar Verletzte in Sicherheit gebracht wurden.

Der Präsident und der Verteidigungsminister wurden regelmäßig unterrichtet, um 15 Uhr bekamen die Mitglieder des Senats aus Sicherheitsgründen Ausgehverbot, das Baseballspiel der Washington Nationals wurde auf den nächsten Tag verlegt.

Bisher sieht alles danach aus, als ob es sich bei dem Attentat um ein "isoliertes Ereignis" handelt, wie Bürgermeister Gray erklärte. Bei einem Auftritt zum fünften Jahrestag der Finanzkrise bezeichnete Präsident Barack Obama die Tat als "feigen Akt". "Es war eine Schießerei, die auf Militär- und Zivilpersonal abzielte", sagte Obama. "Sie sind Patrioten, und sie kennen die Gefahr, in Übersee zu dienen, aber heute trat ihnen die unglaubliche Gewalt entgegen, die sie hier zu Hause nicht erwartet hätten." Es werde alles getan, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Unterdessen machen Augenzeugenberichte die Runde, die Klarheit verschaffen sollen, was an diesem Morgen geschah. Doch bisher sind es nur Bruchstücke, die vor allem eines zu zeigen scheinen: dass es ein Akt der Willkür gewesen zu sein scheint. Tim Jirus, der in Gebäude 197 arbeite, in dem die Schießerei begann, erzählt, wie er flüchtete, kurz mit einem Mann redete und weiterlief. Dann hörte er zwei Schüsse. Als er sich umdrehte, lag der Mann tot am Boden, mit einer Kugel im Kopf. "Ich habe Glück gehabt", sagt Jirus. "Wie beliebig das ist: Zwei Schüsse - ihn hat er erwischt, mich nicht."

Mitarbeit: Karin Assmann, Lauren Hopper

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema US-Militär
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite