SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Februar 2013, 16:39 Uhr

Tote in Schweizer Holzfabrik

Gezielte Schüsse beim Frühstück

Ruhiger Typ, unauffällig - so beschreiben Kollegen den Mann, der am Vormittag in einer Schweizer Fabrik ein Blutbad angerichtet haben soll. Am Ende waren drei Menschen tot, darunter der mutmaßliche Täter. Über dessen Motiv rätselt jetzt die Polizei.

Luzern - Als die Polizei zum Tatort kommt, ist alles schon vorbei: Mit gezielten Schüssen hat ein 42-jähriger Arbeiter in einer Schweizer Holzfabrik zwei seiner Kollegen getötet und sieben weitere verletzt. Auch der mutmaßliche Täter starb bei der Schießerei in Menznau unweit von Luzern. "Er ist unter den drei Toten", bestätigte der Luzerner Kripo-Chef Daniel Bussmann. Zu Zeugenangaben, wonach sich der Mann selbst erschossen habe, wollte er unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen keine Angaben machen.

Ärzte bezeichneten die Schusswunden von fünf der sieben Verletzten als schwer. Völlig unklar ist bisher das Motiv des Schützen. Dessen Kollegen und die Leitung des Unternehmens Kronospan berichteten, der Mann sei seit mehr als zehn Jahren in der Firma gewesen und habe bisher immer als ruhiger und unauffälliger Mitarbeiter gegolten.

Opfer machten Frühstückspause

Es war um kurz vor neun am Morgen, als der 42-Jährige offenbar eine Pistole zog und gezielt auf Kollegen schoss, die gerade eine Frühstückspause machten. Polizeiangaben zufolge fielen die Schüsse zuerst in einer Werkstatt, dann im Verbindungsgang zur Kantine und schließlich in der Kantine selbst. Der Gewaltausbruch habe nicht länger als zwei oder drei Minuten gedauert. Was für ein Waffenmodell der Schütze benutzte, wollte der Kripo-Chef nicht sagen.

Einige Beobachter vermuten allerdings, es müsse sich um mindestens eine automatische Waffe gehandelt haben. Darauf lassen ihrer Meinung nach die schweren Verletzungen der Opfer schließen sowie die vielen Schüsse, die der mutmaßliche Täter in kurzer Zeit abgeben konnte. In der Schweiz sind Automatikwaffen trotz vieler Bemühungen, sie zu verbieten oder schärfer zu kontrollieren, vergleichsweise leicht zu bekommen.

Medienberichte, wonach das Unternehmen wegen Holzmangels Entlassungen geplant habe, bezeichnete die Unternehmensleitung als Gerüchte. "Die Firma hat seit Monaten keine Kündigung ausgesprochen", sagte Kronospan-Chef Mario Caprozzo. Die Firma beschäftigt rund 400 Mitarbeiter und gilt als einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region.

Die "Neue Luzerner Zeitung" berichtete, der Täter habe möglicherweise psychische Probleme gehabt. Dies habe ein Mitarbeiter über den Mann gesagt, der als Maschinist in der Holzfabrik tätig gewesen sei. "Im letzten Jahr hat er sich verändert", zitierte ihn die Zeitung. "Er hat öfter Selbstgespräche geführt oder redete mit Leuten, die gar nicht da waren."

"Wir sind alle in einem Schockzustand"

Sofort nach dem ersten Alarmsignal aus der Fabrik seien viele Rettungskräfte im Einsatz gewesen, hieß es bei der Polizei. Die Schweizerische Rettungsflugwacht setzte nach eigenen Angaben drei Hubschrauber ein und flog Schwerverletzte in verschiedene Krankenhäuser. In der Fabrik habe ein Expertenteam die Mitarbeiter psychologisch betreut.

"Wir sind alle in einem Schockzustand", sagte Urs Fluder, Mitglied der Betriebsleitung. "Wir machen alles Menschenmögliche, um die Angehörigen adäquat zu betreuen und finanziell zu unterstützen." Auch der Gemeindepräsident von Menznau, Adrian Duss, äußerte tiefe Betroffenheit.

Die Schweizer Regierung drücke den betroffenen Familien ihr Beileid aus. Sie war gerade in Bern zu ihrer wöchentlichen Sitzung zusammengekommen, als die Ministerinnen und Minister über das Blutbad bei Luzern informiert wurden.

rls/dpa/AP

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH