Familie einer getöteten Studentin Kämpfen für Alexandra

Alexandra Wehrmann wurde auf Juist umgebracht. Ein Mord, glaubt die Familie der Studentin - doch das Urteil lautet auf Totschlag. Die Angehörigen fühlen sich alleingelassen, zweifeln an Gericht und Justiz. Ein Lehrstück über Recht und Gerechtigkeit.

Von , Clausthal-Zellerfeld


Als der Richter am 25. März das Urteil verkündet, zuckt Ernst-August Wehrmann zusammen. Patrick S. hat Wehrmanns Tochter Alexandra auf der Nordseeinsel Juist umgebracht, das Landgericht Aurich verurteilt den 24-Jährigen zu sieben Jahren und neun Monaten Haft - wegen Totschlags.

Vier Worte hallen in Wehrmanns Gedächtnis nach: Im Namen des Volkes. "Wir sind auch Teil des Volkes, und das Urteil ist nicht in unserem Namen", sagt Alexandras Mutter Barbara. "Durch das Urteil und die Prozessführung haben wir unseren Glauben an die Justiz verloren", sagt Ernst-August Wehrmann.

Das Gericht will sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Auch die Staatsanwaltschaft will die Kritik nicht kommentieren oder bewerten, teilt aber mit, es bestehe "großes Verständnis für die Betroffenen und ihre Sicht der Dinge".

Die Eheleute und ihre beiden anderen Kinder Dorothee und Matthias waren Nebenkläger in dem Verfahren. Ihre Anwälte hatten auf Mord plädiert und lebenslange Haft gefordert, mindestens aber zehn Jahre. Selbst die Staatsanwaltschaft empfand eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten als angemessen, allerdings wegen Totschlags. Einen Tag nach dem Urteil ging die Familie in Revision. Der Fall liegt nun beim Bundesgerichtshof. Nur etwa 15 Prozent der Revisionen in Strafverfahren sind dort ganz oder teilweise erfolgreich.

"Das sind wir ihr schuldig"

Das ist den Wehrmanns egal. "Wir wollen alles rausholen für Alexandra", sagt ihre Mutter. "Sie musste es auch bis zum Ende durchstehen. Und das tun wir jetzt für sie, das sind wir ihr schuldig." Es ist das Einzige, das Letzte, was der Familie noch bleibt.

An diesem Freitag jährt sich Alexandras Tod zum ersten Mal. Wenige Tage zuvor sitzen ihre Eltern im Wohnzimmer des Hauses in Clausthal-Zellerfeld. Im Schrank steht ein Bild Alexandras, ebenso wie auf dem Tischchen im Flur. Die Eltern wollen, wie sie sagen, ihrer Tochter eine Stimme, ein Gesicht geben. Die 23-Jährige soll nicht in Vergessenheit geraten.

Psychologiestudentin Alexandra nahm im Sommer 2013 auf Juist einen Ferienjob als Verkäuferin in einer Bäckerei an. Wenige Wochen zuvor war auch Patrick S. auf die Insel gekommen, er arbeitete als Aushilfskellner. Die beiden kannten sich, Patrick S. kaufte in der Bäckerei ein.

In der Nacht zum 25. Juli lernten sie sich in einer Disco besser kennen. Patrick S. war betrunken. Im späteren Prozess sagten mehrere Zeugen, dass Alkohol aus dem schüchternen, zurückhaltenden und eher schmächtigen Mann einen offensiven, kontaktfreudigen, aufdringlichen Prahler machte. S. gab Runden aus, bezahlte auch Getränke für Alexandra.

Gegen 2.30 Uhr gingen die beiden aus der Disco an den Strand. In der Anklageschrift steht, wie Patrick S. beschrieb, was dann geschah: Man sei sich in einem Strandkorb nähergekommen. Sie hätten miteinander schlafen wollen, er habe eine Erektionsstörung gehabt. Alexandra habe ihn ausgelacht, beleidigt und ihm eine Ohrfeige gegeben. Er habe mit der Faust zurückgeschlagen, sie sei in den Sand gefallen. Sie hätten miteinander gerungen.

Getötet mit 23 Jahren

Irgendwann lag Alexandra leblos im Sand, gewürgt und stranguliert mit einem Tuch. Laut Obduktion erstickte sie, eine Folge aus Sand in ihrem Mund und dem Strangulieren. Patrick S. hat keine Erinnerung an eine Strangulationshandlung. Er zog das Opfer aus, vergrub die Kleidung und persönliche Gegenstände im Sand, ebenso wie die Leiche, deren Beine extrem gespreizt waren. Bei ihrem Tod war Alexandra 23 Jahre, neun Monate und sechs Tage alt.

Am Vormittag fanden Urlauberinnen die Leiche. Noch am selben Tag wurde Patrick S. festgenommen. Der Prozess vor dem Landgericht Aurich begann am 22. Januar 2014. Das Interesse war beträchtlich, immerhin ging es um das erste Tötungsdelikt auf Juist seit Jahrzehnten.

Patrick S. gestand die Tötung. Der psychiatrische Sachverständige Wolfgang Trabert kam zum Ergebnis, dass S. bei der Tat affektiv aufgeladen und in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Laut der Verteidigung hatte S. 2,7 bis 2,9 Promille Alkohol im Blut. Eine Persönlichkeitsstörung konnte Trabert nicht erkennen. Es kam heraus, dass Patrick S. 2011 eine Prostituierte in Dortmund ohne erkennbaren Grund geschlagen hatte. Auch einer früheren Freundin griff er einmal gewaltsam an den Hals.

Patrick S. kam für die Familie zu billig davon

Der Rechtsmediziner Friedrich Ast sagte aus, er habe noch nie einen Fall erlebt, bei dem so viel Sand im Körper eines Opfers war; bis in den Magen und feine Verästelungen der Lunge war er vorgedrungen. Ast sagte, der Sand müsse Alexandra Wehrmann gewaltsam in den Mund gestopft worden sein, als sie noch bei Bewusstsein war; eine derartige Menge könne man nicht einatmen. Auf Nachfragen der Verteidigung und des Gerichts relativierte er später seine Aussage.

Die Wehrmanns wollten dies im Prozess klären lassen, einen weiteren Sachverständigen hören. "Das hat das Gericht ignoriert", sagt Ernst-August Wehrmann. Die Familie schlägt einen Wissenschaftler von der TU Clausthal vor. Ob das klug ist, bezweifeln Prozessbeobachter - Wehrmann arbeitet an der Hochschule, das Gericht sieht die Gefahr einer Gefälligkeit unter Kollegen und damit der Befangenheit.

So bleibt die Frage nach dem Sand unaufgeklärt, wie vieles andere aus Sicht der Wehrmanns auch. Paragraf 244 der Strafprozessordnung sieht vor, das Gericht habe "zur Erforschung der Wahrheit die Beweisaufnahme von Amts wegen auf alle Tatsachen und Beweismittel zu erstrecken, die für die Entscheidung von Bedeutung sind". Die Wehrmanns sind der Ansicht, das Gericht habe das unterlassen. "Das Gericht hat unaufgeklärte Umstände akzeptiert und zugunsten des Angeklagten ausgelegt", sagt Ernst-August Wehrmann. Diese Ansicht teilen Beobachter, die den gesamten Prozess verfolgt haben.

"Der Täter hat versucht, Alexandra eine Mitschuld zu geben"

Mordmerkmal Grausamkeit? Der Sand im Körper ist ein Hinweis. Heimtücke? Patrick S. wies abgesehen von einer aufgeplatzten Lippe keine Verletzungen oder Kampfspuren auf, Alexandra hatte womöglich keine Chance, sich zu wehren. Zwei Strandbesucher bekamen nichts von der Tat mit, obwohl sie nur 25 Meter entfernt waren. Sexuelle Motive, also niedrige Beweggründe? Der Sachverständige Trabert vermochte in den gespreizten Beinen der nackten Leiche keinen Hinweis zu erkennen.

Während des Prozesses wuchs in der Familie das Gefühl, Tochter und Schwester verteidigen zu müssen. Den Angehörigen widerstrebt zutiefst, was für ein Bild Alexandras im Verfahren gezeichnet wird. "Alexandra war abgestempelt als jemand, der nachts um drei betrunken an den Strand geht, um Sex zu haben. Das stört uns; das ist nicht die Wahrheit, das ist nicht Alexandra", sagt der Vater. "Der Täter hat versucht, Alexandra eine Mitschuld zu geben."

Eine Liebelei am Strand sei selbstverständlich auch bei der 23-Jährigen möglich gewesen. Aber mehrere Zeugen hätten ausgesagt, dass die Studentin bei Patrick S. diese Möglichkeit nicht in Betracht zog: One-Night-Stands seien okay, sagte Alexandra demnach. "Aber nicht mit dem Typen." Die junge Frau hatte 1,3 Promille Alkohol im Blut. Laut mehreren Zeugen wirkte dies bei ihr aber nicht wesensverändernd oder enthemmend. Alexandra habe Gruppen eher zusammengehalten statt sich unangemeldet abzuseilen, sagte eine Zeugin.

Alexandras Schwester Dorothee verspürte im Prozess ein Unbehagen. "Zwischen den Zeilen hieß es quasi, 'Na ja, es ist ihre Schuld, schließlich hat sie sich auf einen wildfremden Typen eingelassen'. Sie war eine Frau, er ein Mann, sie haben getanzt, und das hat ausgereicht, um anzunehmen, dass sie an den Strand gingen, um Sex zu haben."

Alexandras Bruder Matthias wendet sich gegen Prozessende direkt an den Angeklagten:

"Du hast keine Ahnung, was du uns fünfen angetan hast. Du weißt nicht wie es ist, ständig zu wechseln zwischen absoluter Kraftlosigkeit und riesigem Zorn. Wie auslaugend und schwächend das ist. Wie schlimm es ist, sich nicht vorstellen zu können, wie die letzten Sekunden des Lebens eines einem so wichtigen Menschen aussahen, einfach weil es so unvorstellbar grausam war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meiner Schwester so etwas angetan wurde. Sie hat niemals jemandem einen Grund geliefert, ihr so etwas anzutun."

Das Gericht sieht Patrick S.' Aussage, Alexandra habe ihn ausgelacht und geschlagen, als Schutzbehauptung an. Aber ansonsten stellt es seine Darstellung nicht infrage. Dabei beschreiben mehrere Zeugen, dass Alexandras Naturell so gar nicht dazu passen will. Es entsteht der Eindruck einer jungen Frau, die klug genug war, um zu wissen, dass Sex am Strand mit einem völlig Betrunkenen kein Vergnügen gewesen wäre. Es hätte viel eher zu ihr gepasst, mit Patrick S. im Strandkorb ein Problemgespräch führen zu wollen.

An diesem Freitag, Alexandras erstem Todestag, erscheint in mehreren Zeitungen eine Anzeige der Familie. "Du wurdest durch eine brutale Gewalttat aus Deinem tollen Plan vom Leben gerissen", heißt es darin. Dann, in Fettdruck: "Wir vermissen Dich so sehr!"

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