Frankreich Empörung über Schweigeminute für Serienmörder

In Frankreich hat eine Lehrerin ihre Schüler zu einer Schweigeminute für den Serienmörder Mohammed Merah aufgefordert. Der Bildungsminister forderte ihre sofortige Suspendierung.

AFP/ France 2

Toulouse - Nach den Bluttaten von Toulouse hat der französische Bildungsminister Luc Chatel die "sofortige Suspendierung" einer Lehrerin gefordert, die am Freitagmorgen in ihrer Klasse eine Schweigeminute für den Serienattentäter Mohammed Merah abhielt. Chatel verurteilte das Vorgehen der Englischlehrerin aus dem nordfranzösischen Rouen scharf und sprach von einem "unglaublichen Verhalten".

Schülervertreter der Klasse hatten sich an den Schulleiter gewandt und gegen die Schweigeminute für den Islamisten protestiert, der in den vergangenen Tagen in Südfrankreich sieben Menschen erschossen hatte, darunter drei Kinder einer jüdischen Schule.

Die Lehrerin habe "klar gesagt, dass Mohammed Merah ein Opfer ist" und dass die Verbindung zu dem islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida eine Erfindung der Medien und von Staatspräsident Nicolas Sarkozy sei, schrieben die Schülervertreter in einem Brief.

16 der rund 20 Schüler hatten demnach aus Protest gegen die Schweigeminute das Klassenzimmer verlassen. In allen französischen Schulen war am Dienstag im Gedenken an die Opfer des Serienattentäters eine Schweigeminute abgehalten worden.

Erlaubnis von Sarkozy

Die französischen Medien berichten unterdessen von einem besonderen Schicksal: Die hochschwangere Freundin eines der getöteten Soldaten darf ihren Lebensgefährten nachträglich heiraten. Sarkozy habe seine Erlaubnis gegeben, die Ehe nach dem Tod von Abdel Chennouf zu schließen, sagte einer der Anwälte der Familie. Eine solche Sondererlaubnis habe es bisher erst zweimal gegeben: bei Polizisten, die im Dienst starben. Die 25-jährige Caroline erwartet im Mai ein Kind von Chennouf. Der Fallschirmjäger war vor gut einer Woche in Montauban, rund 50 Kilometer von Toulouse entfernt, zusammen mit einem weiteren Soldaten auf offener Straße erschossen worden

Unterdessen wurde bekannt, dass der Attentäter von Toulouse den Anschlag auf die jüdische Schule nach Darstellung der Sicherheitsberaterin von Sarkozy nicht geplant habe. Mohamed Merah habe am Montag einen französischen Soldaten ins Visier genommen, ihn jedoch verpasst und stattdessen die nahegelegene Schule attackiert, sagte Ange Mancini im französischen Fernsehen. Die Schießerei, bei der drei Kinder und ein Rabbi getötet wurden, bezeichnete sie als "opportunistischen" Akt.

Wenige Tage nach dem Ende der Mordserie stehen Polizei und Geheimdienst im Kreuzfeuer der Kritik. "Haben wir etwas verpasst? Waren wir schnell genug?", fragte Geheimdienstchef Bernard Squarcini selbstkritisch, entlastete sich dann aber selbst. Der Islamist Mohammed Merah hätte nicht früher aufgespürt werden können, sagte er. Doch dass es grobe Fehler und Schwächen bei den Ermittlungen gab, darin sind sich viele Experten und selbst Regierungspolitiker einig.

Hätten die Behörden Zeit gewinnen können?

Im Zentrum der Kritik steht der Inlandsgeheimdienst DCRI und dessen Einbindung in die Ermittlungen. Nach dem ersten Attentat am 11. März liefen lediglich routinemäßige Nachforschungen an: Verteidigungsminister Gérard Longuet räumte ein, dass er "sich Vorwürfe macht", sich nicht gleich eingeschaltet zu haben. Dann hätte bei den Ermittlungen vielleicht "Zeit gewonnen" werden können, denn der getötete Soldat war ein unbeschriebenes Blatt und seinen Vorgesetzten als zuverlässig bekannt.

Erst nach dem zweiten Anschlag vier Tage später in Montauban kamen die Ermittlungen auf Touren. Außenminister Alain Juppé bestritt aber sofort einen Zusammenhang mit dem Einsatz der Armee in Afghanistan, obwohl die betroffene Einheit dort zum Einsatz kommt. Zum ersten Mal wurde nun zwar auch die Anti-Terrorismus-Abteilung der Polizei in Toulouse eingeschaltet. Laut Longuet wollten "bestimmte Leute" aber "absolut", dass vor allem die Spur eines rassistischen Soldaten oder Ex-Soldaten verfolgt werde. Die islamistische Spur verfolgten die Ermittler nicht vorrangig.

jbr/AFP/dpa

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