Schießerei in Toulouse: Motorroller-Morde hängen offenbar zusammen

Ein Unbekannter hat vor einer jüdischen Schule in Toulouse vier Menschen getötet, er flüchtete mit einem Motorroller. Laut Staatsanwalt gibt es einen Zusammenhang zu den jüngsten Morden an drei Soldaten im Süden Frankreichs. Die Justiz vermutet Terrorismus.

AFP

Toulouse - Zwischen den tödlichen Schüssen vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse und den zwei Angriffen auf Fallschirmjäger in derselben Region besteht wahrscheinlich ein Zusammenhang. Es gebe "ernsthafte" Hinweise auf eine Verbindung zu den Taten vergangene Woche, teilte die Staatsanwaltschaft mit. So sei der Täter in allen Fällen mit einem Motorrad oder einem Motorroller unterwegs gewesen.

Am frühen Montagmorgen hatte ein Unbekannter in Toulouse vor einer jüdischen Schule auf Kinder und deren Eltern geschossen. Er hatte das Feuer um kurz nach acht Uhr eröffnet. Zunächst habe er vor dem Schulgebäude mit einer Neun-Millimeter-Waffe auf einen Mann geschossen. Dann stellte der Unbekannte nach Polizeiangaben seinen Motorroller ab, ging auf das Schulgelände und schoss wahllos auf Erwachsene und Kinder; einige von ihnen habe er sogar bis ins Schulgebäude verfolgt. Dann ergriff der Täter mit seinem Motorroller die Flucht.

Im Kugelhagel starben vier Menschen, ein Religionslehrer und seine beiden Kinder im Alter von drei und sechs Jahren. Das teilte Staatsanwalt Michel Valet mit. Das vierte Todesopfer sei zehn Jahre alt gewesen. Es gebe zudem mindestens einen Schwerverletzten.

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Anschläge in Südfrankreich: Schüsse vom Motorroller
Der Polizei zufolge feuerte der Mann vor der Schule mit einer Waffe desselben Kalibers, mit dem auch in den vergangenen Tagen drei Fallschirmjäger getötet worden waren. Der Unbekannte habe bei dem Angriff auf die Schüler zwei Waffen bei sich gehabt. Eine davon habe das Kaliber 11,43 Millimeter gehabt, mit dem die Soldaten erschossen wurden.

Soldaten sollen Kasernen nur noch in Zivil verlassen

Bei den Schüssen auf die Soldaten in Toulouse und im etwa 50 Kilometer entfernten Montauban waren innerhalb von wenigen Tagen drei Fallschirmjäger ums Leben gekommen. Der Schütze war ebenfalls mit einem Motorroller unterwegs. Die Polizei suchte in den vergangenen Tagen intensiv nach dem Täter. Die Armee wies die Soldaten an, nur noch in Zivil die Kasernen zu verlassen und verstärkte die Kontrollen. Nach den jüngsten Schüssen in Toulouse wurden auch an allen jüdischen Schulen Frankreichs die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Die Polizei setzt auf der Suche nach dem Täter Helikopter ein.

Sein Motiv ist bislang völlig unklar. Die Polizei verfolgt daher mehrere Hypothesen. Sie reichen von der Wahnsinnstat eines traumatisiert aus Afghanistan zurückgekehrten Militärs bis zu möglichen Racheakten zum Jahrestag des Abkommens von Evian, das sich am Sonntag zum 50. Mal jährte. Es hatte 1962 einen blutigen Kolonialkrieg beendet und dem damaligen Französisch-Algerien den Weg in die Unabhängigkeit geebnet.

Die drei getöteten Soldaten waren nordafrikanischer Abstammung, ein Soldat, der in Montauban lebensgefährlich verletzt wurde, ist Schwarzer. Die Einheiten, denen die Soldaten angehörten, sind regelmäßig in Afghanistan im Einsatz.

Nach dem Anschlag vom Montagmorgen äußerten sich Vertreter der jüdischen Gemeinde schockiert. "Diese grausame Tat deutet auf eine Gesellschaft hin, in der Intoleranz gären kann. Wir fordern die Behörden Frankreichs auf, alles daran zu setzen, den Täter zu finden und vor Gericht zu bringen", sagte der Vorsitzende der Europäischen Rabbikonferenz, Pinchas Goldschmidt.

Die jüdische Gemeinde in Frankreich beklagt regelmäßig Übergriffe auf ihre Mitglieder. So seien zwar die antisemitischen Bedrohungen im Jahr 2011 um 16,5 Prozent zurückgegangen, aber die rund 400 verzeichneten gewalttätigen Übergriffe seien noch genauso zahlreich, sagte Ariel Goldman, Präsident der Vereinigung zum Schutz der jüdischen Gemeinde vor wenigen Wochen in einem Interview.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy besuchte am Mittag die Schule. Er sprach am Morgen im Hörfunk von einer "schrecklichen Tragödie". Dem Sender RFO sagte er: "Die gesamte französische Republik ist berührt von diesem entsetzlichen Drama." Für diesen Dienstag ordnete er eine Schweigeminute zum Gedenken an die getöteten Kinder in allen Schulen des Landes an. "Es sind unser aller Kinder", betonte der konservative Politiker.

Auch Sarkozys sozialistischer Herausforderer François Hollande will im Laufe des Tages nach Toulouse fliegen. Die Sozialisten unterbrachen ihren Wahlkampf, "um der Opfer zu gedenken". Hollande äußerte sich ebenfalls entsetzt über die Tat, welche die ganze Nation trauern lasse. Frankreich hat mit mehr als 500.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Westeuropa.

Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso verurteilte den Anschlag auf die Schule scharf. "Nicht ist unerträglicher als die Ermordung unschuldiger Kinder", heißt es in einer Erklärung. "Im Namen der EU-Kommission verurteile ich nachdrücklich dieses schändliche Verbrechen und möchte unseren Horror angesichts dieser blinden Gewalt bekunden."

Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte sich "tief bestürzt". In Berlin ließ er mitteilen: "Antisemitismus und Gewalt gegen jüdische Einrichtungen oder Menschen jüdischen Glaubens haben in Europa keinen Platz und müssen konsequent geahndet werden."

bim/jbr/dpa/AFP/dapd

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