Trauer nach Massenmord in Norwegen Die Tränen trocknen nicht

Norwegen nimmt Abschied: Zwei Tage nach dem Terrorakt beginnen die Menschen langsam zu begreifen, was wirklich geschehen ist. Das Leben vieler Familien ist zerstört - aber das Land steht fest zusammen, wie sich bei der Trauerfeier in Oslo zeigt.

Reuters

Aus Oslo und Hønefoss berichten und


Zum zweiten Mal ist Norwegen aufgewacht - und der Alptraum ist immer noch nicht vorbei. 92 Menschen sind tot, Hunderte werden ihre Kinder, ihre Geschwister, ihre Freunde, ihre Eltern niemals wiedersehen. Familien sind brutal auseinandergerissen worden. Immer noch werden nach dem Massenmord des Attentäters Anders Breivik mehrere Menschen vermisst, wahrscheinlich sind auch sie umgekommen.

Langsam setzt in Norwegen das Begreifen des Unbegreiflichen ein.

Es ist ein warmer Sonntagmorgen. Im Regierungsviertel in Oslo riecht es noch immer nach Rauch, Polizisten warten hinter Absperrgittern. Zerborstene Fenster sind zu sehen, umgekippte Schilder. Es sind die Spuren der Bombe vom Freitag, die der Attentäter zündete. An den Straßenecken haben die Osloer Blumen aus gelegt, wahre Blumenmeere. Nur wenige Meter weiter stehen seit dem frühen Morgen Hunderte Menschen vor der Osloer Domkirche. Hier soll der Trauergottesdienst für die Terroropfer stattfinden, hier soll das Land langsam begreifen, was passiert ist.

"Wir sind unfassbar traurig"

Es sind herzzerreißende Szenen, die sich vor der Kirche abspielen. Norwegen ist ein kleines Land, rund viereinhalb Millionen Einwohner nur. Viele kennen jemanden, der bei den Attentaten verletzt oder getötet wurde. Oder sie kennen jemanden, der jemanden kennt. Oder sie waren in der Innenstadt, als die Bombe das Zentrum erschütterte.

Eine Gruppe steht in der Schlange. Immer wieder brechen zwei Frauen in Tränen aus. Ein großer Mann, um die 30, zittert, er muss gestützt werden. Die Frauen und die Männer reden darüber, wie sie am Tag des Terrors in Oslo versucht haben, Kollegen zu erreichen und sich niemand meldete. Schluchzend unterbricht ihre Gespräche.

Ein paar Reihen hinter ihnen steht Synnøve Fledsberg aus dem Osloer Umland, eine ältere blonde Dame mit ihrem Mann. Ein Nachbar von ihnen, ein Mitarbeiter des Premierministers, ist durch die Bombe am Freitag getötet worden. "Wir sind unfassbar traurig, wir stehen unter Schock", sagt Fledsberg. "Es ist eine nationale Tragödie", sagt eine andere Frau.

Die Norweger sind verzweifelt, überwältigt vom Schmerz. Weinende Frauen und Männer gehen in die Kirche. Mütter und ihre jugendlichen Kinder halten sich in den Armen.

"Messe für Trauer und Hoffnung" heißt der Gottesdienst, der den Menschen in der Osloer Domkirche Trost bieten soll - wenigstens für eine Stunde. Der König ist mit seiner Familie gekommen und der Premier Jens Stoltenberg. "Es sind erst zwei Tage vergangen seit dem schlimmsten Angriff, den Norwegen seit dem Krieg erlebt hat", sagt Stoltenberg. "Aber es fühlt sich an wie eine Ewigkeit." Jeder einzelne Tote sei eine Tragödie, zusammen genommen seien die Opfer eine norwegische Tragödie.

Stoltenberg öffnet mit seiner Rede in der Domkirche ein Ventil. Lautes Weinen und Schluchzen ist zu hören, als der Regierungschef die persönlichen Geschichten von zwei Ermordeten erzählt. Von "Monika", einer Jugendleiterin von Utøya, die dort seit mehr als 20 Jahren arbeitete. "Nun ist sie tot, aber sie hat den Jugendlichen in ihrem Leben so viel Freude gebracht", sagt der Premier. "Und Tore ist tot", sagt Stoltenberg, er sei einer der talentiertesten Nachwuchspolitiker Norwegens gewesen.

Überall fließen jetzt die Tränen - bei den Jugendlichen, die vorne in der Kirche sitzen, bei alten Herren - auch die Stimme des Premiers ist brüchig.

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Doppelanschlag in Norwegen: Schießerei in Jugendcamp, Bombe in Oslo
Weiter östlich, am überwältigend schönen Fjord, liegt der Ort Hønefoss, nur wenige Kilometer von Utøya entfernt. Am Samstagabend brachte eine Fähre noch in Tücher gewickelte Leichen von der Insel aufs Festland. Am Morgen danach sitzen in der alten Steinkirche Norderhov bei Hønefoss die Väter und Mütter, die Gewissheit haben, dass ihre Kinder tot sind.

Kronprinz Haakon und seine Frau Mette-Marit sind nach Hønefoss gekommen, sie zünden vor dem barocken Altar Kerzen an, die Angehörigen folgen ihnen in die Kirche. Am Ende brennen Dutzende Lichter. Die Gemeinde steht auf, immer wieder werden Stofftaschentücher an die Trauernden gereicht. "Wir müssen den Menschen, die ihre Lieben verloren haben, unseren tiefsten Respekt zeigen", sagt eine Frau. Celine Dions Song "My Heart Will Go On", in der Kirche gesungen von der Norwegerin Kristin Bjerkerud, schallt durch das Gotteshaus. Bischöfin Laila Riksaasen Dahl sagt: "Es hat unser aller Leben verändert. Diese drei Tage waren so katastrophal anders."

Norwegen ist zutiefst verstört, versinkt in Trauer. Und doch sind die Menschen fest vereint, entschlossen, die Verzweiflung zu besiegen. "Es wird eine sehr schwere Prüfung", sagt Premier Stoltenberg zu den Menschen in Oslo. "Ich bin stolz auf dieses Land und beeindruckt von seiner Standhaftigkeit, den Werten, dem Zusammenhalt."

In den Kirchenreihen in Hønefoss und Oslo trocknen die Tränen dennoch nicht.

insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
MonaM 24.07.2011
1. .
Zitat von sysopNorwegen nimmt Abschied: Zwei Tage nach dem Terrorakt beginnen die Menschen langsam zu begreifen, was wirklich geschehen ist. Das Leben vieler Familien ist zerstört - aber das Land steht fest zusammen, wie sich bei der Trauerfeier in Oslo zeigt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776296,00.html
Was heißt das eigentlich? Mit dem unersetzlichen Verlust und der namenlosen Trauer ist jeder allein. Da helfen alle Beileidsbekundungen, Blumensträußchen und Teddybären nichts.
gaga007 24.07.2011
2. I dyp sorg ...
Zitat von MonaMWas heißt das eigentlich? Mit dem unersetzlichen Verlust und der namenlosen Trauer ist jeder allein. Da helfen alle Beileidsbekundungen, Blumensträußchen und Teddybären nichts.
... aber eine Hand, die dem verzweifelten, trauernden Menschen gereicht wird, vermittelt ein Gefühl nicht alleine zu sein - Worte trösten niemals, aber Worte finden dennoch den Weg in die zerrissene Seele. "Menschen die wir lieben, sterben nie - sie sind nur an einem anderen Ort ". (Ernest Hemmingway)
fuchs008 24.07.2011
3. Neue Form der politischen Meinungsbildung?
Ich glaube nicht, dass der Verrückte sich bewußt gemacht hat, was seine Tat für jede einzelne Familie bedeutet, die ein Kind verloren hat. Der Typ wollte die Politik beeinflussen, genauso wie das andere Terroristen in der Welt tun (Irak, Irland, Indien). Das größte Problem ist, dass solche Strategien manchmal zum Erfolg führen, wie derzeit in Afganistan. Wenn solche Amokläufe wie der in Oslo von den Nationalisten und Islamophoben zum Vorbild genommen werden, um die politische Debatte zu beeinflussen, dann Gute Nacht. Wer die Freiheit will, muss die Unsicherheit mit dazunehmen. Die beiden gibts im Doppelpack.
Zeitwesen 24.07.2011
4. Plattform...
Eines seiner Ziele hat er wohl erreicht, Selbstdarstellung. Wer 2 Tage vor einem solchen Terrorakt sich eine Facebookseite einrichtet und peinlichst genau darauf achtet, wie er gesehen werden soll, hat wohl einen unbefriedigten Größenwahn. Im Spiegel wird dieser jetzt, unter anderem, befriedigt mit einer Fotoreihe, die der Massenmörder selbst freigegeben hat. Leider haben sie vergessen seine Interessen etc. nochmals Kompakt darzustellen. Vielleicht sollten man hier gleich eine kleine (Facebook/Fan)Seite einrichten. Der nächste potentielle Killer mit Selbstwertkomplexen dürfte sich dadurch sicherlich angespornt fühlen. Zugegebenermaßen sind die Bilder der Opfer wohl eher uninteressant, da zählt nur die Zahl. Ich will hier auch nicht nur den Spiegel allein kritisieren, aber hier informiere ich mich nunmal auch.
Spinatwachtel 24.07.2011
5. Hoffentlich...
...begreift nun der Rest der Welt, dass Hass und Rassismus alle Leben zerstört. Nur im friedlichen Miteinander können wir überleben. Wir sollten uns durch Terror, gleich aus welcher Ecke er kommt, nicht zermürben lassen! Die Menschen, die gestorben sind, wieder einmal durch die Tat eines Verrückten, sind Märtyrer des wirklich guten Anliegens geworden: Möge die Idee des Friedens und der Toleranz lebendig bleiben in unserem Geist und unserem Herzen! Auch in finsteren Zeiten. Gerade dann!
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