Trauma Missbrauch "Erst jetzt fühle ich mich ihm gewachsen"

Als Kind wurde Benedikt Trappen von einem katholischen Geistlichen missbraucht, erst als Erwachsener konnte er über dieses Trauma sprechen. Nachdem die Kirche konsequente Aufklärung aller Fälle versprach, wandte er sich an das zuständige Bistum Trier - und ist nun bitter enttäuscht.

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Katholische Geistliche: "Lückenlose Aufklärung dieses schweren Verbrechens"
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Katholische Geistliche: "Lückenlose Aufklärung dieses schweren Verbrechens"


Als Benedikt Maria Trappen Anfang Februar hörte, dass die Deutsche Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrstagung über den Umgang mit sexuellem Missbrauch beraten wollte, fasste er sich ein Herz und schickte dem Sekretariat rechtzeitig einen sehr persönlichen, inzwischen 28 Jahre alten Text mit dem Titel "Der Neffe".

Darin beschreibt Trappen drastisch, wie er 1976 von einem katholischen Geistlichen, der viele Jahre eine herausgehobene Position in der Kirche innehatte, als Kind schwer missbraucht wurde. Er nennt den Mann im Text "Onkel". Für den Jungen begann mit dem ersten Übergriff ein Alptraum, der bis heute andauert.

Was Trappen, Magister der Philosophie und Rektor einer Grundschule im Hunsrück, mehr als 30 Jahre lang umtrieb, soll nun endlich aufgearbeitet werden: "Es wird Zeit", sagt Trappen, "dass diese Geschichte ihren Weg in die Wirklichkeit findet und den einholt, dem ich sie zu verdanken habe, einem hochangesehenen Professor der Theologie, dem Mann, der mich missbraucht hat."

Doch auf sein Schreiben an die Bischofskonferenz im Februar erhielt Trappen keine Antwort. Bei Abschluss der Tagung hörte er, dass Erzbischof Robert Zollitsch, der dem Papst anschließend über die Situation in Deutschland Bericht erstatten wollte, "zur lückenlosen Aufklärung dieses schweren Unrechts entschlossen" sei. Zollitsch versprach die "ehrliche Aufklärung" selbst lange zurückliegender Fälle, die rechtlich bereits verjährt sind, denn: "Die Opfer haben ein Recht darauf".

Das Opfer Trappen schrieb daraufhin am 7. März persönlich an Zollitsch, wies auf seinen unbeantworteten Brief hin, nannte den Namen des von ihm Beschuldigten, weitere Details. Fakten genug, dachte Trappen, um ein Ordinariat in Aktion zu bringen. Doch wieder geschah nichts.

"Es ist ein langer Weg, bis man das aussprechen kann"

Nach tagelangem Warten schrieb Trappen besorgt dem Bistum Trier - sein Anliegen könne vielleicht untergegangen sein, da er lediglich eine formale Eingangsbestätigung bekommen habe. Er solle sich gedulden, antwortete der Bistumssprecher, es sei ja "erst ein kurzer Zeitraum" seit seiner Anfrage vergangen.

Am 11. März erhielt Trappen eine Mail aus Trier. Der Prälat Dr. Rainer Scherschel, bei dem seine Post "mit der Bitte um Bearbeitung" gelandet sei, schrieb, Trappens Text von 1982 sei ja "nur" ein literarisches Werk, "in dem tatsächliches Geschehen und Dichtung ineinander verwoben sein können." Trappen solle "konkrete Angaben" über die genauen "Missbrauchs-Vergehen" des Geistlichen machen.

Das klang für Trappen bedrohlich nach einem Versanden im bürokratischen Prozess: "Ich hatte in dem Anschreiben Namen und Biografie angeführt, die Bedeutung des Täters in der Kirche genau beschrieben", sagt Trappen. "Was sexuell vorgefallen war, steht doch recht genau in meiner Geschichte." Trappen hatte den Text schon als Student 1982 in einem Buch mit kleiner Auflage veröffentlicht, den damaligen Umständen entsprechend mit der nötigen Vorsicht.

"Es ist ein langer Weg, bis man das wirklich aussprechen kann", sagt er heute über die erlittenen Übergriffe. "Ein Missbrauchsbeauftragter muss dafür Verständnis haben, muss wissen, was es heißt, Opfer einer solchen Tat geworden zu sein. Er muss wissen, dass es den Betroffenen auch heute noch schwerfällt, über das Vorgefallene zu reden und die Taten exakt zu beschreiben."

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Forum - Wie soll der Papst mit den Vorwürfen umgehen?
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Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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