Mord an Konvertitin "Farimah musste sterben, weil sie Christin ist"

Hamidullah M. ermordete Farimah S. vor den Augen ihrer Kinder. Warum? In seinem Schuldspruch zeichnet das Landgericht Traunstein das Bild eines frustrierten, gekränkten und religiös motivierten Täters.

Hamidullah M. vor Gericht (Archivfoto)
DPA

Hamidullah M. vor Gericht (Archivfoto)

Aus Traunstein berichtet


Genugtuung verspürt Paiman S. nicht. "Aber ich bin zufrieden", sagt der 21-Jährige. Der Schuldspruch des Landgerichts Traunstein nach dem Mord an seiner Mutter sei "ein gerechtes Urteil". Doch klar sei auch: "Die Leere nach dem Tod meiner Mutter wird bleiben." Besonders für seine beiden jüngsten Brüder werde "es sehr schwer, ohne Mutter aufzuwachsen".

Die beiden Jungen, fünf und elf Jahre alt, mussten im April vergangenen Jahres vor einem Discounter in Prien am Chiemsee zusehen, wie Hamidullah M. ihre 38-jährige Mutter Farimah S. mit 16 Messerstichen ermordete. Dafür verhängte das Gericht nicht nur eine lebenslange Haftstrafe, sondern stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest - damit ist eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren so gut wie ausgeschlossen.

Paiman S.: "Die Leere nach dem Tod meiner Mutter wird bleiben."
Tobias Lill

Paiman S.: "Die Leere nach dem Tod meiner Mutter wird bleiben."

Bei der Tat sei es Hamidullah M. "völlig gleichgültig" gewesen, dass auch die Kinder anwesend gewesen seien, sagte der Vorsitzende Richter Erich Fuchs in seiner Urteilsbegründung. "Der Angeklagte hat vier Kindern die Mutter und den Lebensmittelpunkt genommen. Ihm war vollkommen gleichgültig, welche Folgen die Tat für die beiden kleinen Söhne hat."

Für das Urteil spielte auch eine Rolle, dass sich der Afghane vom verzweifelten Versuch des Elfjährigen, ihn abzudrängen, nicht abhalten ließ, weiter auf Farimah S. einzustechen.

Der 30-jährige Hamidullah M. nahm den Urteilsspruch und die Begründung zunächst regungslos zur Kenntnis. Später murmelt er mehrmals etwas, bis Richter Fuchs ihn lautstark zusammenstauchte: Der Übersetzer solle M. sagen, er solle "jetzt ruhig sein und zuhören". Zum Reden werde er später noch genug Zeit haben.

Angriff nach dem Einkauf

Der Tathergang war für das Gericht relativ leicht aufzuklären. Zahlreiche Zeugen hatten den Mord beobachtet: Farimah S. war gerade dabei, ihre Einkäufe auf dem Fahrrad zu verstauen, als Hamidullah M. plötzlich angriff. Das Opfer sei "arg- und wehrlos gewesen", sagte Richter Fuchs. Der Angreifer habe der Frau mit dem 20 Zentimeter langen Messer "regelrecht den Rumpf abgetrennt". Selbst ein von einem Passanten geworfener Einkaufswagen konnte Hamidullah M. nicht aufhalten.

Die Frage, warum Farimah S. sterben musste, stellte das Gericht vor größere Probleme. Die Frau war zum Christentum konvertiert, galt in Prien als bestens integriert. Farimah S. pflegte einen westlich geprägten Lebensstil und war nach Erkenntnissen der Ermittler beruflich erfolgreich. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, Hamidullah M. habe seine Landsfrau umgebracht, weil diese ihn in der Vergangenheit gefragt habe, ob er nicht auch wie sie vom Islam zum Christentum konvertieren wolle.

Verteidiger Harald Baumgärtl sagte dagegen, das Motiv sei nur "schwer zu erfassen". Sein Mandant sei gar nicht besonders religiös und habe immer wieder gegen Regeln des Islam verstoßen - tatsächlich kiffte er und trank auch Alkohol.

"Belästigt und genervt"

Ein Kriminalbeamter hatte beim Prozessauftakt im Januar gesagt, er könne sich vorstellen, dass der westliche Lebensstil der Frau Hamidullah M. gestört habe. Bei Zeugenbefragungen habe es keinerlei Indizien dafür ergeben, "dass Farimah S. versucht hat zu missionieren".

Doch in Gesprächen mit dem psychiatrischen Gutachter in den Tagen nach den Messerstichen zeichnete der Angeklagte ein anderes Bild: Er gab die Tat zu, sagte aber auch, das Opfer habe ihn seit 2013 dreimal aufgefordert, zum Christentum überzutreten. Das habe ihn schwer belastet. Schon 2013 habe er vorgehabt, Farimah S. zu töten.

Richter Fuchs sprach von einem "Motivbündel". Neben Frustration habe auch eine Rolle gespielt, dass Farimah S. den Angeklagten auf seine Religion angesprochen habe. "Der Angeklagte hat aus niedrigen Beweggründen gehandelt", zeigte sich der Richter überzeugt. Der 30-Jährige, frustriert wegen seiner geplante Abschiebung nach Afghanistan, habe sich in seiner Ehre gekränkt, "belästigt und genervt" gefühlt. "Seine Verärgerung und seine aufgestaute Wut über seine eigenen Verhältnisse hat der Angeklagte auf das Opfer konzentriert", sagte Fuchs.

Verwandter des Opfers bricht zusammen

Täter und Opfer waren vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan nach Deutschland geflohen, lebten dann Jahre lang im gleichen oberbayerischen Kurort. Beide hatten jedoch offenbar unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Leben hier.

Die Schwester des Opfers, die sagt, man solle sie Somi nennen, ist überzeugt: "Farimah musste sterben, weil sie Christin ist." Sie sei froh, dass Verfahren nun vorbei sei, sagt die 31-Jährige.

Schwester des Opfers: Froh, dass das Verfahren vorbei ist
Tobias Lill

Schwester des Opfers: Froh, dass das Verfahren vorbei ist

Auch Paiman S., der Sohn des Opfers, sieht das so. Er sei nur durch die Einnahme von Medikamenten in der Lage gewesen, an den vier Prozesstagen dem Angeklagten "in die Augen zu sehen und dennoch ruhig zu bleiben".

Wie sehr die Familie leidet, zeigt sich kurz nach dem Prozessende, als einer der Verwandten von Farimah S. zusammenbricht - Helfer rufen einen Arzt. Die Familie hofft nun auf einen Neuanfang. Ob das Gerichtsverfahren in die nächste Instanz geht, ist offen. Der Verteidiger hat nun eine Woche Zeit, die Revision zu beantragen.

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