Kneipenmorde von Traunreut Die zwei Seiten des Ferdinand F.

Ferdinand F. soll in einer Kneipe zwei Männer erschossen haben. An die Tat könne er sich nicht erinnern, sagt er vor Gericht - und spricht von K.-o.-Tropfen in seinem Getränk. "Lächerlich", findet der Richter.

Angeklagter in Traunstein
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Angeklagter in Traunstein

Von , Traunstein


Als Ferdinand F. am Parkplatz aus dem Gefangenentransporter steigt, gehen offenbar nicht einmal die Sicherheitsbeamten davon aus, dass der Mann im Moment eine allzu große Gefahr darstellen könnte. Sie laufen ein kleines Stück vor dem 63-Jährigen, der ohne Handschellen langsam und anscheinend leicht hinkend hinter ihnen hergeht.

Ein Beamter hält dem Mann die Tür zum Landgericht Traunstein auf. Wären da nicht die Fußfesseln, könnte man den zunächst freundlich schauenden Lkw-Fahrer für einen ganz normalen älteren Herrn halten. Doch folgt man der Staatsanwaltschaft, hat der Mann, den Nachbarn als "freundlich und hilfsbereit" beschreiben, zwei Menschenleben auf dem Gewissen.

Nach einem Streit soll er laut Anklage Mitte September mit einem älteren Repetiergewehr in der Traunreuter Kneipe Hex-Hex kaltblütig zwei 31-jährige Männer erschossen haben. Die damals 50 Jahre alte Wirtin sowie deren zur Tatzeit 28-jährige Bekannte erlitten schwere Verletzungen. Ferdinand F. soll nicht nur geschossen, sondern auch mit der Waffe auf Opfer eingeschlagen haben.

Die Staatsanwaltschaft hat F. des zweifachen Mordes sowie des versuchten Mordes in zwei Fällen angeklagt. An diesem Donnerstag hat der Prozess gegen den 1996 aus Kasachstan eingewanderten Aussiedler begonnen.

Offenbar gab es zwei Seiten des Ferdinand F. Einerseits sagen Nachbarn, er habe gerne mal geholfen, den Kinderwagen zu tragen - aufgefallen sei er höchstens, wenn er die in Zentralasien verbreitete Maultrommel auf dem Balkon spielte oder laut Volksmusik hörte. Auch seine Arbeit habe er gewissenhaft erfüllt. Wenn er unterzuckert gewesen sei, sei er mitunter etwas jähzornig gewesen - doch das habe sich nach einem ruhigen Moment sofort wieder gelegt, berichteten seine Kollegen der Polizei.

Sie tranken ein "Stamperl"

Andererseits sagte sein Sohn den Beamten, der Vater habe ihn und die Mutter geschlagen. Einmal wurde Ferdinand F. vor Jahren angezeigt: Damals wollte er laut Polizei verhindern, dass mehrere Kinder an einem Straßenrand sitzen. Er habe die Kinder angepöbelt, einen der Jungen gewürgt und einen anderen mit dessen Krücke auf dessen Gips geschlagen.

Klar ist: Zuletzt ging es abwärts im Leben des Ferdinand F. Seine Frau hatte ihn 2017 endgültig verlassen, was dieser jedoch nicht wahrhaben wollte - auch am Samstag der Bluttat nicht. Zumeist übersetzt ein Dolmetscher die Worte des Angeklagten, manchmal spricht er aber auch selbst: Er habe auf einen Anruf seiner Frau gewartet, sagt der 63-Jährige. Sie habe gesagt, sie rufe ihn an. "Doch der Anruf kam nicht."

Er trank zwei Bier, später ging er spazieren. Am frühen Abend tauchte er dann im Hex-Hex auf. Zeugenaussagen zufolge erzählte F. Kneipengästen von seiner Zeit in Kasachstan und andere Geschichten - die diese jedoch nicht sonderlich interessiert hätten.

Irgendwann ging er nach Hause, um Brot und Speck sowie eine Flasche Schnaps zu holen. Gemeinsam mit der Wirtin und deren Bekannten trank er dann "ein Stamperl", ein kleines Glas Schnaps. Kurz darauf soll es zum Streit gekommen sein. Warum, ist unklar.

Ferdinand F., der laut Richter Erich Fuchs zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt gut zwei Promille Alkohol im Blut gehabt haben dürfte, kann sich nach eigenen Angaben nicht daran erinnern. Er wisse noch, dass er ein Bier bestellt habe. "Das schmeckte warm und bitter." Dann sei er verwirrt, ja sogar weggetreten gewesen. Jemand müsse ihm K.-o.-Tropfen in sein Getränk gemischt haben.

"Das ist doch lächerlich, was Sie da sagen", zürnt der Richter. Doch der Angeklagte bleibt bei seiner Aussage, er könne sich an die Tat nicht erinnern.

"Der wollte nicht morden"

Sein Mandant bestreite die Taten nicht, sagt sein Verteidiger vor Prozessbeginn. Doch er betont auch: "Der wollte nicht morden, er war zum Zeitpunkt der Tat geistig woanders." Die große Frage sei vielmehr, warum er das getan hätte.

Für die Ermittler ist klar: Vor dem Lokal soll F. gedroht haben, die Polizei anzurufen. Dann sei der sturzbetrunkene Familienvater weggegangen, später jedoch wiedergekommen - diesmal bewaffnet. Ein Kriminaler zeigt anhand einer Video-Animation, was dann im Hex-Hex geschehen sein soll. Laut Spurensicherung und der Aussage der Wirtin schoss F. zunächst ohne Vorwarnung zweimal auf die Gastronomin, eine Kugel traf sie in Hand und Schulter. Dann habe sie sich totgestellt.

Bei den beiden Todesopfern hätten die Schüsse mehrere Organe "zerfetzt". Einer der Männer habe offenbar noch versucht, zu fliehen oder den Angreifer zu attackieren, wurde jedoch durch einen weiteren Schuss niedergestreckt. Ferdinand F. verließ zunächst den Tatort, kehrte aber zurück - und wurde bei der Kneipe festgenommen. Er sei aus Neugier zurückgegangen, sagt er vor Gericht, "um zu sehen, was da passiert war".

F. ist derzeit in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung untergebracht. Das Gericht muss nun klären, ob er zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig war. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus.



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