Mordprozess in Traunstein "Sie wollte frei und selbstbestimmt leben"

Eine Frau wird vor den Augen ihrer Kinder niedergestochen. Weil sie als Muslimin zum Christentum konvertierte? Das Landgericht Traunstein versucht, eine Antwort zu finden. Das dürfte nicht einfach werden.

DPA

Von , Traunstein


Als der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest und die Details des Todes von Farimah S. beschreibt, ist im Landgericht Traunstein leises Schluchzen zu hören, auch ungläubiges Seufzen. 16-mal soll Hamidullah M. auf die 38-Jährige eingestochen haben, auch als diese schon am Boden lag. Der Staatsanwalt listet jede der Wunden auf, die der Frau mit einem gut 20 Zentimeter langen Küchenmesser zugefügt wurden: Nur wenige Körperstellen blieben verschont.

Der 30-jährige Hamidullah M. hat die Mutter von vier Kindern im vergangenen Frühjahr vor einem Discounter in Prien am Chiemsee "heimtückisch ermordet", davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Der Afghane habe seine Landsfrauvor den Augen ihrer jüngsten Kinder umgebracht, weil diese ihn in der Vergangenheit gefragt habe, ob er nicht auch wie sie vom Islam zum Christentum konvertieren wolle.

Farimah S. galt in Prien als gut integriert, war seit Jahren in der evangelischen Kirche aktiv. Das Opfer und der mutmaßliche Täter lebten in dem oberbayerischen Kurort. Beide waren vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen - beide jedoch offenbar mit unterschiedlichen Vorstellungen von ihrem Leben hier.

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Prozess in Traunstein: Tödlicher Messerangriff

"Sie wollte frei und selbstbestimmt leben", sagt die Schwester des Opfers dem SPIEGEL. Ein Ermittler, der mit vielen Zeugen aus dem Umfeld des Opfers sowie des Angeklagten gesprochen hat, beschreibt Farimah vor Gericht als lebenslustig: "Sie war eine schillernde Frau." Sie habe einen westlichen geprägten Lebensstil gepflegt, sich etwa geschminkt oder die Nägel gemacht. Beruflich sei sie erfolgreich gewesen, sie dolmetschte.

Auch ehrenamtlich war sie aktiv, betrieb einen Stand am Christkindlmarkt und half den Ermittlern zufolge auch in der örtlichen Tafel - dort soll sie Hamidullah M. bereits 2013 kennengelernt haben.

Abschiebebescheid kurz vor der Tat

Wurde ihr ihre Lebensweise oder gar ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis? Ein Kriminaler sagt vor Gericht, er könne sich vorstellen, dass der westliche Lebensstil der Frau Hamidullah M. gestört habe. Er zeichnet das Bild eines frustrierten Mannes. Ein bis zwei Wochen vor der Tat habe der Afghane seinen Abschiebebescheid bekommen. Seinen Job auf einem Bauhof habe er ebenfalls verloren.

Die Ermittlungen hätten keinen Hinweis auf eine "plötzliche Radikalisierung" ergeben. Auch hätten sich bei Zeugenbefragungen keinerlei Indizien dafür ergeben, "dass Farimah S. versucht hat zu missionieren". Auch Farimahs Schwester sagt in einer Prozesspause, sie wisse, dass die 38-Jährige dem mutmaßlichen Mörder nur einmal gesagt habe, wenn er wolle, könne er ja Christ werden.

In Gesprächen mit dem psychiatrischen Gutachter in den Tagen nach den Messerstichen zeichnete der Angeklagte jedoch ein anderes Bild: Er gab die Tat zu, sagte aber auch, das Opfer habe ihn seit 2013 dreimal aufgefordert, zum Christentum überzutreten. "Dann bekommst du auch den deutschen Pass", habe sie zu ihm gesagt. Das habe ihn schwer belastet. "Die hat mir meinen Kopf kaputtgemacht", sagte der Angeklagte dem Gutachter zufolge.

"Vielleicht ist es so passiert, aber es ist mir nicht bewusst"

Er habe Farimah S. mehrfach aufgefordert, ihn in Ruhe zu lassen, weil er nicht konvertieren wolle. Schon 2013 habe er vorgehabt, sie zu töten. Den Aussagen von damals widersprach er nun vor Gericht zwar nicht explizit - der Hilfsarbeiter sagte nun jedoch, er könne sich an die Tat nicht erinnern.

"Vielleicht ist es so passiert, aber es ist mir nicht bewusst", ließ er den Dolmetscher übersetzen. Zudem versicherte er, dass er mit anderen Religionen keine Probleme habe. Er habe auch mit Christen in einer Unterkunft gelebt.

Eine Rolle spielte aus Sicht des Angeklagten auch, dass er in Deutschland keine Chance bekommen habe, eine Schule zu besuchen. "Dann wäre es vielleicht anders gekommen." In Afghanistan hatte der Analphabet die Schule nach zwei Jahren verlassen. Geflohen sei er vor Familienfehden und dem Bürgerkrieg.

Motiv "nur schwer zu erfassen"

In Deutschland nahm er es mit islamischen Sitten jedoch nicht allzu genau, kiffte und trank nach Erkenntnissen der Ermittler auch Alkohol. Zur Tatzeit war er laut Polizei angetrunken. Sein Verteidiger Harald Baumgärtl sagte dem SPIEGEL, der Afghane sei sich "der Schwere seiner Tat durchaus bewusst". Doch das Motiv sei nur "schwer zu erfassen".

Das Gericht hat drei weitere Verhandlungstage angesetzt, um die Hintergründe der Tat zu klären. Der Tathergang selbst ist nach den Erkenntnissen der Ermittler dagegen weitgehend geklärt. Farimah S. war demnach gerade dabei, ihre Einkäufe auf dem Fahrrad zu verstauen, als sie niedergestochen wurde. Der Angeklagte habe das Opfer von hinten attackiert. "Er hat sie von hinten an den Haaren gezogen und ihr in den Hals gestochen", sagte eine Zeugin. Auch andere Zeugen berichten von einem Angriff ohne jede Vorwarnung.

Der elfjährige Sohn brüllte demnach noch: "Lass meine Mama in Ruhe!" Er habe zudem versucht, den mutmaßlichen Täter abzudrängen - erfolglos. Auch der Fünfjährige habe "nur geschrien", berichtet eine Zeugin mit brüchiger Stimme. Der Angreifer habe weiter zugestochen, sei "von Sinnen gewesen", sagt eine Frau, habe "abschlachten wollen".

Mehrere Passanten versuchten, der Mutter zu helfen. Sie warfen mit einem Einkaufswagen, einem Handy oder einem riesigen Stein und stellten sich mit einem Bauzaun zwischen das Opfer und den Angreifer. Einem Polizisten, der zufällig in der Nähe des Tatorts war, gelang es schließlich, den Messerstecher mit einem Faustschlag niederzustrecken - doch die Frau starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Für Hamidullah M. steht lebenslange Haft ebenso im Raum wie eine Sicherungsverwahrung. Sachverständige müssen seinen Geisteszustand bewerten. Der Angeklagte war nach der Tat mehrere Monate in der Psychiatrie.

Die Schwester des Opfers will dagegen vor allem eines wissen: Was den Täter damals tatsächlich antrieb. Es gehe darum, sagt sie, dass Menschen, die konvertiert seien, in Deutschland künftig angstfrei leben könnten.



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