Urteil der Geschworenen Trayvon Martin und die Spaltung Amerikas

Rasse, Klasse und ein erschossener Teenager: Im Mordprozess um den Tod des unbewaffneten Schwarzen Trayvon Martin steht das Urteil bevor. Es ist ein Justizspektakel, das die USA aufwühlt wie zuletzt der Prozess gegen O. J. Simpson.

DPA

Von , New York


Jetzt entscheiden die Frauen. Fünf Weiße und eine Latina, darunter eine Altenpflegerin, eine pensionierte Maklerin und eine Hausfrau: Sie halten George Zimmermans Schicksal in der Hand - und womöglich Amerikas gesellschaftlichen Frieden.

Seit Freitag beraten die sechs Geschworenen in Sanford in Zentral-Florida über Schuld oder Unschuld des Angeklagten Zimmerman; jenes 29-jährigen Nachbarschaftswächters, der im Februar 2012 den schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss. Nach 14 dramatischen Verhandlungstagen, Wort für Wort live im US-Fernsehen ausgestrahlt, könnte ihr Urteil nun jeden Moment fallen - und, so fürchten manche, ein soziales Pulverfass zünden.

Denn seit dem Prozess gegen Ex-Footballstar O. J. Simpson, dessen Freispruch 1995 landesweite Proteste auslöste, hat kein Justizspektakel die USA so aufgewühlt wie der Tod Trayvon Martins. Beide Fälle reduzierten die Akteure zu Symbolen nationaler Traumata - und überhöhten ihre Handlungen, so ungeeignet sie dafür auch waren, zu Parabeln.

Nahtstellen von Rasse und Klasse aufgerissen

Bei Simpson waren die Opfer weiß, und der Angeklagte war schwarz. Diesmal ist das Opfer ein 17-jähriger Schwarzer und der Angeklagte - dessen Täterschaft nicht in Frage steht, nur seine strafrechtliche Schuld - ein weißer Latino.

Wie damals hat dieses Drama Nahtstellen von Rasse und Klasse aufgerissen und darin Vorurteile, Ressentiments, Klischees und Ängste freigelegt. Wie damals wimmelt es vor schillernden Figuren, von denen manche ihren Ruhm in Millionenverträge umzumünzen hoffen. Wie damals stürzen sich die Kabelsender auf dieses Quotenfressen und machen eine Tragödie zum TV-Zirkus.

Wie damals ist die Nation nach Hautfarbe gespalten - nur andersherum: Viele Weiße wünschen sich einen Freispruch, viele Schwarze einen Schuldspruch. Dass Zimmerman nach der Tat wochenlang erst gar nicht belangt wurde, verstärkt die Spaltung noch.

Vakuum gequälter Anspielungen

Dabei hatte die knallharte Richterin Debra Nelson Worte wie "Rasse", "Rassismus" und "rassistisch" aus ihrem Gerichtssal 5D verbannt. Sie wollte nur Fakten sprechen lassen, keine Befindlichkeiten. Die Jury hockte so in einem Vakuum gequälter Anspielungen.

Doch selbst die Fakten sind bis zuletzt strittig. Fest steht nur: In der regnerischen Nacht des 28. Februar 2012 erschoss Zimmerman, auf Privatpatrouille unterwegs, den unbewaffneten Martin mit einer halbautomatischen 9-mm-Pistole. Martin war auf dem Rückweg vom Kiosk, in der Tasche eine Tüte Skittles und eine Dose Eistee. Aus allernächster Nähe in die Brust getroffen, verblutete er binnen Minuten.

Ein klarer Fall? Die Staatsanwaltschaft hatte trotzdem einen schweren Stand. Sie musste alle "begründeten Zweifel" ausräumen, dass Zimmerman nicht in Notwehr gehandelt hatte. Als sie merkte, dass diese Schwelle womöglich zu hoch liegt, ergänzte sie schnell den leichter zu beweisenden Tatbestand des Totschlags.

Der Prozess hatte viele spektakuläre Momente, durchgehend übertragen von CNN, MSNBC und Fox News, als gäbe es sonst keine Nachrichten mehr. Das begann schon mit den ersten Worten des feschen Staatsanwalts John Guy: "Fucking punks!", bellte er die Jury an - verdammte Dreckskerle. So hatte Zimmerman sich kurz vor dem Mord am Handy über Schwarze in seiner Siedlung ausgelassen.

Weitere Höhepunkte:

• Zeugin Rachel Jeantel, die mit Martin in den Minuten vor seinem Tod telefoniert hatte, war im Zeugenstand so widerspenstig, dass sie die Argumentation der Anklage fast im Alleingang zerstörte. Martin habe Zimmerman "creepy-ass cracker" genannt, maulte die 19-jährige Schwarze - unübersetzbarer Slang für "Weiße".

• Martins Mutter Sybrina Fulton identifizierte den Hilfeschrei im Hintergrund eines Notrufs als ihren Sohn. Zimmermans Mutter Gladys Zimmerman identifizierte ihn als ihren Sohn.

• Verteidiger Mark O'Mara illustrierte die "Waffe" des unbewaffneten Martin, indem er einen Betonbrocken in den Gerichtssaal hievte - stellvertretend für den Betonweg, auf den Martin Zimmermans Kopf geschlagen habe.

• Zimmermans "bester Freund" Mark Osterman machte im Zeugenstand Werbung für sein Buch über den Fall: "Defending our Friend, the Most Hated Man in America" (14,99 Dollar).

• MSNBC war so gebannt von seiner eigenen Live-Berichterstattung, dass es ein in den Gerichtssaal projiziertes, grausiges Foto der Leiche Martins am Tatort - Augen und Mund offen - auszublenden vergaß. Ein Screenshot verbreitete sich dann über den Klatschblog "Gawker" rasend schnell im Internet.

Angesichts der Beweislage ist ein Freispruch nicht ausgeschlossen. Schon jetzt hat die Polizei vorsorglich an potentielle Protestler appelliert, "das Wort zu erheben, nicht die Hand". Auch prominente Schwarze riefen dazu auf, Ruhe zu bewahren. Etwa der Musikmogul Russell Simmons: "Welche Entscheidung sie auch treffen, es ist eine Entscheidung, mit der wir leben müssen, ob wir sie mögen oder nicht."



insgesamt 58 Beiträge
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deutscher_demokrat 13.07.2013
1. Würde SPON Zimmermann auch als
bezeichnen, wenn er der Getötete und der Nachbarschaftswächter ein Weißer mit Stammbaum direkt zur Mayflower wäre???
si tacuisses 13.07.2013
2. Das Pulverfass USA braucht tatsächlich nur noch einen Funken
Zitat von sysopDPARasse, Klasse und ein erschossener Teenager: Im Mordprozess um den Tod des unbewaffneten Schwarzen Trayvon Martin steht das Urteil bevor. Es ist ein Justizspektakel, das die USA aufwühlt wie zuletzt der Prozess gegen O. J. Simpson. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/trayvon-martin-prozess-in-florida-kurz-vor-dem-urteil-a-910927.html
um zu explodieren. Der Umgang mit Schwarzen und Latinos spottet jeder Beschreibung. Menschenrechte ? Gleichbehandlung ? Pfffffffffffffffffft !!!
vindex_sine_nomine 13.07.2013
3. optional
Die USA mit ihrem Rassismus-Trauma gehen mir auf die Nerven. Dank diesem Trauma ist es bei vielen Webseiten oder Onlinediensten, auch bei solchen, die ihr Heim in Deutschland haben, nicht möglich das harmlose lateinische Wort "niger" als Teil seines Pseudonyms zu nutzen, aus einem harmlosen Wort für schwarz in einer toten Sprache wird ein böses rassistisches Statement gemacht. Das kann und will ich nicht akzeptieren. Die farbige Seite in diesem perversen Spiel ist ja auch nicht besser als die der Clans-Mitglieder und Neunazis in den USA. Da wird bei jeder Gelegenheit irgendetwas als Rassismus ausgelegt. Kleines, weißes Mädchen spricht afroamerikanischen Slang in einem Videospiel, das endet in einem Rassismusvorwurf. Besonders lustig war ja, als man Resident Evil 5 Rassismus vorwarf, weil die große Mehrheit der Zombies in diesem in Afrika angesiedelten Spiel dunkelhäutig war. Es gipfelte in rassistischen Tiraden gegen Kaukasier, daß nur diese Zombies sein dürften, weil nur diese ohne Bedenken abgeschossen werden könnten. Und der zarte Hinweis, daß die Europäer ohne die Hilfe von auf die Jagd von Sklaven spezialisierter afrikanischer Stämme nie und nimmer Sklavenhalter spielen hätten können oder daß diese Stämme ihre Ware verkauften, obgleich sie darüber munkelten, daß die Weißen die Sklaven als Proviant einkauften, ist auch nie gern gesehen. Dieser Prozess dürfte nicht unproblematisch sein, was man so lesen konnte, spricht vieles dafür, daß Opfer und Täter einiges zu dieser Eskalation beigetragen haben.
dadanchali 13.07.2013
4. Nee
Jetzt entscheiden 6 Dilettanten über eine Mordanklage. Schöner Plot für einen Film, "Die zwölf Geschworenen", peinlicher Anachronismus in der Realität.
seluona 13.07.2013
5. Sachverhalt
Aus dem skurillen Geschreibse ist nicht in Ansätzen der tatsächliche Sachverhalt zu erkennen. Entweder ist es so diffus oder der SPON-Schreiberling konnte es es nicht besser, so detailversessen, das er glatt die große Linie vergaß..Denn hier in old Germany interessieren solch reißerische Prozesse doch wohl weit weniger den Normalsterblichen.
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