Trickdiebstahl im Supermarkt Der Abkassierer

Nils L. sitzt bei Real an der Kasse, 16 Jahre lang. Dann wird eine junge Frau seine Kundin, immer wartet sie in seiner Schlange. Er scannt auch ihre Einkäufe, doch längst nicht alles, was sie ihm aufs Band legt. Kann er sie so für sich gewinnen?

Nils L. im Amtsgericht Plön: "Es war der Nervenkitzel"
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Nils L. im Amtsgericht Plön: "Es war der Nervenkitzel"

Von Jochen Brenner


Plön - Nils L. ist mit dem Bus ins Amtsgericht Plön gefahren, alleine, hat lächelnd auf dem Flur gewartet und sinkt nun in seinen Stuhl, faltet die Hände, ein Berg von einem Mann in einer eng gewordenen Windjacke.

Vor Richterin Schwede sitzt einer, der will, dass es vorbeigeht, dafür braucht er keinen Anwalt. Einer, der in 90 Minuten nur einen einzigen ganzen Satz sagt, schnell und mit der hohen Stimme eines Kindes. Der Satz stürzt das Gericht für ein paar Sekunden in peinliches Schweigen, das der Staatsanwalt unterbricht. "Ich mach das ja schon ganz schön lange", sagt er, "aber so was?"

L. lächelt, er hat doch nichts falsch gemacht, nur gesagt, was zu sagen war zu den Vorwürfen, er sei ein gewerbsmäßiger Dieb und sein Fall ein besonders schwerer: "Es ist alles so, wie es der Staatsanwalt sagt."

Alter? 36, Beruf? Einzelhandelskaufmann, "also gewesen", sagt L., arbeitssuchend, geschieden, keine Kinder.

16 Jahre lang saß er bei Real in Schwentinental an der Kasse, räumte Bananen in die Obstauslage, Ravioli ins Regal und entsorgte das Leergut. Ein Leben im Zyklus der Öffnungs- und Jahreszeiten, mit Heidespargel im Angebot und Glühwein für die kalten Tage. Eine Werbeagentur verdichtete L.s Job auf einen Satz: "Einmal hin, alles drin."

Geht es um das bisschen Macht?

Auf einer großen Silvesterparty lernt L. Anna-Angelina W. kennen, sie prosten sich zu, wechseln ein paar Worte, nicht mehr. W. ist um einiges jünger und interessiert sich nicht für den großen Mann. Bis sie in seiner Real-Filiale auftaucht.

Sie legt aufs Band: Eier, Schokolade, Joghurt, Schminke, Zigaretten. L. scannt: nur die Zigaretten. Das ist das Prinzip.

Warum spielt er das Spiel der jungen Frau mit? Geht es um das bisschen Macht, das L. hat, wenn er kassiert - oder es lässt?

Als die Supermarktkassen noch keine Scanner hatten, verurteilten deutsche Gerichte jedes Jahr Hunderte junger Frauen, die 3 Mark 90 eintippten, während ihre Freunde den Schnaps für 39 Mark aus dem Laden trugen.

Seit der Einzelhandel eine Hochsicherheitszone ist, mit Kameras und Computerkassen, lässt sich das System nur noch schwer betrügen. Künstliche Intelligenz hat den Menschen überholt, Laser erfassen Strichcodes, die Strichcodes diktieren den Preis. Ein nahezu perfektes System, das der Mensch mit einer einfachen List überwinden kann: Er enthält dem System die Eingabe vor. Ohne Eingabe kein System.

"Ich wollte wohl ein bisschen auffallen", sagt L. auf dem Gerichtsflur. "War ja nicht so, dass ich jetzt viel Aufmerksamkeit bekommen hätte. Und dann der Nervenkitzel."

Verschwörung an der Kasse

Mal kommt Anna-Angelina W. zwei, mal dreimal die Woche zum Einkauf bei L. in den Real-Markt. Legt Ware aufs Band, die L. am Scanner vorbeischiebt. Er berechnet einen Bruchteil des Wertes und W. drückt ihrem Lieblingskassierer einen ausgedachten Betrag in die Hand. "Mal zwanzig, mal fünfzig Euro", sagt L. Das Geld sortiert er erst in die Kasse ein, um es kurz vor Schichtende wieder rauszunehmen.

"Hatten Sie Geldsorgen?", fragt die Richterin. "Eigentlich nicht", sagt L.

Über drei Jahre dauert die Supermarkt-Verschwörung. Dann taucht Frau W. an einem Montagmorgen in Begleitung eines jungen Mannes an L.s Kasse auf. Im Wagen vor ihr liegen zwei Laptops und ein Flachbildfernseher. Und Zigaretten.

L. scannt, Frau W. schiebt, der junge Mann grinst. Sie sind jetzt drei, die wissen, wie man bei Real in Schwentinental günstig einkaufen kann.

Auf dem Supermarktparkplatz verstaut das Duo seine Ware, wartet ein Stündchen. Dann betritt Frau W. erneut den Laden: Laptop, Kippen, 5 Euro 20. Dritte Runde um 12.40 Uhr, diesmal ist sie alleine unterwegs. Und L. wird unsicher. Beobachtet ihn nicht jemand?

Er scannt den Rechner diesmal sicherheitshalber ein, storniert den Betrag sofort und legt ihn ins Regal zurück. Frau W. verschwindet ohne Beute.

Der Kaufhausdetektiv kommt dem Trio auf die Spur. L. merkt erst, dass er entdeckt ist, als die Polizei seine Wohnung durchsucht. Sie findet 150 Euro in seinem Portemonnaie, der Lohn für drei Laptops und einen Flachbildfernseher.

Der Markt-Chef von Real fährt mit L. zum Notar, als er von der Sache erfährt. Lässt ihn dort ein Schuldanerkenntnis unterschreiben. 50.000 Euro für die Jahre, in denen er nicht kassierte, was dem Unternehmen zustand. So erzählt es L.

Richterin Schwede verurteilt Nils L. zu zehn Monaten Haft, die drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden.

Nils L. verlässt als letzter das Gericht, steckt sich eine Zigarette an, wandert langsam zum Bus. Sein Hausarzt behandelt ihn wegen einer Depression. Die 50.000 für Real? Wird er niemals haben. L. hat Privatinsolvenz angemeldet. Und Bewerbungen geschrieben. An wen? "Na, ich will das machen, was ich kann", sagt er, "Verkaufen."



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