Serienmorde in Hessen Grausames und sadistisches Vorgehen

Fünf Frauen soll Manfred Seel getötet haben, auch im Fall Tristan hält die Polizei den inzwischen verstorbenen Entrümpler für verdächtig. Auf seinem Rechner fanden die Ermittler Tausende belastende Bilder.

DPA

Auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden haben die Ermittler weitere Details zum Fall Manfred Seel bekannt gegeben. Der 2014 verstorbene Entrümpler hat mutmaßlich fünf Frauen getötet und möglicherweise auch Tristan Brübach umgebracht - jenen 13-Jährigen, der 1998 in Frankfurt-Höchst am helllichten Tag ermordet wurde.

Die Ermittlungen begannen nach dem Tod Seels, als in dessen Garage in Schwalbach im Taunus Leichenteile der 2003 verschwundenen Prostituierten Simone Diallo gefunden wurden.

Der Zustand der sterblichen Überreste deutete auf ein grausames und sadistisches Vorgehen des Täters hin. Auf Seels PC fanden die Ermittler etwa 32.000 Bilder, meist abstrakte Gewaltdarstellungen aus allen möglichen Bereichen, auch von Kannibalismus, die zu den Verletzungen Diallos passten.

Aus kriminalistischer Sicht bestehe kein Zweifel, dass Seel diese Tat begangen hat, so Sabine Thurau, Präsidentin des Hessischen Landeskriminalamts.

Die Ermittler schlussfolgerten, dass ein Täter mit dieser Vorgehensweise nicht nur einmal tötet. Im September 2015 wurde daher beim LKA die Arbeitsgruppe "Alaska" eingerichtet. Die Ermittler untersuchten Hunderte teils jahrzehntealte Tatspuren neu. Wie Frank Herrmann von der Polizei Frankfurt erläuterte, stießen sie dabei auf vier weitere Morde an Prostituierten, bei denen Seel höchstwahrscheinlich der Täter war:

  • 1971 Gudrun Ebel und Hatice Erülkeroglu
  • 1991 Gisela Singh
  • 1993 Dominique Monrose

In keinem der Fälle gibt es Spuren oder Beweise, die direkt zu Seel als Täter führen. Auf seinem Rechner wurden keine Fotos der Opfer gefunden. Jedoch gibt es laut Ermittlern neben dem übereinstimmenden, sehr speziellen Verletzungsbild weitere Indizien, die auf Seel als Serienmörder deuten. Räumliche Übereinstimmungen der Fundorte der Leichen etwa. Zudem arbeitete Seel 1971 möglicherweise ganz in der Nähe der beiden getöteten Frauen in Frankfurt.

Die Ermittler prüfen auch, ob Seel Tristan Brübach umgebracht haben könnte. Zwar handelt es sich in diesem Fall nicht um ein weibliches, erwachsenes Opfer. Aber insbesondere was das Verletzungsbild angeht, sieht die Polizei große Übereinstimmungen durch das Ausleben sexueller sadistischer Fantasien, wie Herrmann sagte.

Es seien auch mehrere Morde, die scheinbar in die Serie passten, ausgeschlossen worden, so Herrmann. Weitere ungeklärte Fälle sollen noch untersucht werden:

Ermittler Frank Herrmann (l) und Holger Thomsen
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Ermittler Frank Herrmann (l) und Holger Thomsen

1998 verschwand Julie Schröder, 18 Jahre alt; 1999 Gabriele De Haas, 32 Jahre alt. Beide waren Prostituierte in Frankfurt, beide drogenabhängig und in einem desolaten körperlichen Zustand. Zudem nannte Hermann noch zwei Fälle, in denen 1996 und 2004 nur die Köpfe zweier Frauen gefunden wurden, eines der Opfer ist bis heute nicht identifiziert.

Die Polizei kann einen Mittäter nicht ausschließen. Vor allem im Fall Diallo, deren Körperteile in zwei Fässern in Seels Garage gefunden wurden, sei es denkbar, dass zwei Personen handelten. Dieser Fall sei auch der einzige, in dem das Opfer möglicherweise noch lebte, als der Täter seine Fantasien auslebte. In allen sechs Fällen fehlen Körperteile, die bis heute nicht gefunden wurden.

Seel habe nach außen ein ganz normales Leben gelebt, angepasst, berufstätig, musisch begabt. "Ein völlig unbescholtener Bürger", so Herrmann. Auf ihn als Verdächtigen wäre man ohne den Leichenfund in der Garage nie gekommen.

Wie LKA-Chefin Thurau betonte, können die Fälle nie abschließend aufgeklärt werden. Es bleibe für immer bei einem Tatverdacht, die Unschuldsvermutung gelte auch über den Tod hinaus.

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Um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, bittet die Polizei die Öffentlichkeit mit folgendem Fragenkatalog um Hilfe:

ZU MANFRED SEEL

  • Sind Kontaktpersonen zu Manfred Seel, insbesondere aus Wehrdienst- oder Bundeswehrzeiten, während der Ausbildungszeit oder Berufstätigkeit, im Rahmen eines Studiums sowie aus einer Entzugsklinik "Sonnenberg" in Erbach/Odenwald bekannt oder kennen Sie Manfred Seel?
  • Können Sie Angaben zu möglichen Aufenthaltsorten von Manfred Seel machen?
  • Können Sie Angaben zu sexuellen Präferenzen von Manfred Seel machen, beispielsweise im Rahmen der Prostitutionsausübung oder aus der SM-Szene, einschlägiger Foren oder ggf. gar Sadistenszene?
  • Können Sie Angaben zu angemieteten oder zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten von Manfred Seel machen und falls ja, wo liegen diese?
  • Können Sie Angaben zu genutzten oder zur Verfügung stehenden Fahrzeugen von Manfred Seel machen?
  • Kennen Sie Mitarbeiter der Fa. LEDERER u. SEEL oder waren ggf. selbst Mitarbeiter dieser Firma oder können Angaben zu Lagerungs- und Entsorgungsmöglichkeiten dieser Firma machen?

ZU DEN OPFERN EBEL UND ERÜLKEROGLU

  • Können Sie Angaben zu Kontaktpersonen der Opfer machen, oder kennen Sie diese selbst?
  • Können Sie Angaben zu regelmäßigen Aufenthaltsorten(Hinwendungsorte) der Opfer geben?
  • Können Sie etwas zu möglichen sexuellen Neigungen oder Präferenzen der Opfer angeben?

ZU DEN OPFERN SINGH UND MONROSE

  • Können Sie Angaben zu Kontakten zwischen Manfred Seel und den Opfern machen? Haben Sie diese ggf. zusammen wahrgenommen?
  • Kennen Sie mögliche Freier dieser Opfer?
  • Kennen Sie direkte Kolleginnen dieser Opfer aus dem Umfeld des Frankfurter Straßenstrichs, die Auskunft über die Getöteten geben können?

ZUR PARTY-LOCATION NEBEN DEM JOHANNA-KIRCHNER-STIFT

  • Wer kennt die Örtlichkeit als Party-Location bzw. generell aus dem Jahr 1971?
  • Kennen Sie Besucher oder haben sich ggf. selbst dort aufgehalten?
  • Wer hat ggf. Partys dort ausgerichtet?
  • Haben Sie Manfred Seel, ggf. in Begleitung, dort gesehen?
  • Haben Sie Frau Ebel und Frau Erülkeroglu ebenfalls dort gesehen?

Hinweise - auf Wunsch auch vertraulich - an das Hessische Landeskriminalamt unter der Rufnummer: 0611/83 83 83 oder per Mail an alaska.hlka@polizei.hessen.de

hut



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